Es war eine so verhaßte Rolle, die der warnenden, scheltenden Schwiegermutter.

Und warum vorzeitig Unfrieden erwecken? Kam er, so kam er früh genug. Warum ihr Kind anklagen vor diesem Thoren, der selbst nicht schuldlos war, der seine Hände befleckt hatte, mit einem Eingriff, der Unrecht war, auch wenn ihn tausend Gesetze ein Recht nannten? So wenigstens empfand sie.

Sie war nicht unfähig, sich seine Not, die Heftigkeit seiner Wünsche vor Augen zu halten, aber ihr Herz schrie darnach, ihr Kind, obschon sie es verurteilte, zu verteidigen, und dieses Verlangen entsprang dem verletzten Rechtsgefühl der Frau, die selbst Unrecht gelitten, wo ihr Schutz verheißen worden war.

Die Hälfte der Schuld lag auf ihm – mochte er ihren Fluch tragen.

Als Wanda Rhode die Straße betrat, wunderte sie sich, daß es so kalt geworden war. Es war zwar nicht mehr als drei Grad unter Null, aber die Luft war rauh und scharf. Auf den Straßen lag ein dünner, trockener Schnee, der im Mondschein schimmerte. Glitzernd standen Brunnen und Laternenpfähle, Bäume und Sträucher, alle von buntem Rauhreif überzogen. Doch es sollte noch schöner kommen. Sie mußte das Stück Promenade nehmen, das sich von der Ziegelbastion bis zur Universitätsbrücke den Strom entlang hinzieht. Dort, in geringer Entfernung von der Brücke, erhob sich ein anderer vom Festungswall stehen gebliebener Hügel, der Eisberg. Auf ihm war die Begegnung verabredet.

Es war ein öder, menschenleerer und schlecht beleuchteter Weg, doch bei Vollmond sehr gut passierbar und verklärt von zauberhafter Schönheit. Unwillkürlich verlangsamten sich ihre Schritte. Man betritt nur bebenden Fußes ein Feenland, in dem, dem traumhaften, bleichen, doch alles zuckt in millionenfachem, buntem Geflimmer. Da waren die großen, feierlichen Platanen, die ihr undichtes, hellfarbiges Astwerk, daran im Sommer die großen tiefschattigen Blätter prangen, weit ausbreiteten wie glänzende Arme, da die ehrwürdigen Nußbäume und traulichen Linden, die stämmigen Kastanien und zierlich verästelten Buchen, und alle hatten sich die gleißende Verzauberung gefallen lassen müssen, so gut wie die Flieder- und Goldregenhecken, wie die Reste dürftigen Grases und das niedrige Fichtengesträuch am Wege, wie Weg und Steg selber.

Die Oder war fest gefroren und auf ihrer bläulich-silbernen und doch bunt überflimmerten Decke zogen ein paar einsame Schlittschuhläufer ihre Kurven.

Es war so schön, daß sie sich fragte, ob irgend ein Sommertag mit goldigen Lüften und prangendem Grün sich damit vergleichen ließe, so fremdartig, so märchenhaft schön wie die Welt verbotenen Glückes, die ihre Liebe war, mitten in dieser kahlen, nüchternen Alltagswelt.

Und da kam der Erwartete auch schon! In einen weiten, faltenreichen Burnuß gewickelt, die viereckige Polenmütze auf dem Kopfe, die ihm so gut stand, kam er ihr entgegen.

»Mein Lieb, mein Lieb,« flüsterte er und schloß sie in die Arme. Wie poetisch und romantisch das war, im Mondenschein über knisternde Stege durch den knirschenden, leuchtenden Schnee zu gehen und zu hören, daß man geliebt werde, daß man schön sei, genial und hinreißend, daß jeder Gedanke eines andern, jeder Vers, jede Melodie, jede Empfindung einem gehören, und versichern zu dürfen, wie man dieser kurzen Stunde entgegengejubelt, wie sie das Glück und der Glanz des Lebens sei.