Und wie ernsthaft-heimlich es war, sich dazu aus dem grellen Mondlicht in den Schatten der ehrwürdigen Alma Mater zu ducken, die fromme Jesuitenpatres erbaut, um verbotener Liebe Schirm zu gewähren.
»Was hast Du heute getrieben, mein Glück?« fragte er.
»Ein bischen genäht, Wäsche gefaltet, mit Clärchen gespielt, nach dem Himmel gesehen und immer an Dich gedacht. Und was Du?«
»Meine Serenade ins Reine geschrieben, eine Chorübung abgehalten, ein Stück spazieren gegangen und mich auf Dich gefreut. Macht es Dich glücklich, an mich zu denken?«
»Über alles glücklich! Ewald hegt irgend einen großen Plan, ich glaube, er bildet sich ein, man könne Leute mit elektrischen Funken gesund machen – das macht ihn ganz geistesabwesend, oder entgeistert mich oder macht mich zu einem Gespenst, ich weiß nicht: er sieht mich, scheint es, überhaupt nicht mehr. Aber freilich, ich sehe ihn auch nicht mehr, ich sah nur Dich, immer nur Dich, Lieber, immer nur Dich.«
»Meine Fee, meine Göttin, mein Engel! Daß ich doch neue, süße, hohe Namen erfinden könnte. Dich zu ehren – aber nun ist meine Phantasie zu arm. Viel, viel zu arm. Und ich kann nur kläglich nachstammeln, was andere vor mir gestammelt. Du über alles Geliebte.«
»Das ist das liebste, was ich höre.«
Aus dem Austausch zärtlicher Versicherungen wurde die Unterhaltung schließlich ein allerliebstes kleines Fachgespräch. Es war so langweilig, an diesen einsamen langen Winterabenden immer bloß zu lesen und zu singen. Wanda Rhode beschäftigte sich neuerdings damit, englische Gedichte zu übersetzen. Das war eine anmutige kleine Anstrengung, die sie unterhielt und davor bewahrte, zu viel eigene Verse zu machen, die ihr allzu leicht von statten gingen und die gewissenhaft zu feilen sie noch nicht kritisch genug war, so daß die Arbeit daran das Gefährliche, Gefühlen starke Wendungen zu suchen, aufgehoben hätte. Aber das Übersetzen war richtige Arbeit, die sie von ihrer Subjektivität und der schwankenden Unruhe ihres Inneren abzog. Sie trug dem sanften und verständnisvollen Witold daher gern Text und deutsche Fassung vor, und dann hatten sie ihre kleinen Diskussionen über ihren und den Urtext, die sehr ernsthaft und lebhaft geführt wurden und von denen man dann zu musikalischen überging.
Wanda Rhode wollte heute schwören, daß eine Melodie, die sie zu summen anfing, aus einer Mozart'schen Symphonie sei, Kreowski schwur auf Beethoven.
»Wenn Du jetzt ein Mann und mein guter Freund wärest,« sagte er scherzend, – »wir sind keine fünfzig Schritte mehr von meinem Hause – wie hübsch, wenn ich jetzt sagen könnte: komm' mit herauf, ich habe den Klavierauszug oben – und Du wärest geschlagen.«