Dein guter Freund Vater.
Hurra dem Frühling auf Aulestad!
22. November 1889.
Süße Bergliot, ich habe so wenig Zeit; aber ich muß Dir doch sagen, wie sehr uns Dein letzter Brief erfreut hat. Wenn Du gut ißt, gut schläfst, gut singst, ... dann ist Sonnenschein und Festtag. Und dann sind Erling und Anna hier und erzählen von Dir und dem reizenden gichtbrüchigen Manne, bei dem Du wohnst, und wie Du in Deinem Element bist, wenn Du gut gegen ihn sein kannst. Und ich finde es so hübsch, daß Du ständig Deine Herzenswärme übst an denen, die der Hilfe bedürfen. Das Herz muß geübt werden, mindestens ebenso sehr wie der Geist und der Charakter; aber darauf legen die Menschen kein Gewicht. Und als Sängerin singt man mit dem Herzen genau so viel wie mit der Stimme selbst; es muß die Stimme und die Worte durchdrungen haben. Darum muß es auch reich genug sein, um durch Schule, fremde Sprache, Verlegenheit vor der Öffentlichkeit, Nichtaufgelegtsein hindurchzudringen mit der impulsiven Naturmacht der Stimmung.
Was für Sachen singst Du? Ist die Marchesi freundlich zu Dir? — An Hegel mußt Du solange im voraus schreiben, daß Du gerüstet bist, selbst wenn er es ein paar Tage oder so vergißt.
Erling und Anna sind so entzückend, so entzückend, Du, daß ich mich gar nicht satt an ihnen sehen kann. Sie sind so dumm und köstlich und so voll frischen Glaubens an sich selbst und an die Zukunft. Sie machen mir riesigen Spaß. Und obschon Mutter nicht wohl war, ist dies doch der fruchtbarste Aufenthalt gewesen, den wir je in Kristiania gehabt haben. So tätig und mit so viel Erfolg tätig bin ich noch nie gewesen. Und wer glaubt, er könne mich zu Boden werfen, oder könne vorbeigehen an dem, wofür ich mein Leben eingesetzt habe, der hat wieder umlernen müssen.
Ja, zu mehr habe ich nicht Zeit.
Dein Freund Vater.
1. Dezember 1889.
Sonntag, Mutters Geburtstag.