Schön sei sie nicht, sagte er zu Ole (zu dessen größter Verwunderung), sobald die beiden sich trafen. Aber er wurde nicht müde, von dem neuen und eigenartigen Eindruck zu sprechen, den sie hier unter all den andern mache. Ihre Mutter müsse sich an einer Spanierin versehen haben, als sie mit ihr schwanger ging. Wäre nicht dieses Unnennbare — die Augen gewesen, was auf der ganzen Welt Volk von Volk unterscheidet — wären nicht die Augen gewesen, sie hätte unter Spaniern ruhig für eine Landsmännin gelten können. Wie das in einem norwegischen Hause wirkte! Sie sprach gut — lebendig und rasch — war aber eigentlich wortkarg, und hielt sich zurück. Kühn in ihrer Kleidung, mit einer Vorliebe für starke Farben, ganz modern, fast herausfordernd, aber in jeder andern Hinsicht eher scheu.

Fortan war Edvard ihr Bruder. Der Vater war verreist, und während der Zeit wohnte sie bei Rektors und war nicht immer zu haben; aber so oft es sich machen ließ, waren sie zusammen. Sie hatte die Empfindung, als ob er sie gern "entdeckt" hätte, und war auf ihrer Hut; aber es schmeichelte ihr, daß er in Gesellschaft seine Worte an sie richtete und daß seine Augen stets die ihren suchten.


Während Ole, tief unglücklich, sein Gesicht ins Gras des Waldbodens preßte, standen sie alle vor ihm, die Stunden, da sie auf dem Ball den Bruder hatte tanzen sehen — mit der und mit jener — manchmal mehrere Tänze mit einer und derselben — und mit ihr bloß eine "Pflichttour".

Und jetzt?

Jetzt war sie Edvards Schwester — seine geliebte Schwester — und Oles und ihre Wege gingen auseinander ...

Weshalb mußte Edvard sich in ein Verhältnis eindrängen, von dem er doch gar nichts wußte? Sich Rechte anmaßen, die er sich durch nichts verdient hatte? Nach ein paar Tagen des Zusammenseins einfach entscheiden, wer für sie passe — und wer nicht?

Weshalb vor aller Augen ihn angreifen und ihn verhöhnen in dem, was ihm Lebenssache war? Und nicht allein ihn — sondern Gott selber.

Und wie Ole Tuft diesem Gedanken nachhing, verbreitete sich um ihn ein seltsam heller Lichtschimmer — und in diesem Schimmer stieg etwas Großes empor über den Bergen jenseits des Fjords ... Er fühlte, wie es ihn im Nacken packte, während er so dalag, das Antlitz tief in den Rasen gedrückt. Und es flüsterte, und das Flüstern erfüllte den ganzen Raum — von dort bis hier —: "Was hast Du aus mir gemacht?"

Ah — wie plattgedrückt kam er sich vor — wie in die Erde hineingepreßt! Und er begriff jetzt, weshalb der Schmerz wie mit einem Schermesser das Kranke aus seinem Fleische schnitt. Er hatte verloren heute, weil er als Lügner dastand. "Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!" "Gott, Gott! Vergib mir! Schone meiner! — Und Deine fleischlichen, Deine eitlen Träume!... Nimm, gleich Israel, der Nacht wahr, um zu ringen mit mir!... Wurm, der Du Dich krümmst!" — — —