30. März 1890.
Liebe Bergliot, Du mußt die Sache endlich sehen, wie sie ist, — wenn es eine Niederlage für Dich ist, daß Du nicht bei der Matinee mitsingen darfst. Das ist wohl besonders Madame Lürigs Schuld, die nicht die Fähigkeit hatte, Dich weiterzubringen; aber Schuld trägt wohl auch der Umstand, daß sich in unserer Familie keine Spur von Virtuosität findet, so daß Du also nicht eine ererbte Anlage weiterbilden kannst, sondern mit unendlichem Fleiß und mit Ausdauer Dir Stück für Stück erringen mußt, — schwerer, langsamer als jeder andere. Daß Du die Triller und alles das „hassest“, darin stimme ich mit Dir überein; aber als Ausbildung der Fertigkeit, als Weg zu einer biegsamen Stimme, einem selbstsicheren Gefühl von Überlegenheit über das Technische mußt Du diesen Spießrutenweg gehen, um „fertig“ zu werden. Gibst Du Dich hierin besiegt oder richtiger: wirst Du hier nicht Meister, so wird stets hinter dem, was Du tust, die Angst stecken vor dem, was Du nicht kannst. Überwinde diesen ganzen düstern Spuk! Werde ein unerschrockener Künder des Lichts, des Herzens; räum’ mit allem auf, was Dich verzagt macht; sondern zwinge es, dem Höheren zu dienen!
Nur eines steht noch beängstigend mir vor Augen: daß Du nicht kräftig bist! Du schläfst, Du ißt, Du lebst das geregeltste Leben, und trotzdem ist es, als schwäche Dich etwas? Du arbeitest doch wohl nicht über Deine Kraft, ich meine, ohne die Regeln für gesunde Arbeit zu befolgen? Das sähe Dir auch nicht ähnlich. Gib Obacht auf Dich selbst, lieber Schatz; ergründe, was das ist!
Ich habe jetzt „La bête humaine“ gelesen, und ich bin im Grunde erschrocken, daß auch Du es gelesen hast. Es hat einige so zwecklos unterstrichene liederliche Stellen. Pfui Teufel! Wahrhaftig, Du bist ein tapferes Mädel, daß Du durch den Kot watest, ohne davon beschmutzt zu werden. Tut es Dir nichts, Bergliot? Antworte mir aufrichtig!
Bismarck geht in sein eignes Garn; er hat selbst damals, als er es brauchen konnte, die Alleinherrschaft des Kaisers proklamiert, und er hat selbst bis in den Tod Männer verfolgt, die wagten, eine andre Meinung zu haben als der Kaiser und er. Und nun ist er der erste, der dem Willen des Kaisers entgegenarbeitet, heimlich und öffentlich, und darüber fällt er! — — Entweder wird er binnen kurzem wieder das Heft in Händen haben, oder er behält recht darin, daß es jetzt schief geht. Mit aller Art von Neuerungsideen läßt sich ein Staat nicht leiten, am allerwenigsten einer, der so exponiert liegt wie Deutschland. — Es soll sich nur keiner einbilden, daß hierdurch mehr Freiheit, mehr Licht in die Welt kommt; kein Prinzip des modernen Zeitgeistes hat den Großen gefällt; kein größerer Schachspieler hat den größten seiner Zeit matt gesetzt, keine weitschauende Politik die kurzsichtige; denn mit allen seinen Augenblickssiegen war Bismarck doch nur ein kurzsichtiger Mensch, der nicht die Zukunft aufbaute, sondern nur Sieg auf Sieg gewann im Kleinkram der Gegenwart. Nein — wir werden dasselbe mittelalterliche System haben, nur ohne die Siege, ... bis es am Boden liegt. —
Das Haus hat also jetzt einen Schornstein auf dem Dach und eins seiner vier Kreuzdächer ist mit blauen Ziegeln gedeckt. Ferner sind die Fehlböden, die unter den eigentlichen Fußböden liegen, im untersten Stockwerk fast fertig. Die Tischler und Amund (der Maler und Sattler, Du weißt) machen schöne Möbel und verhältnismäßig billig. All mein altes, trocknes Material kommt uns nun gut zustatten.
Geliebter Schatz, Du mußt bei frischen Kräften bleiben. Und Verkehr suchen mit den vielen, die Dich gern haben. Durchaus! Wir haben gedacht, Du könntest diesmal auf dem Landweg nach Hause kommen und einige Tage bei Hegel bleiben. Vielleicht ist dann Mutter dort, so daß Ihr zusammen heimkehrt. Mutter hat unter meinen Papieren folgende Strophe aus alten Tagen gefunden:
Im Walde.
Der Wald gibt sausenden sachten Bescheid;
Was immer er sah in den einsamen Stunden,