Liebe Bergliot, ich habe Deinen Brief noch nicht gelesen, nur davon berichten hören; aber ich hatte auch so viel zu hören, zu lesen und war außerdem gestern weg zu einem Vortrag. Große Freude, daß Peter und Dikka hier gewesen sind, große Freude! Und nun kommen auch Kiellands! Wir sind also jetzt glänzend auf der Höhe hier! Es ist, als hätten wir Paris hier. — Und Du Ärmste lebst in der Millionenstadt viel verlassener als wir hier in unserm Winkel. — Nun habe ich Deinen vortrefflichen Brief gelesen, Bergliot. Deine ganze Natur liegt in diesem Brief. Hast Du die Revolutionsgeschichte von Carlyle, die ich für dich bestellt habe bei Huseby & Co. in Kristiania, nicht erhalten, so schreibe selbst! Du mußt sie lesen. Du mußt das Menschenmeer in Aufruhr sehen und die gewaltige Wogenmasse, wo einer den andern jagt, bis alles eine unendlich wogende Bewegung ist, so daß die, die mitgewälzt werden, ihren eigenen Willen verlieren und nur drängen, weil alles drängt. Und das wird noch einmal kommen, wenn man nicht beizeiten gerecht ist. Darum eifre ich. Niemand weiß Zeit oder Stunde oder von wannen. Hebt es aber an, dann weiß keiner, ob unsre Arbeiter stärker sind als andere, ob nicht auch sie mitgerissen werden und niederreißen. Denn auch hier im Lande ist viel Unrecht. — Grüße Frau Sansot herzlich; jetzt will ich mich endlich zu einem Brief an sie aufschwingen. Und Runebergs! Ja, ich weiß, das sind Menschen, sie haben mich verstanden, und sie verschleudern nicht, was sie verstehen. —

Ich habe noch andre Briefe zu schreiben und muß schließen.

Dein Freund Vater B. B.

9. März 1890.

Liebes, süßes Mädchen Du, Sonntagmorgen, scharfer Wind überm Schnee, das Barometer auf seinem tiefsten Stand, also haben wir Schlimmes zu erwarten; aber im Hause warm; bei offenen Türen unten und oben kommt die Wärme vom Flur zu uns herein und mischt sich mit der Wärme aller Öfen; Karoline geht umher und sieht nach und räumt auf; unten ein Frühstückstisch mit geräuchertem Lachs, kaltem gebratenen Schneehuhn, fünf Sorten Käse, darunter ein neuer „Storthingskäse“, und unter all der Herrlichkeit ein weißes Tischtuch, und blaue Karaffen und Gläser. Karoline und ich sind eben von Tisch aufgestanden, jetzt hören wir Beate und Alexander Kielland im Fremdenzimmer sich rühren; das Haus erzittert unter seinen Schritten. Er ist — ich werde ihm das nie vergessen — hierhergekommen, um demonstrativ seinen Protest gegen die Verfolgungen einzulegen, hat den Mjösen herauf in seinem Breitschlitten wie der Teufel gefroren, wurde in Lillehammer von mir empfangen, fiel mitten in die Geburtstagsgesellschaft bei Lunde, wurde in die Stube geführt, schneebedeckt, sah aus wie Gustav Adolfs Statue an einem Wintertag, so prachtvoll, daß die Leute schrien, und erzählte Geschichten, daß ich mich ganz krank lachte. Du hättest die Verzweiflung der Lillehammerschen Damen sehen sollen, aber lachen mußten sie doch! — Er trank eine Flasche Rotwein, Grog, Schnaps, aß ein Schneehuhn; aber unterhielt uns dabei den ganzen Abend, dampfte unter allgemeinem Gelächter ab und schlief zwei Stunden darauf. Etwas dicker als früher, aber dieselbe unerschütterliche Verachtung für das „Pack“, und voll Gesundheit und Kraft im Kampfe gegen dies Volk. Bei brillanter Bahn und brillantem Wetter hierherauf, ich voran in einem Schmalschlitten mit Kiellands Koffer hintendrauf, sie hinterdrein in einem Breitschlitten, zum Schluß scharfer Trab, alle Flaggen über der Schneelandschaft an den hellen, strahlenden Häusern gehißt, Feststimmung und Freude beim Empfang seitens Karoline, Karen, Mutter, Inga, Dagny, Anna und Erling, großes Diner, wobei er wieder Schneehuhn und Wein für zwei oder drei bekam, und ein Gelächter, daß das Dach dröhnte. Und den ganzen Tag gestern ein Schwatzen und Lachen und Apfelsinen und Possen bis zehn. Wieder neun bis zehn Stunden Schlaf heute, und jetzt höre ich die Lachsalven unten vom Frühstückstisch her; denn dort sind sie nun, nachdem sie mich begrüßt und meine Glückwünsche entgegengenommen haben, weil Babys Geburtstag ist. „Die ist das Beste, was Du je gemacht hast“, sage ich zu Beate. — „Entschuldige, ich habe sie gemacht“, antwortet er und zieht, den Arm um Beates Taille, wie ein Gott stolz von dannen, begleitet vom Gelächter aller. Er ist in seiner roten „Amtmannsweste“, falls Du Dich ihrer entsinnst. Und als ich ihn fragte, ob er nicht Storthingsabgeordneter werden wollte, antwortete er: „Du meinst als dekorative Figur?“ — Gestern ist kein Brief von Dir gekommen; vermutlich ist in Jütland Schneesturm; wenn nur nicht auch unser Brief an Dich für einen Tag oder zwei weggeweht ist. — Hedlund hat an mich geschrieben, er halte es nicht länger aus, in Unfrieden mit mir zu leben. Ja, ich renkte es denn wieder ein, soweit ich konnte. Ich habe ja nichts gegen ihn, ich habe ihn sogar gern; aber ich könnte z. B. nicht mehr über das mit ihm reden, was ich glaube. — Beate Kielland — nun, Du weißt ja, wie lieb sie mir ist, und sie ist so warm und entzückend hier bei uns, und dabei so bekümmert um ihrer Zukunft willen. Alexander Kielland arbeitet an einem Roman, in dem ein Bauernbursche vom Lande in die Stadt kommt und es bis zum ersten Mann dort bringt, einfach weil er genau alle Schurkenstreiche und Nichtswürdigkeiten nachmacht, die die anderen machen, und die von der guten Gesellschaft geheiligt sind. Ist das nicht ergötzlich? — Jetzt wird Erlings und Annas Haus gedeckt. In der großen Welt nichts, was mich im Augenblick fesselt, und auch nichts hier in der Heimat. — Ich habe die große Angst, daß Mad. Marchesi kein Verständnis für Dein Naturell hat und Dir eine verkehrte Aufgabe stellt. Du mußt etwas haben, worin Leidenschaft ist und Phantasie oder Schelmerei. Kannst Du ihr das nicht selber sagen? Ein Hurra dem Tag und Dir und mir und allen miteinander.

