Aber das war doch nicht der Hauptunterschied in der geistigen Signatur dieser beiden hochbegabten jungen Menschenkinder: in dem Doktor war die stärkste Objektivität der Interessen, in Wanda war alles subjektiv. Was immer in den Bannkreis ihrer Sinne und Begriffe trat, hatte Wert für sie, nur soweit es sich zu ihr in irgend eine Beziehung setzen ließ, und nur weil ihre eigene Natur außergewöhnlich reich war, war auch der Kreis ihrer Interessen groß. Auf diese Weise täuschte sie gewissermaßen über sich.

Der Doktor liebte sie mit einer Leidenschaft, die einem Manne etwas seiner Natur fremdes zu verleihen vermag. Ihm gab sie einen Hauch von Poesie, etwas Glänzendes und Erfinderisches, das sonst nicht in seiner Richtung lag.

Wanda zögerte trotzdem sehr lange, bis sie ihm Gehör schenkte. Sie fühlte instinktiv die Verschiedenheit ihrer Naturen, und es war nichts an ihm, das sie bezauberte oder bestach. Und dann that sie es doch. Er besiegte sie durch die Hartnäckigkeit, die die stärkste Schmeichelei der Liebe ist, durch den Geist, mit dem er anmutigere Nebenbuhler ausstach, und mit Hilfe von Frau Gernoth, die in ihm den ernsten und soliden Mann gefunden hatte, den sie ihrer Tochter wünschte.

Kurz vor der Hochzeit wandelte die Braut die Laune an, zurückzutreten. Sie hatte die Bekanntschaft Kreowskis gemacht, der ihr jene Lieder widmete, die in Text und Melodie Huldigungen für sie waren, die sie verwirrten. Aber es handelte sich doch auch hier um keine große Leidenschaft, die alle guten Gefühle für den Doktor ausgelöscht hätte, und so kämpfte sie denn diese Anwandlung nieder, um so mehr als Madame Gernoth ihre Bedenken durchaus nicht wollte gelten lassen, und heiratete den Doktor.

Und siehe: das Glück sproßte ihr auf, wie eine Blume, die man zögernd in ein ihr fremdes Erdreich gesetzt, ängstlich, ob sie darin zu Grunde gehen oder doch klein und unansehnlich werden würde, und die darin aufblüht, in einer Schönheit, die niemand geahnt, mit einem Schmelz, der ein Wunder zu sein scheint.

O diese goldenen Stunden geliebten Beieinanders! Diese fröhlichen kleinen Mahlzeiten mit ihren einfachen Schüsseln, die der Appetit würzt; diese Spaziergänge an den Flußdämmen entlang, wenn die an landschaftlichen Schönheiten arme Gegend zum Paradiese wird, sobald die Sonne, deren Glanz alles mit dem Glücke der Herzen in Verbindung zu setzen scheint, leuchtend darauf liegt; dieses harmlos frohe Geplauder, unter dem man die Wege zurücklegt! Ach! und diese holden Abende bei traulichem Lampenschein! Wie beseligend dieses Näher- und immer Näherrücken der Geister, dieses Überfließen der Seelen, dieses Aufgehen der Herzen im Austausch aller Gedanken und Empfindungen!

Wie hold dann selbst diese kleinen Bekenntnisse und Mitteilungen aus den Tagen junger Vergangenheit, in denen man sich noch nicht kannte, der Eifer, auch sie in Beziehung zur Gegenwart zu bringen, Teilnahme, Verständnis, Vergebung zu suchen, wo man so sicher weiß, daß man sie findet. Schonungslos werden dann frühere kleine Neigungen preisgegeben, in denen die gegenwärtige immer die erste ist, weil sie unvergleichlich stärker erscheint, lustig kleine Verlegenheiten gebeichtet, kindliche Nöte und Sorgen erzählt. Dann müssen selbst Schulhefte, Stammbücher und Prämien herhalten, dann Sträußchen, Locken und Liebesbriefe, dann werden Andenken von Tanten und Erbstücke der Großmutter hervorgesucht, eine kindliche Sammlung von billigen Kleinodien, Henkeldukaten oder Denkmünzen, kurz, alle diese hundert kindischen Wichtigkeiten, denen man entwachsen ist und an denen das Herz doch noch hängt.

Dann wird selbst der Spargroschen aus der Mädchenzeit einmal produziert: dieser langsam und mühselig erworbene kleine Schatz, der Notgroschen, den man auf Rat der Mutter eigentlich ganz geheim halten soll – aber gerade das ist nun so hold: diese rückhaltlose Vertraulichkeit, die auf dem reinsten Vertrauen, der rückhaltlosesten Liebe beruht.

O, die goldenen Stunden! Goldener noch, wenn die Kindereien dann wieder ernsterer Unterredung weichen. Wie strömen dann die Herzen alles Beste aus, geben für frohe Erinnerungen froheres Gefühl der Gegenwart und das starke, schwellende Empfinden der Zukunft: diese Träume leichten Gelingens stolzer Pläne, der Erfüllung junger Hoffnungen, des Gewinnes früher Mühen. Und in Persönlichstes hinein die Hochflut großer allgemeinster Ideen und Ideale, die die Gemüter erfaßt und fortreißt, um sie auf fremdem, objektiven Gebiete einander wieder um so inniger zuzutragen. Bis wohl die Lampe unter hohen Gesprächen zu erlöschen droht, und die Nacht, ganz herabgesunken, alles umhüllt, Persönlichstes und Unpersönlichstes und nur eins erfüllt: die heißen, süßen Mahnungen der Natur, bis stärkstes Lebensgefühl das Ich auslöscht und zugleich über sich erhöht. –

Wie reizend auch die Freuden einer harmlosen Geselligkeit in einem Kreise, der sich bei bescheidenen Lebensbedingungen durch Witz und Geist auszeichnet, in dem man Anregung giebt und findet, sich schätzt und liebt und, wo man sich gehen läßt, doch niemals die Anmut verletzt. Man war in mancher Beziehung damals noch kindlich. Man vergnügte sich noch an Pfänderspielen und den Bildern einer laterna magica, man machte Verse über launige Themata und führte Charaden auf, leierte Bänkelsängereien zu selbstgemalten Tableaus und jagte sich im Freien herum. Man sang noch zur Guitarre, und wenn man sang, brauchte man keine »Schule« zu haben, die Herren rauchten Cigarren aus einheimischem Tabak, und die Frauen buken ihre Zuckernüsse noch auf dem Herdfeuer. Wenn die Politik die Gemüter nicht erhitzte – was sie freilich dann mit Heftigkeit that, – war man äußerst friedfertig in Principien und Anschauungen. Es gab damals keine socialen Fragen, es gab keine Judenfrage und kaum eine konfessionelle, es war die Zeit, wo Pastor und Kaplan geistliche Brüder waren. Man war ein bischen kosmopolitisch neben aller bösen Demokraterei und unglaublich positiv. Man war anspruchsloser und darum sorgloser und naiver als man heute ist. Wer aber obendrein jung und witzig war, war ausgelassen, wie man es jetzt fast verlernt hat. Und dann, nach diesen Vergnügungen, die Rückkehr in das eigene Heim mit dem Gefühl, daß seine Freuden über alle anderen gehn!