Mann und Mutter wollten sie trotz ihrer Schnaken nicht gehen lassen, aber da kam es heraus, daß sie oft des Abends kleine Besorgungen mache oder ein Stück an die Luft gehe, wenn das Kind zu Bett und der Doktor in seinem Klub sei, und daß ihr noch niemals eine Unannehmlichkeit widerfahren.

Und damit hatte sie auch schon Hut und Mantel angelegt, küßte das Kind nochmals, sagte den andern: »In einer halben Stunde bin ich wieder da,« und eilte fort. Die Mutter seufzte und schloß die Reste des Abendbrotes weg, der Doktor ging in sein Zimmer. Er hatte die Absicht gehabt, noch in eine politische Versammlung zu gehen, aber er wollte Frau Gernoth beweisen, daß er bisweilen abends zu Hause sei.

In seinem Zimmer überkam ihn eine sonderbare Unruhe, er ging wieder in die Wohnstube, öffnete das Fenster und sah hinaus, um Wanda zurückzurufen. Aber in dem schwachen Dämmerlicht und den tiefen Schatten, die ein paar Öllämpchen auf den Schnee draußen warfen, war nichts mehr von ihr zu sehen. So kehrte er zurück und nahm sich vor, jetzt öfter des Abends zu Hause zu bleiben. Er hatte sie am Flügel und mit ihren Gedichtbüchern immer sehr gut aufgehoben geglaubt und nicht daran gedacht, daß das Alleinsein, einen Abend wie den andern, Gift für ihr unruhiges Gemüt war. Jetzt machte er sich Vorwürfe, daß die Einsamkeit sie noch oft spät auf die Straßen trieb, um irgend welche Lappalien einzukaufen.

Unterdessen trug die Großmutter das Kind, das schon auf ihrem Arme eingeschlafen war, in das Schlafkabinett, in dem eine schmauchende Nachtlampe an Wände und Decke groteske Schatten warf, kleidete ihr Enkeltöchterchen aus, indem sie beständig in jener zärtlichen und zugleich monoton einschläfernden Weise zu ihm sprach, mit der man übermüdetes kleines Volk zur Ruhe bringt, und sah dabei in Gedanken immerfort ihre Tochter mit schnellen Füßen über den Schnee laufen, immerfort, ohne Ziel und Ende. Sie seufzte, lüftete dem Kinde nochmals die Kissen, deckte es zu und faltete die Hände, aber das Bild vor ihren Augen wich nicht.

»Beten, mein Clärchen!«

Die Kleine war so verschlafen, daß sie nur mit den Augen blinzelte, den Kopf wieder fallen ließ und sich hinlegte. Doch die Großmutter, der Pünktlichkeit und Ordnung auch der höchsten Instanz gegenüber über alles ging, richtete das kleine Mädel abermals auf und prägte ihr die Notwendigkeit seines Nachtgebetes dringlichst ein.

»Ja,« sagte das Kind gehorsam, aber von Schläfrigkeit ganz verwirrt, schlug die Augen weit auf, legte die Fingerchen ineinander und sagte dann feierlich:

»Mein dunkles Herze lieb' Dich,
Es lieb' Dich und es bicht –«

»Schon gut, schon gut!«

»Amen, gute Nacht, Großel.«