Dein Freund Vater.

Alexander Kielland sitzt jetzt hier oben; als er hörte, daß das Barometer so gewaltig sinkt, sagte er: „Es wird uns gehen, wie es in der Frithjofsaga heißt: Der Fremde blieb, bis der Frühling kam!“

Heut steht der Wald weiß; denn es schneit die ganze Zeit, und etwas Schöneres als einen weißen Wald hat die Natur nicht. — Der Schnee liegt auch weiß über den Dachsparren des neuen Hauses. Die Maurer setzen jetzt die Schornsteine auf. Alles ist groß dort, z. B. sollen auch vier — sage: vier — Schornsteine hinkommen! Einmal wird das Haus uns allen doch viel Freude machen, obwohl es verdammt viel kostet jetzt.

Wir haben ein Buch hier, die Selbstbiographie eines Dänen aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts, Aerebo heißt er; das werden wir Dir schicken; Du mußt doch sehen, wie der Ton damals war; wenn man bedenkt, daß wir noch vor anderthalb Jahrhunderten roher waren als jetzt die Bauern. — Also dürfen wir heute nicht zu viel voneinander erwarten, dünkt mich. Wir müßten solche Selbstbiographien mehrere Meilensteine weit in der Zeit zurück haben, dann begriffen wir, wie die Menschen noch heutigen Tags Reißaus nehmen, wenn es gilt, den Arbeiterinnen zu helfen, und mitten im schönsten Frieden Geld sammeln für Kanonen. — Dies ist die Bismarck-Woche gewesen; er ist gestürzt, und vorläufig auch sein Sohn! Jetzt sagen alle, wofür ich dereinst meine Prügel bekam, so oft ich es sagte, er sei, nachdem er gewaltsam die Einigung Deutschlands zustande gebracht hatte, im wesentlichen ein Schachspieler, der alle Spiele gewann, darüber aber die Zukunft verlor; denn er war ein Mann des Mittelalters, und die moderne Denkart erschien ihm als eine Ausschweifung. Seine schlimmste Sünde, Rußland großzuziehen, aber Frankreich zu beschneiden, — unheilvoll für ganz Europa — wird von seinem Erben, dem Kaiser, nicht wieder gut gemacht werden. — Ich fürchte, wir stürzen durch den jungen Kaiser in eine ganze Reihe von Fehlgriffen, die die Reaktion zu einer strengeren Tonart beeinflussen, und vielleicht Bismarck oder auf jeden Fall sein System wieder von neuem heraufbeschwören werden. Ja, wir gehen einer schweren Zeit entgegen! Hätte ich nur so einigermaßen unsre Zukunft gesichert! — Um unser Volk ist mir nicht bang, nicht im geringsten. Das geht seinen Weg. — Hurra! Bei uns gilt es nur, das Volk zu wecken. Ist es erst wach geworden, so ist mir nicht bang darum. — Grüß’ unsre Freunde! Runebergs und Sansots haben beide ihre Briefe bekommen; aber grüße sie, grüße sie! Gratuliere Hejde zum blauen Band! Möge er erleben, daß es rot wird! — Leb’ wohl!

Dein Freund Vater.