»Was könnte ich besseres thun? Ich, der ich sie anbete im Geist und in der Wahrheit, der ich ihrer Gläubigen demütigster und zugleich ihr Hoherpriester bin? Der ich trunken bin von dem Trank meiner Augen und als ihr Blutzeuge sterben wollte, – wenn Sie es forderten?«
Diese Art Unterhaltung, geistreichelnd, pathetisch und voller Schmeichelei für Wanda war nur allzu sehr nach ihrem Geschmacke. Dennoch fühlte sie, daß sie bereits wieder an der Grenze angelangt waren und daß es Zeit war, den Ernst zu persiflieren.
»›Und die blutgefüllte Schale reicht er ihr zum Opfer dar!‹ Schauderhaft! Ich merke, man ist seines Lebens neben Ihnen nicht sicher, denn leicht könnte der neue Hohepriester die Schärfe seines Messers an seinen Nebenmenschen wetzen wollen, ehe er sich selber darbringt. Gehen Sie und besänftigen Sie erst Ihr barbarisches Gemüt, eh ich mich wieder in Ihre Nähe wage.«
Und sie lief ihm lachend davon, den Abhang hinunter, ihm ihre spöttischen Grüße hinaufsendend, ehe sie ganz verschwand.
Als sie nicht mehr zu sehen war, schwand Lächeln und Glückseligkeit aus seinem Gesicht. Halb schwermütig, halb verwundert starrte er ins Leere vor sich nieder. Was für gekräuseltes Zeug hatte er noch eben geredet, das er nie vorher gedacht, das seiner Art zu denken und zu empfinden neu und seltsam war. Aber war es denn so, daß uns die Liebe in Augenblicken der Ekstase uns selbst entfremdet und uns Worte reden läßt, wie aus anderem Munde? Daß sie uns bald blind, bald hellseherisch, heut zu Propheten, morgen zu Gotteslästerern macht?
Langsam ging er den Weg hinunter. In einem leisem Winde rauschten die regenschweren Bäume, rauschten Tropfen, Melodieen auf ihn nieder; schwermutsvolle Melodieen, wie Thränen, die wir zögernd vergießen, weil uns angst wird, daß wir uns selber verlieren, bis sie sich zu Freudenthränen wandeln in dem jauchzenden Bewußtsein, daß das Fremde in uns Gewinn, Zuwachs, Steigerung unser selber war, und daß es die Flut unserer Schmerzen ist, in der die Sonne unseres Glückes sich am hellsten spiegelt. – –
Sechstes Kapitel.
Es war etwa anderthalb Wochen nach jenem Tage, da Holtei die Salzbrunner Badegäste mit seiner Vorlesung aus »Lorbeerbaum und Bettelstab« entzückt hatte, daß Madame Gernoth und ihre Tochter wieder einmal im Buchengange lustwandelten, zwischen sich das Kind führend.
»Die Gerichtsrätin aus Brieg hat mir ein sehr hübsches Muster zu einer Strumpfkante gegeben, wie aus kleinen Fächern zusammengesetzt. So will ich Klärchen ein paar Sonntagsstrümpfel stricken.«
»Was wirst Du Dich nur so quälen.«