So blieb sie acht Tage und noch einmal acht Tage fort. Mittags an einem kalten Wintertag kam sie zurück, blaß, noch immer erkältet, ängstlich, unfähig, zu sagen, wie fürchterlich es ihr war, wieder unter Menschen zu kommen, die sie für eine ehrlose Frau hielten. Kallem erschrak über ihr Erkältetsein und ihr schlechtes Aussehen; ihr Wiedersehen war kein frohes Wiederfinden, sondern eine besorgte Untersuchung ihrer Brust und ein bißchen mattes Erzählen; sie war müde und verlangte ins Bett.

Kallem fragte, ob Karl geschrieben habe; hierher sei kein Brief von ihm gekommen. — Nein, sie habe auch keinen erhalten. — Ob sie denn nicht geschrieben habe? — Nein. Karl habe eine Vertraulichkeit gezeigt, die ihr nicht gefiele. — Es waren schon oft kleine Reibereien zwischen den beiden vorgekommen, von denen er erst später gehört hatte; und da sie ihn nicht ansah, fühlte er, daß er nicht fragen dürfe.

Mehrere Tage hütete sie das Bett. Ein leidiger trockener Husten wollte nicht weichen; sonst waren keinerlei besorgniserregende Indizien vorhanden. Als sie wieder aufstand, kam sie ihm merkwürdig mager vor; das Gesicht hatte einen matten kränklichen Zug; unter den Augen lagen dunkle Ringe. Sie sehnte sich hinaus — in die frische Luft. Aber sie weigerte sich auf das bestimmteste, außerhalb des Gartens spazieren zu gehen. Erst behauptete sie, das sei langweilig; als er sie aus dieser Stellung vertrieb, verschanzte sie sich hinter eine stärkere: sie fing zu weinen an. Er hielt das für ein verdächtiges Zeichen; sie war am Ende gar schwanger? In dieser Hoffnung gab er sich zufrieden und wartete. Sie machte ihre Spaziergänge im Garten und erzählte es ihm voll Stolz; aber daß sie fast immer nur in der Dämmerung ging, das verschwieg sie. Nach und nach fand sie selber, daß ihr besser war; und er fand das auch.

So verging eine Zeit. Er wartete auf das, was er so gern gehört hätte, glaubte da und dort Anzeichen zu bemerken; zwischendurch aber ängstigte es ihn, daß sie immer magerer zu werden schien; er konnte sie auch nicht zum Essen bewegen. Eines Abends, als er fort gewesen, war sie wie gewöhnlich draußen in der Dämmerung spazieren gegangen und hatte nachher Schüttelfrost und Beklemmungen. Als Kallem zu Bett ging, schlief sie; aber ihr Husten weckte ihn. Er machte Licht und sah, daß sie die Hand gegen die Brust preßte. "Tut das weh?" — "Ja." — "Wo?" — "Hier!" — Und sie zeigte auf das rechte Schlüsselbein. — "Hast Du Stiche da, wenn Du hustest?" — "Ja." — Im selben Augenblick hatte sie einen heftigen Hustenanfall. Er stand auf, zog sich an, legte im Ofen nach, klingelte und schickte das Mädchen nach der Apotheke. Unterdessen untersuchte er sie und fragte sie dabei aus. Er hörte von dem Schüttelfrost gestern Abend, und wie sie ihre Spaziergänge am liebsten in der Dämmerung mache. "In der Dämmerung!" rief er; mehr war nicht nötig; sie versteckte ihren Kopf in den Kissen. — Das möge sie doch in Zukunft gefälligst bleiben lassen! Und vorläufig müsse sie das Bett hüten, und zwar mehrere Tage. Das Senfpflaster auf der Brust war ihr unangenehm, mit den Hustenpillen hatte er mehr Glück. Er verbarg seine Besorgnis hinter allerhand Scherz und Zärtlichkeit; und wirklich — nach ein paar Tagen war sie wieder so wohl, als er kaum zu hoffen gewagt hatte! Auch ganz gehorsam war sie geworden; vierzehn Tage lang hielt sie sich still im Zimmer. Der Husten kam seltener; die einzelnen heftigen Anfälle stachen zwar in der Brust; aber sonst fühlte sie sich ganz wohl; nur ungeheuer matt und kurzatmig, so daß sie nicht einmal mehr Lust hatte zu spielen.

