Dein Freund Vater.

Aulestad, 23. Februar 1890.

So sollst Du also schon im März öffentlich singen? Mir wurde ganz bange; denn ich mag euren Dressur-Gesang nicht, und viel anderes wird es wohl nicht, wenn Du nicht selbst wählen darfst. Uff, nun soll ich mich auch damit noch abängstigen! — Aber andererseits beweist es ja, daß Mad. Marchesi Zutrauen zu Dir hat; und kein geringes zu Deiner Zukunft, da sie Dich schon jetzt auftreten läßt.

Hier ist es nur widerlich. Jetzt wollen die Schweden mit König Midas Norwegen bereisen; ist es nicht unglaublich, daß auch meine Freunde das richtig finden? Entweder fühle ich anders als andere, oder hier muß eine neue Denkart aufkommen, die jetzt noch nicht die Oberhand hat.

Jetzt will ich mein Drama fertig schreiben (ich habe das andre beiseite gelegt), und sobald ich mir damit ein packendes Bild von unsrer unglaublichen Verantwortungslosigkeit von der Seele geschrieben habe, nehme ich meine Vorträge wieder auf und zeige den Leuten im großen und kleinen, wie unverantwortlich wir gegeneinander handeln.

Wenn man denkt, daß meine sogenannten „Freunde“ gleichzeitig „Freunde“ sind von Chr. Krohg und von mir, von Gunnar Hejberg und von mir! Und wenn ich tausend Jahr alt werde, ich verstehe das nicht, ich will davon nichts wissen. Aber ich werde dreinfahren!

Du tust mir so leid, immer wenn ich daran denke, wie tief Du Dir zu Herzen nimmst, daß Du Cavlings verlierst. Du mußt jemand haben, mit dem Du auch Unsinn treiben kannst; deshalb kann Mad. Sansot Dir nicht das werden, was Dir das liebste ist; aber im übrigen ist sie kernecht durch und durch, Bergliot. Und der Mann! Alles Vornehme, Gebildete, was französischer Geist erreichen kann, verkörpert sich in diesem Manne! Ich kenne wenige Männer auf der Welt, die ich höher schätze. Ja, meine geliebte Bergliot, Du wirst bald lernen, daß solche Menschen wertvoll sind, weil sie selten sind. Ich glaubte an alle Welt, und nun blutet es in mir aus hundert Wunden — der Enttäuschung.

Ich habe nie die Geschmeidigkeit besessen, mich, wie Du, zwischen so vielen Mitschülern bewegen zu können, und mit keinem Freund oder Feind zu werden. Ich gebe zu, das mag das Beste sein; und daß Du das schon kannst, wird Dich gewiß sehr fördern und Dir vieles ersparen. Die allermeisten sind nicht mehr wert, als daß wir Ihnen gegenüber die höfliche Umgangsform nicht verletzen. — Ach, Bergliot, ich hätte nie geglaubt, ich würde eines Tages solche Worte niederschreiben. Und ich kann mir nicht helfen, ich fühle starke Ergriffenheit, nun ich es getan habe. — Wenn ich bloß meine Arbeitsstimmung wieder hätte!

Dein Freund Vater.

2. März 1890.