Gestern las ich eine schwedische Kritik über mein letztes Buch; ich glaube, ich sende sie Dir. Sie war glänzend. Es heißt dort (nach einem andern schwedischen Kritiker), daß B. B. der am wenigsten blasierte von allen nordischen Schriftstellern ist. Ich glaube selber, daß das wahr ist.
Hier auf dem Hofe laufen fünf bis sechs Ferkel herum, schneeweiß und voller Leben, und ich muß bei ihnen an Dich denken. Ich glaube, Du wärst solch ein Kleines, wenn Du ein Tier wärst. Und dabei noch etwas von einem Vogel, vielleicht einer Schwalbe. Kleines Ferkel und große Schwalbe, eins und das andre, ich muß lachen. — Mutter hat sich in der letzten Zeit herausgemacht, sie ist „rund un woll“, wie sie hier sagen; aber mit dem Gehör ist es zu dumm. Übrigens steht es ihr gut, so als Sibylle dazusitzen und von dem einen und von dem andern ein Wort hier, ein Wort da zu borgen. Wenn es doch bloß wieder besser würde mit ihr! Ich kann und kann die Hoffnung nicht aufgeben. — Ich hatte wirklich Angst, Du könntest nicht mehr leben, nachdem Cavlings abgereist waren; aber Gott sei Dank, Du schreibst, als habest Du die Absicht, auch ferner am Leben zu bleiben. — Ich möchte gern wissen, ob Du einmal „La légende des siècles“ von Victor Hugo auftreiben könntest; eine billige Ausgabe. In diesem Falle möchte ich es haben. Und vergiß nicht, mir den Namen des Bildhauers zu schreiben, so, daß ich ihn lesen kann; Donnerwetter ja, dies ewige Elend mit den Namen! — Brief von Hejde und Frau Hejde; es geht ihnen brillant. — Dagny hat sicher große Begabung für Musik; aber keinen Fleiß, obwohl ich allmählich glaube, wenn sie eine gute Lehrerin hätte, käme der auch. Sie ist ja im ganzen sehr flüchtig; aber so lieb und so begabt! Sie ist jetzt im Alter des Romanlesens und der ewigen Freundschaften. Marie Hansen ist das Höchste auf Erden. Das heißt, vielleicht daß Dagny nun doch anfängt, auch an ihr Kritik zu üben; damit ist sie sonst rasch bei der Hand. Anna ist wirklich reizend; so lebhaft und klug; und so wohl wie sie sich bei uns fühlt! — Meine liebe Bergliot, Dank für alle Deine Briefe und für alle guten Nachrichten! Bewahre Dir Deinen Humor, härte Dich ab gegen Kritik und Widrigkeiten, werde stark! Und grüße Deine gute Wirtin! Du wirst wohl auch nächstes Jahr dort wohnen? Hast Du in letzter Zeit Deine Freundin besucht, das Mädchen bei Deinem alten Hausdrachen? Hast Du Gouzien vorgesungen? Bist Du bei Sansots gewesen? Voilà! Leb’ wohl! In Frühling und Arbeit, in schmucken Kleidern und Sonnenschein, in guter Gesellschaft und Vergnügen, bei guter Lektüre und gesunden Gedanken!
Dein Freund Vater.
Aulestad, 27. April 1890.
Liebes Kind, Du mußt das alles selbst entscheiden, Du steckst in Deiner eigenen Haut und in Deinen eigenen Kleidern, Du allein kannst wissen, wie müde Du bist, und was Deiner Gesundheit neben Deinem Gesang, oder vielleicht gerade um dessentwillen nottut.
