Der nächste Tanz war eine Polka und er engagierte sie sofort. Sie sprachen nicht, sie tanzten schweigend, aber die Erregung, die in ihren Adern brannte, teilte sich ihren Bewegungen mit. Man tanzte diese polnischen Tänze damals noch nicht verdeutscht oder verwälscht, man exekutierte sie noch, mit einigen Vorbehalten im Takt, mit einer gewissen schwermütigen Glut und nach den häufig sich in Moll bewegenden echten Melodien. Die Tänzer stemmten noch die rechte Hand ihrer Dame in die linke Hüfte, warfen den Kopf nach hinten und preßten ihre Partnerin fest an die Brust. Es war noch etwas Feuriges und Hinreißendes in der Art, diese Nationaltänze auszuführen. Es befanden sich außer Witold von Kreowski noch einige echte Schlachzizensöhne unter den Anwesenden, solche, die das Deutsche nur hart und gebrochen sprachen – er tanzte trotz ihrer mit der Verve und der Anmut eines Królewicz.

Dann folgte ein Walzer. Ein kunstsinniger Musikant hatte »Wir winden dir den Jungfernkranz« aus dem Vierviertel- in einen langsamen Dreivierteltakt übertragen, der ungeheuren Beliebtheit dieses Stückes grausam Rechnung tragend, und darnach schleifte die Gesellschaft gefühlsselig; es war eine Art zu walzen, bei der man Geibel, Lenau und die Romantiker tanzte und die wackeligsten Jubelgreise noch mitthun konnten in sanften Erinnerungen an ihre friedlichen Eroberungen während der Freiheitskriege.

Es wurde nicht fest engagiert. Wanda Rhode tanzte mit allen, auch eine Tour mit Kreowski. Ohne mit ihm zu sprechen.

Ehe die Musikanten mit einem Krakowiak einsetzten, kam die Registratorin, der die Thränen vor Freude in die Augen traten, wenn eine ihrer Töchter einmal geholt wurde, an die junge Frau heran und bat sie, sich zurecht zu machen, da sie in ein paar Minuten gehen müßten.

Sie habe sich verpflichtet, Wanda um elf Uhr gesund an Madame Gernoth abzuliefern.

»Und ich soll Ihnen halten, was ich meiner Mutter versprochen habe?« fragte Wanda Rhode lachend.

»Aber das versteht sich doch, liebe Frau Doktorn.«

»Kennen Sie nicht das Gedicht von der schönen Bianca, die über den See zum Tanze fuhr und, als ein Gewitter heraufzog und die Wellen das Schiff zu verschlingen drohten, bei der Sonne schwur, keinen Fuß zu rühren, wenn sie nur glücklich das Land erreiche?«

»Nein, das kenne ich nicht.«

»Nun, hören Sie nur: als sie nun drüben war, zuckte es ihr zwar in allen Gliedern, aber sie hielt sich tapfer. Nur wie der Mond heraufstieg, die Musik immer berauschender wurde, die Lust immer lauter, da konnte sie nicht länger widerstehen und tanzte, und tanzte –«