So herzlich sich auch Rendalen im einzelnen und dem einzelnen hingab — er hielt sich gleichzeitig immer in einer gewissen Distanz, über die niemand hinwegkam. Er liebte seinen Pflegebruder Vangen; aber gerade an Vangen sah man recht eigentlich, daß immer eine bestimmte Scheidewand da war. Auch darin begegnete Kallem Rendalens Bedürfnis; er hatte ebenfalls diese Unnahbarkeit, bei aller Hingabe.

Daneben gab es aber auch genug Ungleichheiten, die das Verhältnis einerseits frisch erhielten, andrerseits erschwerten. Die Schwierigkeiten kamen fast alle auf Rendalens Konto; Kallem war geschmeidiger und fügsamer. Wenn Rendalen gerade einmal Lust hatte, so spielte er stundenlang Klavier, spielte, als ob überhaupt niemand im Zimmer sei; man konnte ebensogut gleich gehen. Überhaupt war er es, der bei jedem Zusammensein den Ton angab. Er war launisch und hatte lange Schwermutsperioden, wo nur selten jemand ein Wort aus ihm herausbrachte. Eine ungeheure Arbeitskraft, wenn er mit etwas beschäftigt war, das seine Seele gefangen nahm, und dann gab er allen den Laufpaß. War er aber in der mitteilsamen Laune und so recht "in Stimmung", so war die ganze Luft um ihn herum mit Elektrizität geladen.

Das medizinische Studium war für Kallem jeden Tag eine neue Entdeckung, und bei ihren gemeinsamen physiologischen Studien trugen sie einander getreulich alles zu — jeder von seiner Seite. Im Januar und Februar waren sie fast jeden Abend zusammen, wenn nicht sonst, so doch sicher von sechs bis sieben in der Turnhalle. Meist aßen sie hinterher zusammen, am liebsten bei Rendalen, der ein Klavier hatte.

Anfang März kam Rendalens Mutter auf Besuch. Sie wohnte bei den Wirtsleuten des Sohnes, die vor kurzem erst nach der Stadt gezogen waren: ein blinder Mann aus Nordland, der noch dazu auf einer Seite gelähmt war, und eine außerordentlich musikalische Frau, ganz jung, fast noch ein Kind — die seltsamste Ehe, die man sich denken konnte. Rendalen sprach oft von ihnen. Solange die Mutter des Kameraden in der Stadt war, hielt Kallem sich fern. Jedesmal, wenn sie vom Turnen kamen, merkte er, daß Rendalen seine Begleitung nicht wünsche. Aber auch, als die Mutter nach acht Tagen abgereist war, blieb es dabei; entweder turnte Rendalen länger als Kallem, oder er ging nach den ersten paar Übungen gleich wieder weg; er wünschte offenbar nicht, daß Kallem ihn begleiten solle. Wahrscheinlich hat er wieder seinen Schwermutsrappel! dachte Edvard.

Aber eines Vormittags, als Kallem etwas früher als gewöhnlich nach Hause gekommen war — in der Regel war er den ganzen Vormittag fort — hörte er draußen läuten. Das Mädchen öffnete, und Rendalens Schritt erklang im Vorzimmer. Er trat hastig ein, — finster, wortkarg. Er habe ein Anliegen: ob Kallem nicht die Wohnung mit ihm tauschen wolle.

Kallem kannte ihn zu genau und war zu gutmütig, um sich irgendwelche Verwunderung anmerken zu lassen; er fragte auch gar nicht nach dem Grund, sondern sagte bloß, seine beiden kleinen Zimmer würden wohl schwerlich für Rendalens Sammlungen und sein Klavier ausreichen. Und Vangen? Oder wolle er nicht länger mit Vangen zusammenwohnen? Doch, freilich! Aber neben Kallems zwei Stuben sei ein großer Saal, auf den er, Rendalen, es schon längst abgesehen habe; die Wirtin würde ihn gern vermieten. Und ihm passe er gerade. Allein schon Klavier zu spielen in diesem Saal! — "Hast Du bereits mit der Wirtin darüber gesprochen?" — "Nein; das will ich jetzt." Und damit war er hinaus. Dann kamen beide, er und die Wirtin, wieder herein. Und wenige Minuten später war alles abgemacht. Schon am Nachmittag wurde der Umzug bewerkstelligt. Als der wackere Vangen auf seinen langen Beinen vom Mittagessen nach Hause kam, saß Kallem im ersten Zimmer rechts neben der Korridortür in Schlafrock und Pantoffeln und erzählte ihm, Rendalen wohne jetzt in der Sehestedsstraße, in Kallems früherer Wohnung; sie hätten getauscht. Beide lachten.

