Aber es giebt einen Höhepunkt des Glückes, auf dem es sich nicht zu halten vermag: die alte Wahrheit von der Blüte, die im herrlichsten Entfalten den Moment erreicht, wo sie zu welken beginnt; einen Höhepunkt, da die Engel den Atem anhalten, die Natur stillzustehen scheint, um den Augenblick zu verlängern, und nach dem es doch bergab geht, wenn nicht eine Wundermacht, die zugleich begreift und fühlt und Gefühl und Erkenntnis in den stärksten Willen strömen läßt, das Glück immer wieder aufwärts trägt.
Der Aufschwung des Geistes, des Gemütes, der den Arzt seine idealsten Anschauungen vor seiner jungen Frau sich ergießen ließ, fing eines Tages an, für diese etwas gleichförmiges zu haben. Diese philosophischen Ergüsse Hegelschen Gepräges, diese naturwissenschaftlichen Gesichtspunkte, diese demokratische Begeisterung wurden ihr – ein ganz klein wenig langweilig.
Die Zeit hatte das stärkste Vorurteil gegen tiefere wissenschaftliche oder gar politische Bildung der Frauen. Man hielt ihnen beides fern, da man beides, Wissenschaft und Politik, unweiblich fand, und es mußte das persönliche Bedürfnis eines Mannes vorliegen, eine Frau zu seinen Interessen heranzuziehen, was ihr die Ehre verschaffte, hier bisweilen den Schleier gelüftet zu sehn. Nur schlimm, daß ein persönliches Interesse ein sachliches, an den Dingen selbst haftendes niemals dauernd ersetzen kann; schlimm, daß es Wanda Rhode nach diesen Lüftungen gar nicht einmal gelüstete, daß sie, weit davon entfernt, sich geehrt zu fühlen, die Geduld, die sie schließlich bei Anhörung der Vorträge ihres Mannes entwickelte, ihm wiederum zumutete, indem sie von den Dingen sprach, die nur sie interessierten. Denn waren Politik und Medizin ihr gleichgültig, so waren es ihm Musik und die nachklassische Litteratur, die in den vierziger Jahren die Litteratur der Gegenwart war: Heine, die Jungdeutschen und die fremden Romanschriftsteller der Periode. Aber Verse und Belletristik waren das, womit sich zu beschäftigen für weiblich galt. Und wie in hundert anderen Fällen, wirkte die künstliche Scheidung der Interessen, hier unterstützt durch persönliche Neigungen, langsam als eine Scheidung der Gemüter.
So empfand man die ersten Enttäuschungen, die ersten Lücken und die Notwendigkeit, sie anderweitig auszufüllen. Der Doktor fing an, Bierstuben aufzusuchen, wo er sich entweder mit Fachgenossen über Trepanationen des Gehirns und Behandlung von Geschwülsten unterreden oder mit Politikern über allgemeines und Klassenwahlrecht erhitzen konnte.
Ach! Und es ward noch mehr: durch die Geburten dreier Kinder, von denen zwei ganz jung wieder starben, ward Heiterkeit in Angst und Schwermut, Freude an häuslichem Walten in Gleichgiltigkeit, ja – um gemeinen Mangels willen – endlich in traurige Sorge gewandelt; Rausch der Herzen wurde zum Grauen, Kraft und Gesundheit zur Hinfälligkeit und physischen Qual – die Wiege des Glückes zu seiner Grabstätte.
Es war immerhin ein Glück, daß Wanda den Nöten ihrer jungen Ehe eine Elastizität, eine Fähigkeit, momentanen kleinen Freuden gerecht zu werden, eine Beweglichkeit des Geistes entgegenzusetzen hatte, die über diese Nöte ihre raschen, bunten Schleier warf. Ein schönes Gedicht, eine glückliche Melodie, eine lebhafte Gesellschaft waren im Stande, in ihrem sonst wunderbaren Gedächtnis zeitweise alles auszulöschen, was peinlich und quälerisch darin war. Und dieser merkwürdigen Versatilität ihres Wesens war es dann auch zuzuschreiben, daß die Naturschönheiten des Berglands, alle die gefälligen Eindrücke, das Neue der Situation sie so rasch zu befreien vermochten, als ihre ursprüngliche körperliche Zähigkeit und Kraft rasch das Siechtum überwanden, das ihr diesen Wechsel des Aufenthaltes verschafft hatte.
So erblühte wiederum ihrer Krankheit neues Leben, in dem sie Jugend, Frohsinn und Ichgefühl zu herrlichem Gewinne wiederfand. Freilich zu einem Gewinne, der nicht mehr im Centrum der Pflicht und der Gewöhnung lag.
Fünftes Kapitel.
Nachdem Wanda ein paar Stunden schlaflos verbracht, dämmerte der Morgen nach jener Réunion, auf der sie Kreowski wieder begegnet war, trübe herauf und brachte einen feinen Sprühregen, der auffrischte, ohne alles unter Wasser zu setzen.
Als Wanda auf dem Kurplatze erschien, umdrängte man sie von allen Seiten und sie hatte alle Hände voll zu thun, die schönen Redensarten, mit denen man sie begrüßte, zu parieren und all den schmachtenden und feurigen Blicken um sie her Stand zu halten. Die Männer kokettierten damals noch nicht mit soviel militärischer Zusammengerafftheit wie heute – die Sentimentalität war auch bei ihnen eine schöne Tugend und respektvolle Galanterie ein Zeichen urbaner Bildung – aber man kokettierte ebenso gern.