Dann begann Kreowski leise eine Melodie zu summen. Das hatte etwas wundervoll Feierliches und Unmittelbares. Sie hörte andächtig zu, sie begriff, daß sich ihm die Stimmung der Stunde in Töne umsetzte, und das Schöpferische neben ihr erschien ihr heilig.

»Das wäre das leise Rauschen des Regens durch die Blätter und das Wogen der ziehenden Nebel gewesen,« sagte er. »Sehnsuchtsvoll, schwermütig. Jetzt aber – jetzt der Durchbruch der Sonne, der Glücksstrahl, der alles überloht! Aus es moll über es-dur in e-dur. Trah – tratatatah!! Das müßten die Trompeten machen, die haben zugleich das Herzzerreißende und das Glänzende.«

»Muß es denn herzzerreißend sein?«

»Es muß so sein, weil es so ist. Aber ich erscheine Ihnen wohl als ein thörichter Phantast, Ihnen, die Sie glücklich sind, wirklich glücklich, wie Sie gestern sagten, und die Sie nicht begreifen können, daß wir abgeschmackt werden, wenn wir's nicht sind, so abgeschmackt, daß wir uns sogar die Gaben mitleidiger Teilnahme behagen lassen, die uns vielleicht demütigen sollten.«

Sie sah ihn an und schwieg doch. Es war wie gestern: das Pathos zwischen ihnen ging nicht, sie mußte einen andern Ton suchen. Und ihrer leichtbewegten Natur fiel das nicht schwer.

»Was Sie doch alles reden!« rief sie lachend. »Ich wollte, es machte Sie ein bischen lustig, wie wir hier zusammen spazieren gehn, während die verzauberten Königskinder hochachtungsvoll und ergebenst zur Seite stehn und ihre Nebeltaschentücher schwenken, wenn wir kommen, die Sonnenstrahlen sich in schlüpfende Eidechsen verwandeln, die Wassertropfen rot werden vor Vergnügen und die Blumen sich wichtig zuflüstern: dort kommen zwei Phantasten, die denken, sie sind Menschen wie die andern auch, weil sie auf zwei Füßen gehn und reden wie die andern auch. Aber diese guten Leute sind Flüchtlinge aus Genieland, sie tragen die Flügel unter ihren Flanelljäckchen, weil Flügel im Philisterlande durchaus unmodern sind und sie sich ihrer also schämen müssen. Und bloß wenn es die andern nicht sehen, legen sie Jäckchen und Fräckchen ab, breiten ihre Flügel aus und kehren auf ein paar Stunden in ihre Heimat zurück. Eines Tages aber werden sie kommen wie Simson, werden irgend einen großen Esel unter den Philistern erschlagen und mit seinen Kinnbacken die übrigen ausrotten und dämpfen mit der Glut ihres Geistes.«

»Wundervoll!«

Sie lachte.

»Und werden,« nahm der Pole ihre Phantasterei auf, »das Evangelium verkünden, das die Augen und Ohren aller Sterblichen jauchzend vernehmen werden und lachend mitteilen ein Mund dem andern, das Evangelium von der Kraft und Tugend, die eine Kraft und Tugend ist über alle: das hehre, jubelnde Evangelium von der Schönheit.«

»Sie schwärmen.«