Da zwei auffallende Erscheinungen, Madame Florentine Gernoth, und ihre Tochter, Frau Doktor Rhode, sich sehr zurückhielten, gehörten sie zu den meistbesprochenen Persönlichkeiten.
Sie lebten einfach. Jeden Morgen zur gleichen Zeit sah man sie nach dem Brunnenhause und zur Molkenanstalt gehen, Wanda Rhode ihr Glas in der Hand, Madame Gernoth ihre kleine Enkelin führend, und wen die Frauen mit ihren schlanken, ebenmäßigen Figuren, den kühngeschnittenen Nasen, den großen, stolzblickenden Augen der älteren, den zärtlichen, geistreichen der Tochter nicht mehr interessierten, der warf gewiß einen Blick auf das kluge, ernsthafte Gesicht des kleinen Mädels, dessen blitzende Augen jede Seite des großen Bilderbuches, das vor ihm aufgeschlagen lag, aufmerksam musterten. Es war Rasse in den drei Figuren, wenn auch nicht in aristokratischem Sinne.
Es hatte sich herumgesprochen, daß Madame Gernoth von ihrem Manne geschieden und in sehr bescheidenen Verhältnissen zu leben gezwungen sei, während dieser, ein reicher Breslauer Fabrikant, als Lebemann galt, der im Musik- und Theaterleben der Stadt eine Rolle spiele. Man nannte große Summen, die er im Dienste der Musen verschwende. Von der Frau Doktor wußte man nicht zuviel: sie war viel umworben worden, hatte einen jungen Arzt geheiratet, ein paar kleine Kinder gehabt, von denen sich nur eines am Leben erhalten und war seit der Geburt des letzten leidend gewesen. Das war alles.
Wenn Frau Gernoth darauf bestand, daß sie sich in den ersten beiden Wochen vollständig von der Badegesellschaft zurückhielten, geschah es auf Wunsch des Arztes, der bei der Lebhaftigkeit der jungen Frau fürchtete, daß vieles Sprechen ihr schädlich sein könne. Sobald nur aber die Halsaffektion sich gegeben hatte und die Farbe auf Wanda Rhodes Wangen zurückkehrte, war die sorgliche Mutter auch bereit, ihr den Verkehr mit anderen und die Teilnahme an einigen bescheidenen Vergnügungen zu gönnen.
Sie überlegte eben, an welche der Frauen, die sie vom Sehen und ein paar gelegentlich gewechselten Worten kannte, sie sich am besten zu einer Kremserfahrt oder dergleichen anschließen möchten, als Wanda von einem Spaziergange, den sie allein durch die Anlagen unternommen, zurückkehrend, in fröhlicher Erregung auf sie zueilte.
»Mutter – Konzert im weißen Lamm – Stücke von Beethoven und Chopin-Liedervorträge – Deklamationen von Holtei, denk bloß: Holtei! Entree vier gute Groschen, das ist doch nicht schlimm? Nicht wahr, wir gehen? Ich bin ja wieder ganz gesund, von Halsschmerz keine Spur mehr, ganz gesund, bloß daß ich vor Langerweile sterbe.«
»Holtei hätt' ich auch gern einmal gehört! Aber das wären für uns beide acht gute Groschen.«
»Wir müssen uns doch auch einmal etwas gönnen. Zuletzt Tanz. Denk' doch.«
»I wo werd ich Dich denn tanzen lassen!«
»Gesunde Menschen können tanzen, soviel sie wollen. Habe ohnedies das ganze Jahr so schlimm zugebracht. – Ach Gott!«