Dafür wurde er noch am selben Tage zur Disputation geladen.

Zwei Versammlungen wurden abgehalten im Verlauf der Woche, alle drei stark besucht. Sein Hauptgegner war ein Pastor und Redakteur einer theologischen Zeitschrift aus der Hauptstadt. Die Lehre von der Hölle war fast ausschließlich der Gegenstand, um den es sich drehte, und Tuft hielt daran fest: alles, was Paulus darüber gesagt habe, sei völlig verschieden z. B. von der Offenbarung Johannis. Nach Paulus sei das Leben hier und im Jenseits ein stetiges Fortschreiten, das damit ende, daß Gott "Alles in Allem" werde. Diese Lehre halte das Maß der Gerechtigkeit und der Liebe, — und es machte Eindruck, als er mit seiner metallreichen Stimme in der lebhaften, westländischen Tonart über die dichtgedrängte Versammlung hinrief, ob sie denn glaubten, Krieg und Unterdrückung durch den Stärkeren würden ein Ende nehmen, solange die Lehre von der Hölle mit ihrer grausamen Rachsucht und Roheit in allen Schulen und Kirchen als Gottes Gerechtigkeit und Liebe gelehrt würde!

Die Gegner waren ganz im "Stil der Höllenlehre", indem sie alles taten, ihn zu verketzern und zu verdammen. Unter den Zuhörern herrschte nur eine Meinung: in Klarheit und Überzeugungstreue war Tuft den andern allen über.

Das letzte Mal war auch Doktor Kallem zugegen; er sah auch Josefine mit flammenden Augen dasitzen; und am nächsten Tag gegen Abend kam seine Antwort.

Sie stand gerade vor dem Haus und sah ihrem Jungen zu, wie er mit der Gartenspritze spielte, als der Brief kam; sofort erkannte sie die Handschrift, und zitterte so, daß sie ihn gar nicht öffnen konnte. Es erschreckte sie, wie wenig kräftig sie im Grunde doch noch war. Sollte sie die Gesundheit ihrer Jugend nie wieder erlangen?

Sie ging also auf ihr Zimmer und riegelte hinter sich ab. Ein dicker Brief! Sie drehte und wendete ihn, setzte sich und überlegte, ob sie ihn vielleicht nicht doch Tuft zuerst lesen lassen sollte. Aber möglicherweise stand etwas über ihn darin, was er nicht sehen durfte.

Sie öffnete.

Kein Wort von ihrem Bruder, kein Wort an sie! Das erste, was sie sah, war von fremder Hand geschrieben; das nächste ebenfalls, das übernächste auch, zwei verschiedene Handschriften. Ein paar zusammengeheftete Bogen, einige Briefe, ein paar lose Zettel ... von Edvard kein Wort.

Was bedeutete das? Aus all den Papieren zog Josefine unwillkürlich das kleinste hervor, ein Zettelchen mit drei Zeilen darauf:

"Sie haben meinen guten Namen getötet und ich hab' es nicht gewußt. Denn ich wußte nicht, daß ich einen hatte, bis er getötet war."