Liebe Bergliot, Dein Brief mit seiner Entrüstung, weil ich es eine „Niederlage“ genannt hatte, daß Du nicht in der Matinee sangst, hat uns riesig ergötzt, und Dein Mut und Deine Lust freuen uns, — obschon wir natürlich auf einen zweiten, tief niedergeschlagenen, gänzlich zerschmetterten Brief gefaßt sind. Diesmal versicherst Du, Du könntest Dich nie mehr verlieben; wir sind sicher, daß bereits eine neue Verliebtheit im Anzug ist, Deine hundertzwanzigste! Aber mehr als alles andre hat mich gefreut, daß Du ein Buch wie das Zolas in Dich aufnehmen kannst, ohne von ihm anders gepackt zu werden, als das starke Bild packen muß.

Wenn Du von Zolas letztem Buch sagst, es sei die lautere Wirklichkeit, so wie kein anderes Buch, das Du gelesen hast, so beruht dies auf einem Irrtum. Dieser Kniff mit der Eisenbahn, mit ihr zu spektakeln, immer wieder und wieder, bis einem ganz schwindlig wird, ist ein alter Kniff von ihm, und an und für sich um kein Haar anschaulicher, als wenn Maupassant es in wenigen Zeilen gibt. Zola macht so lange fort, bis es zu hysterischen Vorstellungen wird, bis die Lokomotive zur Naturkraft wird im Geiste des Persönlichkeits-Jahrhunderts, zum Dampf-Geist.

Das ist Mystik, sind symbolische Schwindeleien, und nicht Wirklichkeit. Alle Wirklichkeit bei Zola wird verzerrt; er kann nicht einfach etwas so lassen, wie es ist; es wird schlimmer und schlimmer. Vergegenwärtige Dir einmal die Bilder und Personen, dann siehst Du es selbst. Und dann weiß er nicht richtig Bescheid über das, was er aus der medizinischen Wissenschaft bringt. So zum Beispiel hier, wenn er einen Menschen zeichnet, der einzig Wollust am Blut hat. Das ist völlig richtig; aber — wenn ich bitten darf — nicht zusammen mit sinnlichem Genuß, nein, an Stelle des sinnlichen Genusses. Wie es hier geschildert ist, wird der Mensch völlig unverständlich. — All der Schmutz, der da ausgegraben wird, all diese Morde und Selbstmorde, und all diese Verruchtheit, ... Du fühlst doch selbst, daß er da Ausnahmen schildert, ungeheuerliche seltene Ausnahmen, und das Leben nennt. Selbst in der Farbengebung, die sonst seine große Stärke ist, schwelgt er nachgerade so toll, daß es mich abstößt. Herrgott, was solch ein Buch für eine ungesunde Lektüre ist, und so verführerisch durch Häufung von ungewöhnlichen, grauenvollen sinnaufreizenden Orgien aller Art!

In dieser Woche will Arnoldson aus Schweden hierher kommen; Kristofer Kristofersen und Frau kommen entweder in dieser oder der nächsten, und Redakteur Holst will auch kommen.

