Und jetzt wieder auf den Hof. Durch die Fenster sah sie, wie Kallem, tief über den Kranken gebückt, dessen Brust behorchte. Bald darauf kam Kent heraus, neben ihm die alte Frau. Er schrie, so laut er konnte, aber sie schien trotzdem fast nichts zu verstehen. Jetzt stand Kallems hohe Gestalt in der Tür; er kam auf sie zu. Wie sie ihn liebte!
Nachmittags saßen sie zusammen in dem nach Südosten gelegenen Arbeitszimmer des Doktors. Bis auf die Bücher war jetzt alles in Ordnung. Sören Pedersen kam, begleitet von Aase, zur Eßzimmertür herein; er pfiffig, sie verschüchtert. Eben kämen der Herr Pastor und seine Frau durch den Garten.
Kallem sah, wie Ragni bleich wurde. In Gegenwart der beiden begnügte er sich damit, frischweg zu sagen: "Komm, Ragni!" und ging dann ins Verandazimmer und von dort auf den Korridor, um die Gäste zu empfangen.
Die Begrüßung war steif. Der Pastor bat, die ungelegene Besuchszeit zu entschuldigen; ihm passe es so am besten, da er gerade vom Abendgottesdienst komme. Sie hätten überhaupt bloß anfragen wollen, ob Schwager und Schwägerin nicht heute bei ihnen zu Abend essen wollten? Sonntags sei ja ein Geistlicher erst abends so recht sein eigener Herr. — Die Stimme hatte noch etwas von dem feierlichen Predigerton, und Gesicht und Wesen trugen einen Abglanz der Kirche. Josefine stand ganz still und sah sich im Zimmer um; und bald ging auch der Pastor dazu über.
Er fand es "zu gemütlich" hier! Der Flügel war ein "Prachtstück". Während sie ihn betrachteten, wandte sich Josefine zu Ragni; es waren die ersten Worte, die sie sprach: "Sie spielen ja so schön?" — "O— —" — n"Wollen Sie uns nicht etwas vorspielen?" Und der Pastor fügte hinzu: "Ach ja, bitte!"
Ragni sah ihren Mann an — wie ein Ertrinkender, der nach Hilfe ausschaut. "Ragni muß in Stimmung sein, um spielen zu können!" sagte er. "Natürlich — Sie werden müde sein!" entschuldigte der Pastor. Man setzte sich; Kallem und der Pastor einander gegenüber, Josefine ein bißchen abseits; Ragni blieb stehen.
"Natürlich — Ihr müßt beide müde sein!" fuhr der Pastor fort. "Die lange Reise — — und jetzt das ganze Einrichten hier! Wie ich von Doktor Kent höre, seid Ihr bald fertig?" — Ja. Sie hätten aber auch eine ganz ausgezeichnete Hilfe gehabt an Sören Pedersen und seiner Frau. Ragni fürchtete auf einmal, die beiden könnten noch im Eßzimmer sein und lief hinein; nein, sie waren fort. Auch im Zimmer des Doktors waren sie nicht.
Das Gesicht des Pastors hatte einen ganz eigenen väterlichen Ausdruck angenommen. "Wir haben Sören Pedersen und seine Frau für Euch nehmen müssen, weil sonst niemand zu haben war. Aber eigentlich müßte man solchen Leuten überhaupt keine Arbeit geben." — "So?" -— "Tüchtige Arbeiter; aber sie vertrinken alles, was sie verdienen, und bleiben tagelang von der Arbeit weg, wie auch hier. Sie erregen großes Ärgernis in der Gemeinde." — "Alle Wetter!" Ragni strich dicht an Kallem vorbei und fuhr ihm leicht mit der Hand über den Kopf; sie tat, als wolle sie etwas vom Flügel holen. Der Pastor ließ sich durch den leichtfertigen Ton des Doktors nicht abschrecken. "Wir haben alles versucht bei den beiden, was wir nur konnten — sie trinkt geradeso wie er. Ihr würdet Euch wundern, wenn Ihr wüßtet, wie gut alle Leute gegen sie gewesen sind. Aber alles vergebens — ja, schlimmer als vergebens! Nun, ich will nicht näher auf die Sache eingehen." Und er blickte hinüber zu seiner Frau, die in ihrem enganschließenden Kleid dasaß, kraftvoll, undurchdringlich, aus einem Guß und tadellos vom Scheitel bis zur Sohle. Die Augen mit dem wohlgeschulten Blick, der alles sieht, ohne bestimmtes eigentliches "Sehen". Kallem wäre am liebsten aufgesprungen und hätte sie angeschrien. Aber Ragni stand, im Hintergrund, unbemerkt von den andern, ihm gerade gegenüber.
"Zu dumm," sagte er, "daß der alte Doktor ein Haus dicht neben das Krankenhaus gebaut hat. Daß man fremde Menschen immer so dicht auf dem Leibe haben muß!" — "Der Alte hat es für seinen Schwager gebaut. Und nun ist der auch tot." — "Ja, das hab' ich gehört. Wenn ich in der Lage wäre, noch mehr Geld in Häuser zu stecken, so würd' ich es kaufen, trotzdem ich keine Verwendung dafür habe." Josefine wandte sich kaum merkbar um, vermutlich um zu sehen, ob Ragni noch da war. "Ich glaube nicht, daß es zu verkaufen ist!" sagte sie. "Ich kenne die Erben." Eine Weile war es still.