Edvard wurde feuerrot, was Anders wohl bemerkte. War etwa die Marte von der Werft eine von denen, denen Ole "half"? Ja, es ließ sich nicht leugnen.

Die Glotzaugen weiteten sich ordentlich, um diese Beute aufzunehmen. Edvard sah, wie sie eingesogen und verschlungen wurde, und ihm war, als sinke er selber mit hinein und werde zerrissen und aufgefressen. Aber wenn es etwas gibt, was ein Schuljunge nicht verträgt, so ist es, sich gefangen zu sehen in seiner eigenen Arglosigkeit. Er beeilte sich, den ehrenrührigen Verdacht, als ob er das Lächerliche an Ole Tufts Vorhaben nicht durchschaue, von sich abzuwälzen. "Und denk Dir — aus der Bibel hat er der Marte vorgelesen!" — Ihr aus der Bibel vorgelesen? Wieder wurden die Glotzaugen ganz groß, um zu schlingen; aber schnell zogen sie sich wieder zusammen. Anders kam ins Lachen; er schüttelte sich geradezu; und Edvard mit.

Ja, er las der Marte aus der Bibel vor, die Geschichte vom verlorenen Sohn; und Edvard erzählte, was Marte gesagt hatte. Sie lachten um die Wette und tranken den Rest des Biers aus. Alles, was an Anders liebenswürdig und amüsant war, kam zum Vorschein, wenn er lachte. Das Lachen selbst hatte einen leichten Beiklang, wie wenn man jemand am Hals kitzelt — — es forderte zu immer neuer Heiterkeit heraus — zu endlos neuer Heiterkeit. Und Edvard mußte alles erzählen — und noch ein bißchen mehr.

Als er später mit dem Prachtband unterm Arm nach Hause lief, hatte er ein scheußliches Gefühl. Der Bierdunst war verflogen; das Lachen reizte ihn nicht mehr, und der gekränkten Eitelkeit war Genüge getan. Aber kaum war er an der frischen Luft, da glaubte er auch schon Oles gute Augen vor sich zu sehen. Er wollte das Gefühl abschütteln; er war so entsetzlich müde; heut abend konnte er nicht mehr denken. Aber morgen — ja, morgen wollte er Anders bitten, zu schweigen.

Doch am nächsten Morgen verschlief er die Zeit; er konnte nur gerade noch in die Kleider springen — und davonrasen — mit einer Buttersemmel im Mund und einem flüchtigen Gedanken an "Les trois mousquetaires", die jetzt ihm gehörten; heut nachmittag würde er sie lesen. In der Schule schlug er sich mit Hängen und Würgen von einer Stunde zur andern durch; er konnte keine seiner Aufgaben, und Sonnabends war gerade immer so viel. Bis auf die beiden letzten Stunden vor Schulschluß war er vollauf in Anspruch genommen; dann kam Französisch und Naturgeschichte; von den beiden Fächern war er dispensiert. Und nun ging's die Treppe hinunter, vor allen andern.

Wie er vor der Tür des Schulhauses stand, kam eben Anders von der andern Seite her. Der hatte jetzt eine Stunde in der obersten Klasse. Augenblicklich fiel Edvard der gestrige Abend ein, und es packte ihn ein Schrecken, was Anders jetzt wohl erzählen würde. Fast in derselben Sekunde aber erblickte er zwischen zwei Landungsbrücken ein Ungetüm von einem Dampfer, einen Havaristen, der sich langsam dem Hafen näherte. Solch ein Riesenschiff war noch nie im Hafen gewesen, sagten die Leute, die vorüberliefen. Mastlos, mit zerbrochener Schanzverkleidung, mit gestützten Schornsteinen, bis oben voll gespritzt von weißem Gischt, nur eben noch fähig, sich fortzubewegen — so kam es angezogen. Vielleicht im Schlepptau eines andern Dampfers — Edvard konnte der Brücken wegen nichts sehen. Alles rannte hinunter; und er mit.

Unterdessen schritt Anders durch das Schultor. Eben als er öffnete, leerten sich die Klassen; ihr ganzer Inhalt stürzte die Treppe hinunter in den Hof — wie durch einen langen Trichter. Ein Orkan in einem Riesenbauch —. Das Haus erdröhnte. Zuerst ein vereinzelter scharfer Schrei — die jubelnde Ichverkündigung des Ersten — dann ein Gemisch von Diskant- und Altstimmen — dann gebrochene Übergangsstimmen, die in einer etwas dunkleren Klangfarbe darüber hinwischten — dann ein gemeinsames Emporsprühen wie von einem gen Himmel flammenden Feuermeer, bald ein halbes Erlöschen hier — bald eine freudig aufschießende Feuersäule dort; dann wieder ein einheitlicher, breiter Glanz über dem ganzen Hofe.

Ruhig kam Anders dahergegangen. Nicht wie in einem Feuermeer, mehr wie durch gefahrvolle Brandungen getragen, gewiegt — hin und her gespült — von einem Ufer zum andern. Aber sein Ziel hatte er vor Augen. Er wollte sich vorsichtig durchschlagen bis zu dem Bretterhaufen am Zaun des Nachbars; dort war es still; und dort konnte er, gegen das Holz gelehnt, sich's ein bißchen bequem machen.

Nachdem er sich diese Rückenstütze gesichert und mit seinen Glotzaugen vorsichtig ausgespäht hatte, ob die Luft auch rein sei, glitt sein Blick zufrieden über die Menge hin; er genoß das reizvolle Gefühl der Gewißheit, diesen ganzen Aufruhr durch bloße drei, vier Worte — seinem Nachbar ins Ohr geflüstert — dämpfen zu können. Wie Öl auf eine tobende See würden sie wirken, und der Lärm würde verstummen, sobald die paar Worte über ihn hinflossen. Wo war Ole? Da — ein großer Junge hielt ihn gerade gepackt; sie hatten sich gegenseitig am Rockkragen und wirbelten im Kreis herum; der Große versuchte den Kleinen zu Fall zu bringen und half mit dem Fuß nach. Oles schwere Stiefel zappelten in der Luft; die eisenbeschlagenen Absätze blinkten; er lachte aus vollem Halse; denn der andere wurde immer wütender und aufgeregter, ohne ihn doch werfen zu können.

Da beugte Anders sich zu dem ihm Zunächststehenden herab: "Jetzt weiß ich, was Ole Tuft jeden Abend treibt." — "Ach, Quatsch!" — "Doch, ich weiß es." — "Wer hat's denn 'rausgekriegt?" — "Edvard Kallem." — "Edvard Kallem? Hat der das Buch bekommen?" — "Freilich." — "Nee — so was! Edvard Kallem!"