Denke Dir, heute, am 13. April, liegt wieder einviertel Meter hoch Schnee, der Wald großartig unter der Last. Keine Überraschung hätte größer sein können als heute dies Erwachen. — Famoser Brief von Sansot gestern; grüß’ ihn von mir. Ich schreibe bald. Vorläufig nur, daß W. Lange in Berlin eine Übersetzung von „Es flaggen ...“ gemacht hat, die ich dem Schweizer zum Lesen anempfehlen kann. Es gibt auch eine deutsche Übersetzung (im Manuskript) vom „König“ von Fräulein Klingenfeld, München, Bayern, Gabelsbergerstraße 21, die der Schweizer bestimmt geliehen bekommt, wenn er darum schreibt. Mehr weiß ich ihm nicht zu sagen. Die Sansots halten große Stücke auf Dich, und falls ich sie, wie Sansot schreibt, 1891 hier begrüßen dürfte, so wäre das einer meiner glücklichsten Tage auf Aulestad. Für dasselbe Jahr habe ich geplant, mit der ganzen Familie nach Romsdalen zu reisen, und da könnten sie sich uns anschließen. Das würde eine Karawane! Meine geliebte Bergliot, ich habe oft gewünscht, das erstemal, daß Du in Norwegen öffentlich sängest, sollte es in Romsdalen, in Molde sein. Aber das sei in Dein Belieben gestellt. Dann reisten wir von dort nach Nässet, wo ich als Junge herumsprang, und dort versammle ich die Leute und rede zu ihnen. Ein großer Tag soll das werden, wenn das Wetter gut ist. — Wenn doch auch Ejnar mit dabei sein könnte! Die Volksversammlung soll an der Stelle stattfinden, wo der Kerl hingerichtet wurde, über den ich einst schrieb. — Ich kenne keinen schöneren Punkt in Norwegen, als den ganzen Bezirk dort. Ach, soll das eine Fahrt und ein Tag werden! Und den ganzen Weg da hinauf habe ich Freunde, also wir werden sehr vergnügt sein. Und dort uns auf den Fjorddampfern herumtummeln! Die launenvolle Lieblichkeit und ruhige Größe des Romsdalfjords geht über alle Beschreibung. Oh, wie vergnügt wir sein werden! — Ja, nun sag’ ich Dir für heut Adieu. Ich habe verlockende Bücher zu lesen und muß mich auch ein bißchen in meinen großen Stoff hineindenken. Es geht gut, geht uns allen vorzüglich, wir sind alle fröhlich und alle gesund. Hier ist die Stätte, wo gearbeitet wird. — Hast Du „Die französische Revolution“ von Carlyle gelesen? Ich lese den Freiheitskampf der Niederlande von Motley (einem Amerikaner), also über meinen Liebling Wilhelm von Oranien. Ein ganzes Leben lang immer unterliegen und dennoch ausharren, nicht nur selber, sondern auch alle anderen zum Ausharren anfeuern — ja, das ist mein Lebensideal! Das ist größer, als der größte Sieg, denn dazu gehören mehr und größere Eigenschaften als zu einem glänzenden, im Augenblick alle Kräfte anspannenden Sieg. — Und das versteht jeder, der weiß, was ausdauernde Arbeit, treuer Sinn und leuchtender Glaube bedeuten.

Dein Freund Vater.

30. April 1890.

Mein lieber, süßer Schatz, wie schön ist es jetzt, einen Brief von Dir zu bekommen, weil Deinem Gemüt eine feste Hoffnung aufdämmert; Du wirst sicherer und stärker dadurch. Es ist, als wäre jeder Brief eine Meile näher dem Ziele geschrieben, es ist, als hättest Du jedesmal geloggt und nachgerechnet und die Fahrt für gut befunden. Und die Zeugnisse anderer sagen dasselbe. Wir warten und warten auf Dich wie auf die Frühlingsschwalbe. Möchtest Du nun auch Glück haben zur Lebensfahrt und nicht wie ich Gegenwind das ganze Leben, — obschon er die Flagge so fröhlich wehen läßt.

Jetzt sollst Du aber hören: ein Franzose, Crépieux-Jamin, ist Graphologe (Schriftdeuter), und hat aus Dänemark drei Handschriften zugesandt bekommen: die Mark Twains, der Gräfin Danner und meine. Ich habe den dänischen Übersetzer seines Buchs gebeten, Dir ein Exemplar zu schicken, und da kannst Du selbst sehen, was er über mich sagt nach der Handschrift. Mutter und ich sind ganz platt. Ja, Du wirst ja sehen!

Wir werden Dir Garborgs neues Buch schicken, oder Du kannst es lesen, wenn Du hierher kommst. „König Midas“ besitzen wir nicht. Wir erwarten heute Kristofersen und vielleicht Lunde. Immer noch liegt Schnee in allen Spalten und am Wald; aber der Tag ist schön, der Altan ein Schutzdach gegen frische Brise, und der Bau drüben reift im Verein mit den Bäumen dem Sommer entgegen. Jetzt haben wir unser Haus wieder für uns, die Küche wird renoviert, und es ist still hier. Ein Frühlingstag in Norwegen zwischen den Bergen ist reicher als jeder andere, weil die Seele, die wir ihm entgegenbringen, gewaltiger sich sehnt und mehr erhofft, als dies anderen Völkern in einer andern Natur möglich ist.