Du mußt sofort Mad. Marchesi sagen, wofür Du Dich entschlossen hast. In jedem Fall: bleib nicht so lange wie gewöhnlich, komm nicht so elend nach Hause, daß Du abreisen mußt, eh Du wieder Bergliot geworden bist. — Möchtest Du bis zum 1. Juni bleiben, dann meine ich, solltest Du schon am 15. Mai bis zum 1. Juni bezahlen. Dann wirst Du ja hören. Aber bezahle lieber voll, als Streit anzufangen. — Entschließest Du Dich, schon am 15. Mai aufzuhören, so vergiß nicht, daß zwischen der Witterung im Norden und in Frankreich ein Unterschied ist, der Dich nicht zu Dummheiten verleiten darf. Du mußt Dich jedenfalls danach anziehen. Den einen Tag ist es hier ganz warm, den andern halber Winter bis Mitte Juni; besonders aber im Mai. Dein Arbeitsplan wäre nicht so schwierig, wie er Dir scheint, wenn nicht diese verteufelten Reisen wären. Aber Paris ist ja ohne Eisenbahnen. Richte Dich für die Reise hierher beizeiten ein. Und verlobe Dich nicht unterwegs! Komm heim und sei Bergliot toute entière et toute seule. — Diese „Köbenhavn“ ist wirklich ein grausiges, ganz grausames Blatt. Ich muß dabei an das Grüne denken, das in den Windeln der Säuglinge liegt. Mich dünkt, daß „K.havn“ überhaupt nicht just das im Norden repräsentiert, was gesund und stark ist; sondern das Überfeinerte und Frivole. — In den Zeitungen und Zeichnungen, die Du aus Paris heimschickst, ist ein ganz andrer Zug. Da wird das Kleine nie groß, das Gleichgültige nie wichtig; wir haben keinen gesunden Maßstab. Octave Feuillets letztes Buch solltest Du aufzutreiben suchen, ebenso Maupassants; ich sehe, man lobt sie beide sehr. Du mußt es billiger kaufen können als für den Ladenpreis. Übrigens kannst Du es auch lassen. — Keines von uns sehnt sich mehr nach dem Sommer als ich. Ich kann nicht arbeiten, es sei denn, es wird besseres Wetter, und am liebsten bei offenen Fenstern. Bringst Du das gute Wetter mit? Hier ist es scheußlich jetzt.
Wir sind ein bißchen in Sorge um Erling, es könnte ihm schaden, daß er so ohne Arbeit in vermögende Verhältnisse gekommen ist. Besonders Mutter ist besorgt. Aber es kann ja gut gehen, auch wenn er noch nicht weiß, wie er im Sattel sitzen soll. Ich halte mich von ihm zurück; ich habe ja kein einziges Interesse mit ihm gemeinsam; denn bei dem einzigen, das ich haben könnte, dem Betrieb auf dem Hof und dem Bau, fragt er nie um Rat und erzählt nie davon. Er ist vollkommen, er ist Selbstherrscher. Nun, Du wirst ja selber sehen! — Hier ist es öde. Diese Zeit ist schrecklich. Graue Erde, grauer Laubwald, unheimlich finsterer Tannenwald, Schnee auf den Höhen und in den Spalten, kalter Regen, kalte grüne Ansätze hie und da. Nirgends ein Mensch. Die Bücher gleichfalls kalt. Kalte Kritiken in den Zeitungen, unerfreuliche Politik daheim und draußen, Unfruchtbarkeit und Mutlosigkeit der Mittelmäßigkeit überall. Ich langweile mich. Komm Du heim mit Sommer, mit Mut, mit Gesang, mit Zukunft! Dann bin ich in guter Laune, wie einer, der in einen dichterischen Zauberkreis gebannt wird, wo es nichts Graues gibt.
Dein Freund Vater.
4. Mai 1890.
Liebes Kind, Dank für Deinen langen Brief! Ja, jetzt ist er gekommen — in wenigen Tagen — voller, voller Sommer, alle Fenster und Türen auf, Sonne über dem Altan, Hähnekrähen und Vogelsang den lieben langen Tag, und Glocken und Hammerschlag und der Klang der Egge an den kleinen Steinen.