"Und dabei gefiel es ihm hier so gut!" sagte Vangen. Das war aber auch das einzige, was er sagte.

Kallem dachte natürlich über die Ursache dieses hastigen Umzugs nach und hatte auch die Absicht, sich jedesmal einen ausführlichen Schwatz mit dem Mädchen zu leisten, wenn es kam, um nach dem Ofen zu sehen oder ihm Frühstück und Abendbrot zu bringen, das er im Hause einnahm. Sie sah aus, als wisse sie etwas. Marie hatte ein eigentümliches Lächeln, ungefähr als wenn sie sagen wollte: "O — ich durchschau' Euch alle miteinander — auch Dich, Du Schlauberger!" Gleich als sie ihm zum erstenmal die Tür aufmachte, hatte sie dieses Lächeln. Ihre Augen waren bis über die Hälfte verhüllt von den Lidern, die in einer hängenden Falte darüber lagen. Die Nase war platt und aufgestülpt und zog beim Lachen den Mund wie an zwei straffen Bändern in die Höhe, daß die Oberlippe vorstand und eine Reihe Zähne zeigte, die sich um den Platz zu streiten schienen; sie blitzten mit dem Lächeln um die Wette. Alles, was sie sagte, hatte einen Unterton von Schelmerei und Spottlust; unter den Lidern schoß es hervor, in den Mundwinkeln spielte es. Dabei eine weiche Stimme. Im übrigen ein kerniges Mädel, gut gebaut, klug wie der Teufel und trotz ihrer lachlustigen Kritik zurückhaltend und vorsichtig in Worten und Benehmen. Aber das Lachen lag immer auf der Lauer. Als er sagte: "Mein Name ist Edvard Kallem — ich werde in Herrn Rendalens Zimmern wohnen!" antwortete sie lächelnd: "Oh!" — als kenne sie alle seine Geheimnisse von Kindesbeinen an. Erwähnte er Rendalen irgendwie, so sah sie aus, als wisse sie einen ganzen Haufen lustiger Geschichten von ihm; aber trotzdem — zum besten gab sie nichts.

Das Haus, in dem er jetzt wohnte, war ein Eckgebäude, schräg gegenüber der Universität. Die Haustür ging auf die Straße, an der auch Kallems Zimmer gelegen waren. Sie lagen im zweiten Stock, auf demselben Korridor wie die Wohnung der Wirtsleute, d. h. das eine Zimmer — das andere, sein Schlafzimmer, lag außerhalb mit eigenem Eingang. Rendalen hatte noch ein drittes Zimmer gehabt, das Eckzimmer weiter drinnen. An der Korridortür befestigte Kallem seine Visitenkarte, unter einem großen Schild, auf dem "Sören Kule" stand; das war der Name des Wirts. Tags darauf, an einem Sonntag, machte er seinen Antrittsbesuch.

Der blinde, gelähmte Mann saß in einem großen Rollstuhl. Er war noch jung, der Unglückliche, kaum über dreißig, von übermäßig dicker Gestalt, mit schweren Gesichtszügen und schwerer Zunge. Schon sein: "Herein!" auf Kallems Klopfen klang schwerfällig. Kallem nannte seinen Namen. Der andere saß da, ohne sich zu rühren und antwortete langsam: "So, so! — Ich bin nämlich blind. — Und kann mich auch nur wenig bewegen." Er sagte es mit nordländischem Tonfall. Die einzelnen Silben kamen wie das plumpe Trotten von Londoner Bierbrauerpferden heraus. Die Gesichtszüge waren, trotz ihrer Fülle, scharf geschnitten und klar; es war augenscheinlich Rasse in dem Mann. Kallem war Mediziner genug, um auf der Stelle zu erkennen, was die Ursache seiner Blindheit und Gelähmtheit war. Verschiedene Stahlstiche, Holzschnitte und Photographien von Spanien an den Wänden brachten ihn auf den Gedanken, daß er vielleicht von dort das Geschenk mitgebracht hatte, mit dem das galante Völkchen da unten so freigebig ist.