Im Garten wurde ein Weg für sie gebahnt, und zum erstenmal ging sie — mit Kallem — wieder bei Tag aus, kehrte aber gleich wieder ins Haus zurück. Erst ängstigte ihn das, ängstigte ihn merkwürdig; aber aus ihrer Art und Weise schloß er, daß es nur Laune sei. Sie fühlte sich indessen matter, als sie gestehen wollte. Am Tag darauf versuchte sie es mit Sigrid. Aber nach den ersten Schritten versagte ihr der Atem; sie mußte ausruhen, und bat Sigrid, nichts zu sagen; es werde schon vorübergehen, wenn sie "mehr trainierte". Das Wetter wurde milder; über Mittag waren sogar ein paar Grad Wärme. Sie fühlte sich wohler und konnte länger gehen; Kallem freute sich, als er eines Tages sah, daß sie das Klavier öffnete. —

Eines Abends erschien Sören Pedersen; bleich — allein — beides äußerst ungewöhnlich. Was war denn los? Kristen Larssen ginge um! Kallem brach in schallendes Gelächter aus. Sören verzog keine Miene: Kristen Larssen ginge, wahrhaftigen Gott, um! Im letzten Jahr seines Lebens hatte er nie mehr Geige gespielt; er hatte seine Geige Aune gegeben. Aber jetzt spiele er Geige in seinem alten Haus. — Ob denn niemand drin wohne? — Nein. Das Haus sei abgeschlossen; aber er spiele darin! Mehrere hatten es gleichzeitig gehört; nicht der leiseste Zweifel sei möglich. — Ach was — da habe sich einfach irgendein Schelm eingeschlichen! Wer den Schlüssel habe? — Der Neffe seiner Frau. — "Wer ist das?" — "Aune!" — "Na, siehst Du wohl!" — "Aune hat ja aber selber das ganze Haus mit durchsucht; und Aune hat am meisten Angst von uns allen!" — Ein Mädchen, die ein krankes Kind hatte — Kallem kannte sie, er war ihr Arzt — hatte eines Nachts Kristen Larssen an der Hauswand entlang schleichen sehen. Seitdem hatten noch mehrere ihn gesehen. "Zweifeln tat keiner daran!" schloß Sören. Wie wollte der Herr Doktor denn das erklären, daß Frau Bajer, die Frau des Obersten, eines Tags zu ihnen in ihren Tapezierladen gekommen sei, und ihnen erzählt habe, sie habe geträumt, Kristen Larssen sitze in einer langen Stube zwischen vielen großen, gelehrten Männern, die alle buchstabieren lernten? Sie hatte sich gedrungen gefühlt, Sören Pedersen, den Kristen Larssen ja doch verführt hatte, das zu erzählen. "Und denken Sie sich, Herr Doktor, gerade in der Nacht vorher haben wir beide, Aase und ich, geträumt, die Frau Oberst komme zu uns in den Laden!"

"Ich will Ihnen etwas ebenso Merkwürdiges erzählen, Pedersen. Am ersten Tag, als meine Frau und ich hier in der Stadt waren, begegneten wir Maurer Andersen, Karl Meek, Kristen Larssen, Sigrid, Ihnen und Ihrer Frau — alles im Lauf einer Viertelstunde!" Pedersen rollte seine Kugelaugen, ohne zu verstehen. Daran war doch weiter nichts Besonderes? — "Nein, denn auf die hundert anderen, denen wir begegneten, gaben wir gar nicht acht. Genau so wie Sie, Sören Pedersen, nicht acht geben auf die Hunderte, von denen Sie und Aase träumen, — wenn Sie sie nicht gerade tags darauf in Ihrem Laden sehen!"

Sören Pedersen war aber nicht überzeugt.

Der Aberglaube lag nun einmal in der Luft. Einer steckte den andern an; bald sprach die ganze Stadt von nichts weiter; besonders, nachdem sich auch der Pastor in die Sache gemischt hatte. Seit dem Frühjahr hatte er allein gehaust mit seiner Mutter — Frau und Sohn waren erst kürzlich wiedergekommen — und in dieser ganzen Zeit hatte seine Lehre zugenommen an Strenge, — in der letzten Zeit mit einem Gepräge von Leidenschaft, das Unheil prophezeite. Jetzt verkündete er im Betsaal, jeder Gläubige wisse ganz wohl, daß Geister unter uns lebten und wirkten, und daß viele nach dem Tode den Weg der Ruhelosen wanderten; das seien erwiesene Tatsachen, die sich als Mahnung von Geschlecht zu Geschlecht wiederholten.

Als Kallem davon hörte, machte er ernst mit einem Gedanken, den er schon längst gehabt hatte — nämlich: sich Aunes zu bemächtigen. Aune hatte gar keine Lust und war erfinderisch genug, ihm immer wieder zu entschlüpfen; er besaß eine große Überredungsgabe, mit der er auch Kallem oft zum Besten gehabt hatte; aber jetzt mußte er heran! Die Frau war vollkommen einverstanden, und in ihrer Gegenwart nahm Kallem ihn eines Sonntag vormittags im Krankenhause vor — zunächst wegen des Trinkens, dann aber vor allem, um Licht in die Spukgeschichte zu bringen, die natürlich kein anderer als dieser Erzschelm selbst in Szene gesetzt hatte. Und so war es auch! Jetzt kam aber die Schwierigkeit: wurde das bekannt, so war Aune zugrunde gerichtet. Das war der Frau sofort klar, und sie bat für ihn. Darum ließ sich nichts anderes tun in der Sache, als es ihm zu verbieten und zu schweigen.