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Aus Nebelgluten sondern sich Schlacken, ballen sich, erkaltend, zu Sonnen und Erden; aus lebender Flut starre Gebilde, aus Gottheit— — Ich — —ur-sprung-er-schein-ung-ur-teil-gegen-teil-ver-langen— ein unabsehbarer Strom, der das All durchmessend, in seiner eigenen Quelle mündet—: Samsara!
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Uns schauend Blinden—Nichts. Da geschieht im All Einen das Unergründbare: Absonderung 'Ich'. Absonderung hält sich zurück—der Strom überflutet; Absonderung drängt vor—der Strom hemmt; Empfindung und Empfundenes—Wirkung aus dir und Wirkung auf dich.— Das Eine, Einheitliche, Ungeteilte, Unteilbare—: als sei zwiefach Sein. Es scheint als seist du—es scheint als sei außer dir, es scheint, erscheint, und ist wirklich: Ich und Sinnenwelt, ja und nein, Lust und Leid, und alle Worte. Aus dem seelisch Einen das sinnlich Zerklüftete: die im Ich-bewußtsein erwachte Welt. Aus dem Ewigen das ewig Vergängliche— Vergängliche Welten zeugen wider sich selbst: Absonderung "Ich" aus Gottheit ist Sündenfall. Ur-sprung—atmende Kluft, die trennend verbindet—Anziehung und Abstoßung, Entzweiug und Zu-eins-paarung, Werden-Verwerden zugleich —Spiel in sich selbst—unsere Welt— —eine Welt durch ewig erneuten Ursprung in sich; eine Welt in ewiger Selbstentzweiung, in ewigem Kampfe gegen sich selbst, in ewiger Blindheit sich selbst gebärend, sich selbst vernichtend—die im Wahn gewordene, im Wahnsinn verharrende Welt. Unabsehbar grauenerfüllte Wahlstatt nie gestillten Verlangens, nimmer endender Tat—Ringen um verlorenes Paradies, Ringen um Erkenntnis, Ringen um Erlösung—Seele wider Sinne, Gedanke wider Tat, Himmel wider Hölle; endloses Ringen von Lust wider Seeligkeit, Samsara wider Nirvana, Abgott 'Ich' wider Gottheit —allüberall blind stürmende Erscheinung, von Sinneswahn zu Widersinn sinnlos wechselnd; hinfällige Gebilde, Scheingestalten, flüchtige Schatten, im Entstehen dem Untergang, in der Geburt dem Tode geweiht—Trugbilder, bloße Namen, bloße Worte im nichtigen Urteil Ich— —endloser Widersinn ewig erneuter Entzweiung, ewig neuer Wiedervereinigung—werdend verwerdende, seiend nicht seiende Welten.
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Durch blindes Vergaffen ist Sinnenwelt.
Sinnenwelt schafft sich wie Liebesrausch, wie aus deinem
inne-Befinden der Traum sich schafft—sinnvoll—sinnlos. Wie ein
Weib, verlangend angeschaut, zu sinnberückendem Reiz wird, so wird
Seele, verlangend angeschaut, zu berückender Sinneswelt—: unsere
Welt! wirklich zwar, doch nicht wahrhaft. Und wie es aus Traum und
Rausch ein Erwachen gibt, so gibt es ein Erwachen aus verlangenden
Sinnen.
Was du in dir Traum und was du außer dir Wirklichkeit nennst, ist
wesenseines—: zu sinnlichen Bildern geworden er Gedanke.
Wie die Schlange, die dich im Traume schreckt, nicht wahrhaft lebt; wie das Schwert, das dich im Traume trifft, nicht von Eisen ist; die Geliebte, die dich beglückt, nicht Fleisch und Blut— —wie Lust und Qual, wie Schlange und Weib im Traum— —so alle Dinge dieser Welt—wirken und sind nicht. Und wie unter deiner Schädeldecke Schwert und Weib Raum hat und alle Gebilde dieser Welt, dazu alles Geschehen und Werden— —so ist die ganze Welt in dir und ist nicht; wirklich zwar, doch nicht wahrhaft— und wie die im Traume wahrgenommenen Gesichte alsbald zu nichts verflattern, so schwindet im Leben alles dahin, was du für wahrhaft geworden hieltest; von allen Welten bleibt Erinnerung, und Erinnerung verweht— und wie es im Traume ein leises Besinnen gibt, so dämmert dir wohl in lichten Augenblicken die Erkenntnis: ich träume diese Welt— und wie du, aus dem Traume voll erwachend, Lust und Grauen abgeschüttelt hast, so erwachst du aus den Freudenqualen unseeliger Erscheinung und schaust wahrhaft—überwunden ist alles Verlangen, geschlossen der Ursprung—nicht mehr ist diese Welt.
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Befangen hält uns alle ein tiefer Traum—ein allfesselnder, ein allumstrickender Wahn, ein unermeßliches Blendwerk—Maya—unsere Welt.
Wie, wenn ein Pilgerzug, in wasserloser Strecke vom Wege abgeirrt, dem Tode ins Antlitz schaut und es ersteht den Dürstenden das Wüstentrugbild: Zelte und Paläste unter wehenden Palmen spiegeln sich in weiten Wasserflächen—was verzweifelnd zu Boden lag, rafft sich freudig auf und strebt entschlossen dem verheißenden Ziele zu und lobpreist bewegten Herzens—vergessen ist alle Qual!—die rettenden Götter. Du aber, mit dem Auge des Wissenden schauend, stehst unbewegt— und die an dir vorübereilen, nach vermeintlichem Glücke jagend, weisen höhnend auf dich zurück: da steht er, der uns lehren wollte, wohl in weisen Gedanken versunken! Ihm vor Augen ist Leben und Lust—und der Narr grübelt, statt zuzugreifen. Durchschaut ist die blendende Erscheinung, als Wahn-sinn erkannt —diese wahr-genommene Welt ist vergänglicher Schein.