Mutter hat ausgezeichnet geschlafen und ist heute auf, um alle ihre Geschenke entgegenzunehmen — von den Kindern hier Kleinigkeiten zum Backen und derartiges, und von Jenny ein Paar französische Lederpantoffeln, von Björn eine große tiefe blaue Kruke zum Regenschirm-Hineinsetzen, von Ida Lie einen köstlichen, köstlichen Maiglöckchentopf, von Erika wundervolle Rosen, und es kommt wohl noch mehr; ich beeile mich, zu schreiben, ehe die Besuche hereinbrechen. — Per Stejne hat mir geschrieben, sein Vater Ivar sei gestorben, und der Alte habe gewünscht, nicht Konow sollte die Trauerrede halten, sondern ich. Selbstverständlich fahre ich hin. Am Tage nach meinem Geburtstag reise ich. — Großmutter ist unwohl gewesen, ist aber nun wieder munter. Sonst keine Neuigkeiten von dort. Hier großer Aufstand und Spektakel in der Verteidigungssache, die man in Kristiania auf die hysterische und unnatürliche Art betreibt, die dieser Stadt eigen ist. Du mußt auf das „Dagblad“ abonnieren von Neujahr ab, wir werden es besorgen; „V. G.“[1] (d. h. eigentlich Vullum) nimmt einmal übers andere Gelegenheit, was ich schreibe, zu verzerren und darüber Lügen zu verbreiten. Du mußt also um Neujahr herum in einem liebenswürdigen Brief dafür danken, daß Du das Blatt bekommen hast, und Dir die weitere Zusendung verbitten.

Keine Zeit zum Schreiben. Sie kamen, die Besuche, sehr zeitig. Peters, Lies, Welhavens usw., Störmer usw. usw. Zum Abend werden Julie Nielsen, Rolfsens (aus Bergen) und Peters hier sein, Mutter ein wenig angegriffen von all dem Lärm. Und weil ich sehe, daß es sie mitnimmt, bin ich auch müde. — Björn spielt „Olav Trygvason“ von Grieg; Du sollst es haben (d. h. geborgt), damit Du siehst, was das für eine herrliche, großartige Musik ist.

Jetzt geh’ ich daran, „Mariannes Kaprizen“ mit Björn in der Hauptrolle einzustudieren (leihe Dir ein Heft Alfred de Musset und lies das Stück!). Ich will eben sehen. Ich hoffe, es geht. Auch dieser Theatermonat ist gut gewesen. — Der alte Jahn in Bergen, Mutters Pflegevater, hätte heute goldene Hochzeit feiern können, wenn seine „Catterin“ noch lebte. Wir telegraphierten. Es geht ihm so armselig, daß wir ihm helfen müssen. — Du hast wohl gesehen, daß mein Buch jetzt in zweiter Auflage erscheinen soll. Es hat noch immer überall den größten Erfolg. Keins meiner Bücher hat so großen Erfolg gehabt, vielleicht überhaupt keins in unserer neueren Literatur. Erste Auflage 7000, zweite 2000. Was Du über Dich und Deinen Gesang schreibst, ist mir immer das Wichtigste und das Liebste. Daß die anderen über Dich lachen, beweist wohl, daß Du selbst freundlich und fröhlich bist; hast Du geschrieben defendu de touché, dann haben sie auch über Deinen grammatikalischen Fehler gelacht. Aber was halten sie von Deinem Gesang? Hast Du sie darüber reden hören? Hast Du überhaupt Dir selbst einen Maßstab geschaffen nach dem Gesang der anderen? Kannst Du objektiv oder nach dem ruhigeren Urteil anderer Dir eine Meinung darüber bilden, was Dein Gesang in Umfang, Ausdruck, Wirkung jetzt ist? — Leb’ wohl denn, lieber Schatz, laß uns wünschen, daß Mutter bald wieder gesund wird; ich werde schreiben, falls die Besserung anhält, oder etwas Gutes sich ereignet; sofort schreiben.

Dein Freund Vater.


[1] Die Zeitung „Verdens Gang“.

