Und da schlief sie auch schon.

»Großer Gott, was für Zeug,« flüsterte die Frau und sah gramerfüllt auf das kleine Ding nieder. »Rechne es ihr nicht an, mein Gott. Und behüte sie, mein Gott, behüte sie vor – vor –«

Ach! man spricht nicht alles aus, was man denkt, nicht einmal vor Gott.

Es kam ihr heiß und schwül im Zimmer vor. Sie stand auf, ließ das trübe Nachtlichtchen etwas höher aufflammen und wollte sich eben mit einem Strickzeug wieder an das Bett des Kindes setzen, als eine klaffende Schrankthür ihren Ordnungssinn beleidigte. Sie suchte sie zu schließen, öffnete sie, weil sie klemmte, weiter und sah das Kleid, zu dessen Anprobe Wanda gegangen, fertig dahängen; ein Anblick, der der graden Frau die Schamröte für ihre Tochter ins Gesicht trieb.

Wanda hatte also gelogen. Das Lügen gehörte sonst nicht zu ihren Fehlern, sie war sogar wahrhafter und offenherziger, als zu sein klug ist. Wenn sie hier die Unwahrheit gesagt, konnte es nur einen Grund haben: sie war gegangen, ihren Liebhaber zu treffen.

Sie schloß den Schrank wieder, setzte sich steif in den Stuhl und starrte vor sich hin. Ihr sonst noch regelmäßig schönes und keineswegs ältliches Gesicht sah aus, wie das eines bekümmerten alten Mannes.

Nebenan hörte sie den Doktor mit Papieren knistern, den Stuhl rücken, auf- und abgehen und endlich mit seinen Apparaten hantieren. Ein eigentümlicher Geruch verriet ihren empfindlichen Sinnen, daß er die Zink-Kohlenelemente eingesetzt hatte. Er hatte ihr das vorhin gezeigt und sie belehrt, wie man in einem Augenblicke den Strom her- und die Verbindung wieder abstellen könne. Und sie lächelte vor sich hin. Unzweifelhaft: in der Tiefe seines Herzens war ein Strom von Liebe für ihre Tochter – aber der Mann verstand es nicht, die Verbindung zwischen dem praktischen Leben und diesem Strome herzustellen. Der Thor!

Er verstand es nicht, weil da etwas war, das eine Binde um seine Augen legte, seine Hände fesselte, seinen Sinn bethörte, und ihn hinderte, diesen Strom herzustellen. Ach – sie wußte recht gut, was das war, sie hatte es selbst erfahren! Es war der Mangel an höchster Achtung, den der Mann der Frau als einer ihm nicht Gleichstehenden bezeigt, und der der verderbliche Dämon ist, der alle Paradiese in Wüsten verwandelt, die Ströme der Liebe versiegen und die Funken lebendigen Lebens verlöschen läßt. Wenigstens war das die Meinung von Madame Gernoth. –

Wenn sie ihm das alles sagte? ihn warnte, ihn beschwor, ihm alles rückhaltlos mitteilte?

Sie stand auf, zögerte – und ließ es.