Viertes Kapitel.
Als Madame Gernoth den Entschluß gefaßt, sich von ihrem Manne zu trennen, hatte sie es in dem Trotz und dem Selbstgefühl einer etwas eckigen, aber redlichen Natur gethan und aus einer Empfindungsweise heraus, der alles Kühne frech, alles Gewagte unsolid dünkt, und die keine Nachsicht kennt für die impulsiven, schnellen Eindrücken empfänglichen Gemüter, die auch einer Versuchung einmal unterliegen, ohne deshalb schlecht zu sein, die vorübergehend untreu sind, ohne es mit ihren besten Gefühlen zu werden. Und obgleich, als das Zerwürfnis einmal ausgebrochen, Gernoth sie zu versöhnen strebte, zog sie, unbeugsam wie sie war, vor, Not und Sorge auf sich zu nehmen, statt dort ein Wohlleben zu führen, wo sie ihr Gefühl täglich verletzt sah.
Not und Sorge sollten jedenfalls nicht ausbleiben. Gereizt durch die Härte seiner Frau, brachte Gernoth es fertig, sie und das Kind, das er ihr überließ, sehr ungünstig zu stellen und über einem neuen Verhältnisse rasch zu vergessen. Dagegen schien Frau Florentine viel Glück bei der Erziehung ihrer Tochter zu haben, die zwar schon frühe viel von dem übersprudelnden, leicht beweglichen Wesen des Vaters, aber auch andere Eigenschaften verriet, die die Mutter als Hebel ansetzte, um alles an väterlichem Erbteil in Wanda zu unterdrücken. Es war etwas von dem Fleiß und der Sparsamkeit der mütterlichen Linie in dem Mädchen, das sich sehr gut hierzu eignete und von Madame Gernoth beständig herangezogen wurde, um Wanda zu rastloser Thätigkeit anzuhalten und ihr die Notwendigkeit, einen Spargroschen für Fälle besonderer Not anzulegen, einzuprägen; eine Vorsichtsmaßregel, der die sorgliche Frau besondere Wichtigkeit beimaß, der Tochter sogar die bescheidenen Freuden, die der Jugend Bedürfnis sind, verkümmernd und – vielleicht nicht ganz weise – in die Freude an dem Wachsen ihres kleinen Schatzes verkehrend.
Es schien inkonsequent zu sein, daß Madame Gernoth, als ihr unverhofft eine kleine Erbschaft zufiel, sich beeilte, diese dazu zu verwenden, ihre inzwischen herangewachsene Tochter gefällig zu kleiden und ihr eine Reihe von Vergnügungen zu bereiten. Dennoch glaubte sie so verfahren zu sollen. Hätte sie das Martyrium einer langen unglücklichen Ehe hinter sich gehabt, so hätte sie vielleicht versucht, Wanda den Männern fernzuhalten. Aber sie hatte eine kurze Enttäuschung hinter sich, die sie selbst korrigiert hatte; sie hatte die Unbefriedigtheit und Schutzlosigkeit einer gattenlosen Existenz kennen gelernt und war so zu der Ansicht durchgedrungen, daß selbst eine nicht ganz glückliche Ehe noch immer besser sei als gar keine. Zudem war es noch die Zeit, in der die Unvermähltgebliebene unter der Bezeichnung »alte Jungfer« eine bemitleidete Erscheinung war, so daß Tausende heirateten, bloß um socialer Mißachtung zu entgehen. Endlich aber besaß Wanda eine Eigenschaft, die es geradezu unmöglich machte, sie der Aufmerksamkeit der Männer zu entziehen, und Frau Florentine vielmehr wünschen ließ, diese Aufmerksamkeit da zu erregen, wo sie ihr mütterliches Auge darüber wachen lassen konnte.
Wanda war eine der Schönheiten, an denen alles packt, entzückt und hinreißt.
In ihrem Wuchse, in ihrem schwebenden Gange lag allein etwas, das bezauberte, in ihrem Nacken, der Bildung und Haltung der Schultern etwas Verführerisches. Dazu kam ein flirrender Glanz in den Augen, etwas Kühnes, Eroberndes in dem Schnitt ihrer Nase und ein geheimnisvolles Zucken um die lebensvollen Lippen, das wechselnd die ganze Skala ihres Wesens verriet und doch nie ganz verriet. Wie sie nun dabei mit blitzartiger Klugheit und einem Gedächtnis ausgestattet war, das alle Eindrücke und Vorkommnisse, jeden Vers, jede Melodie, jedes launige Wort festhielt und mit spielender Leichtigkeit an die Oberfläche warf, eroberte sie, was in ihren Gesichtskreis trat.
Die Erfahrungen, die Frau Gernoth in dieser Beziehung machte, waren geradezu verblüffend. Sie hätte ohne alle mütterliche Eitelkeit sein müssen, wenn sie ihr nicht geschmeichelt hätten, aber wie dann Wanda zu denen gehörte, die Wirkung ausüben und erfahren müssen, um ganz sie selbst zu sein, dann aber auch unauslöschlich sie selbst sind, wurde Frau Florentine auch klar, daß ihre haushälterische Erziehung den Kern des Wesens ihrer Tochter unberührt gelassen hatte.
Wanda berauschte sich an ihren Erfolgen. Die Natur hatte garnicht daran gedacht, Fischblut in ihre Adern zu gießen, mit dem Temperament ihres Vaters hatte sie sein leichtentzündliches Herz geerbt; und sie nahm diese Eigenschaft keineswegs übel: nur wer selbst die Unruhe, die Schmerzen und die Süßigkeiten der Liebe in vollem Maße kennen zu lernen veranlagt ist, ist fähig, die ungeheuren Triumphe zu genießen, die die Schönheit feiert.
Wenn sie indessen davon träumte, ein Lebensglück zu finden, das diesen Triumphen entspräche, so sollte ihr das Schicksal diesen Traum nicht erfüllen.
Unter ihren Bewerbern befand sich ein junger Arzt, der eben seinen Doktor gemacht, den Kopf voller Ideale und die Brust voll ehrgeiziger Träume hatte. Was sein Äußeres anlangte, so konnte er sich, ohne unschön zu sein, mit Wanda Gernoth nicht vergleichen, geistig war er ihr durchaus ebenbürtig. Doktor Rhode war nicht ohne Witz und Humor, der Schwerpunkt seines Wesens indessen lag in einem starken wissenschaftlichen Hange und in der Tiefe seines Geistes, der sich zu dem ihren verhielt, etwa wie eine ruhige, starke Flut zu einem sprudelnden Sturzbach oder wie schweres Geschütz zu den knatternden Gewehrsalven einer leicht beweglichen Truppe.