Liebe Bergliot, also Du bist krank? Das geht weiß Gott nicht! Was soll denn das heißen? Werde wieder gesund, hörst Du, raff’ Deinen Willen zusammen und sei vorsichtig! — Mutter ist jetzt wieder ganz wohlauf, aber mager; es geht täglich vorwärts. Was für ein herrliches Wetter! Der Wald überzuckert und glitzernd im Sonnenschein, — unbedingt der schönste Naturanblick, den es gibt. Ein Bild der feinsten, reinsten, lautersten Gefühle des Herzens. — Und „Der Handschuh“ auf der Freien Bühne in Berlin! Folgendes Telegramm bekam ich von der Leitung und deren Freunden (es ist eine Vereinigung, die Neues auf dem deutschen Theater einführen will); sie waren hinterher zu einem Fest versammelt: „Lebhafte, herzliche Aufnahme. Wiederholter, starker Beifall bei offener Szene, vortreffliche Darstellung. Trotz Meinungsverschiedenheiten (über die Tendenz) hielt das Werk alle in seinem Bann. Die versammelten Leiter und Freunde der Freien Bühne grüßen Sie in froher Dankbarkeit.“ Otto Sinding telegraphiert: „Der Handschuh stürmischer Beifall, ausgezeichnetes Spiel.“ Fräulein Klingenfeld, die Übersetzerin: „Der Handschuh großer Erfolg, ausgezeichnete Wirkung.“ — Die Freie Bühne spielt ein Stück nur einmal. Dies ist von allen, die gegeben wurden, das erste, das einen durchschlagenden Erfolg gehabt hat. (Also auch nicht Ibsens, trotz allem Geschreibe, hat das gehabt! Nun kommt die Wahrheit zutage!) Das bedeutet, daß nunmehr verschiedene Bühnen es haben wollen; ein großer Schauspieler, Reicher, hat bereits gesagt, mit dem Riis, den er gespielt hat, würde er durch ganz Deutschland ziehen! Ferner bedeutet das, daß ich meine anderen Stücke folgen lassen kann! Ach, wenn ich das bloß könnte! — Dann wird man einsehen, daß ich zuerst Ibsen den Weg gebahnt habe und daß er ihn jetzt mir gebahnt hat. Wenn es doch glückte! es sah einmal so hoffnungslos aus. — Ich reise für etwa vierzehn Tage durch das Gudbrandsdal und halte politische Vorträge. Ich bin im Grunde nicht sehr erbaut darüber. Aber wen haben wir sonst? — Ich werde Dir Alexander Kiellands Broschüre über die Verteidigungsfrage zusenden lassen. Besseres ist in Norwegen nicht geschrieben worden. Herrgott, ist das ein Aufwaschen! Da stießen sie auf einen alten Groll, der seine Zunge zu brauchen weiß! Ich habe nie etwas Ähnliches in unserm heimischen Kampf gelesen! — Und jetzt wird er dem Journalismus untreu! — Werde wieder gesund und schicke uns gute, lichte, frohe Nachrichten, Du unser Sonnenvogel!

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, daß Poesie in einem Gesang ist, das will besagen, daß die Stimme durchleuchtet ist von einer ansprechenden Persönlichkeit; außer dem Ton und dem Wort hören wir die Sehnsucht, das Weh, die Freude, den Feuertrieb einer Seele; die Kunst selbst steht hier im Zusammenklang mit dem Wesen des Menschen vor uns; das ist es, was uns ergreift und hinreißt, die Stärke des Gefühls oder des Willens oder der Phantasie des Menschen und daß sie zum Durchbruch kommen in seinem Gesang. Eine große Stimme, die aber nicht erfüllt ist von diesen Dingen, nützt nichts; und umgekehrt, die größte Stärke der Persönlichkeit nützt nichts, wenn der Gesang nicht für sie ausreicht.

Hat Mad. Marchesi Dir jetzt „Halleluja“ gegeben, so meint sie damit, daß in Deiner Stimme eine Wasserklarheit ist, die einen reinen Sinn widerspiegelt, eine Innerlichkeit, die sphärische, phantastisch hinblauende Wege geht. Daneben aber müßtest Du ein Gesangsstück voll Leidenschaft und Willen haben und eins voll Schelmerei. Das kommt auch wohl. Hast Du mit ihr über das gesprochen, was Du Dir wünschtest, weil sie getroffen hat, was Dir gefällt? oder hast Du einfach so frei herausgesungen, daß sie einsieht, wo Deine Stärke liegt? Antworte mir hierauf. — Die Dachsparren auf Erlings und Annas Haus sind errichtet; nun liegt das Haus mit ausgebreiteten Flügeln da; sie decken all das schicksalreiche Erbe von Vätern und Müttern her bis zurück zur Kindheit unsres Volkes, ein Erbe, das ausgebrütet werden soll und gehütet unter seinem Schutz — sie decken alles Leid, das da weinen wird, alle Freude, allen Leichtsinn, die da lachen werden, alle Kräfte, die geweckt werden und arbeiten sollen, alle Ausschweifung in Sünde und Gedanken, alle Dummheit, alles edle Streben, alle Befriedigung, alle Reue und grübelnde Verzweiflung. Es wird wohl bald da etwas wachsen, was die Ehre unsres Namens schirmt oder ihn schändet, entweder bloß unsre starken Triebe erbt und nicht zugleich auch unsern Arbeitsmut und unsre Selbstbeherrschung. Von allem ist in unsrer Sippe etwas, und auch in Annas Familie soll es so sein; obendrein stoßen sie schon früher zusammen, sie haben sich schon ehedem gekreuzt. Ich sehe auf die Haussparren wie auf die Rippen in einem Schicksalkörper, dem langen, vielnamigen des Geschlechts. Möge er mehr werden als bloß Fischbrut, möge er etwas ans Licht tragen von dem Vielen, das ich für dies Land gedacht habe, sich kraft dieser Gedanken aufrichten als ein stärkerer Wille, denn die Gegenwart ihn hat, und so ein gesundes Erbteil kundtun! Dies ist der höchste Wunsch für mich selbst, den ich auszudrücken vermag. Und da es unser Familiensitz ist, so wird das Haus wohl starke Mächte gegen sich haben, abbrennen oder ähnliches; aber wieder auferstehen! schöner und bequemer! Also auch darin muß das Asyl des Geschlechts dem Geschlecht gleichen.