Was immer er litt, als man doch ihn gefunden,

Das klagt er dem Winde; der trägt es weit.

Ist das nicht schön? Das müßte sich in Musik setzen lassen. — Heuer geht die Schneeschmelze ohne Hast und Schönheit vor sich, recht heimtückisch. Draußen über dem niederen Ackerland liegt er kreideweiß und schwindet hin, hier oben ist er ausgezehrt, wie einer, der die Schwindsucht hat; hektische Flecken da und dort. — Sie fahren Holz mit sechs Pferden den ganzen Tag; es fragt sich, ob wir es ins Haus einbringen heuer wegen des schlechten Schnees. — Dagny und Anna haben sich beide das Haar kurz geschnitten, es steht ihnen ausgezeichnet. Leb’ denn wohl, geliebter Schatz, tausend, tausend Grüße von allen durch

Deinen Freund Vater.

Aulestad, 4. April 1890.

Liebe, Süße Du, wie unterhaltend und klar Du schreibst! Die Briefe allein schon zeigen, daß Du im Wachstumsalter bist. Nicht die Briefe aller zeigen das, selbst wenn sie zwanzig Jahre alt sind; denn es wachsen leider nicht alle. Und es ist etwas wert, daß Du wächst durch Umgang, Arbeit, Bücher; denn das ist es, was Dir den Gehalt gibt, der später den Gesang füllt und färbt.

Ich muß heute mal mit Dir reden über Mad. Marchesis bornierte Methode, von allen eine Art des Singens zu verlangen. Das ist natürlich verkehrt. Aber eines bedenke: sie hat mehr singen hören, als ihr alle miteinander, und darunter die Allergrößten; denn die Allergrößten haben zu ihrer Zeit gelebt, und nicht in Eurer. Infolgedessen hat sie (ohne selbst sehr poetisch zu sein) dadurch Musterbeispiele, und als Sängerin ein solches Gedächtnis für die Behandlung jedes einzelnen Stückes, daß Ihr, wenn Ihr ihr folgt, immer der besten Fährte folgt. Aber hier hört ihr Recht auf. Denn nicht alle können so singen, wie die Größten; wenn sie ebenso groß sind, haben sie ihre eigene bahnbrechende Art, und wenn sie nicht groß sind, liegt ihr einziges Verdienst darin, daß sie sie selbst sind; haben sie das nicht, dann können sie sich begraben lassen! Es ist der reine Zufall, wenn jemand dieselbe Natur hat, wie der, der dieselbe Nummer von allen am vollendetsten sang.

Ich habe Garborgs „Bei Mama“ gelesen, das aus unsrer schmutzigen Wäsche zusammengestückelt ist. Ein hysterisches Weibsbild (Tochter eines sinnlichen Faultiers von Mutter) gezeichnet von einem hysterischen Mannsbild, — das soll „das Weib, wie es ist“, sein! Das Buch besteht, wie alle Bücher Garborgs, aus tausend kleinen Geschichten. Er ist kein Dichter, er ist ein Schriftsteller, der einem Menschen mit kritischen Bemerkungen nachgeht, und die genügende Gewandtheit hat, ihnen verschiedenartige Form zu geben; es stimmt uns oft nachdenklich, aber wir sind nie ergriffen. Die hysterische Unruhe, dieses Jagen vom einen ins andre stört; ein Bild wird am besten mit ein paar kräftigen, sicheren Linien gezeichnet; durch diese tausend Strichelchen wird es wieder verwischt. In „König Midas“ heißt es, „daß niemand so lügt, wie die, die herumlaufen und die Wahrheit sagen“. Das paßt ausgezeichnet auf die Art Bücher, die nur in Geruch und Anblick und Zerknülltheit der schmutzigen Wäsche leben; die „Wahrheit“ ist derbe Lüge. Die schmutzige Wäsche muß auch sein; aber nicht als das einzige oder das entscheidende für unsre Anschauung des menschlichen Lebens. Er haßt die „Ideale“, weil sie die Menschen verleiten, an sie zu glauben, und — wenn sie sie nicht erreichen können — mutlos zu werden. Nun ja, das geht gewiß vielen so, besonders so lange die religiöse Verkündigung ist wie sie ist: ein Einziges für alle. Aber als Lebensziel, d. h. als das, was der einzelne erreichen kann, und was die Generation erreichen soll, sind die Ideale nichts anderes, als die Erfahrung unsrer eignen Natur; dadurch werden wir, und mit uns alles, besser; das haben wir gelernt. Ist das manchem zu viel, nun schön, — die kommandieren darum nicht die anderen; es sind niemals die letzten, die kommandieren, sondern die ersten. Diese siegen und ihre Nachkommen siegen nach ihnen; die Stärksten siegen. Wir müssen versuchen, den Schwachen zu helfen, namentlich versuchen, immer mehr Menschen auf die Seite des Sieges herüberzuziehen; aber wir können nichts von den Idealen ablassen, ohne die Richtung des ganzen Menschenzuges zu ändern, den Zielen untreu zu werden, und zu mißachten, was wir bisher aus Erfahrung als das Rettende erkannt haben. Dahin kommt es niemals! Laß uns die Ausnahmen recht sichtbar ans Licht heben in unserm Leben; jedesmal werden sie uns an eine vergessene Schuld erinnern; aber zu Kommandorufen für die ewige Richtung des Zuges dürfen die Schreie derer, die nicht zu folgen vermögen, niemals werden; das wäre der Untergang aller, anstatt der einzelnen. Immer weniger und weniger werden ihrer; aber die Zeit kommt kaum je, daß ihrer nicht, was wir auch tun, leider allzu, allzu viele wären!

Dein Freund Vater.

13. April 1890.