Also vermissen wir auf Aulestad jetzt nur noch eines, und das ist unser Pariser Singvogel. Das beherrscht in dem Grade meine Stimmung, daß ich nur mit der größten Überwindung an Dich schreiben kann. Du bist nicht dort, sondern hier. Und die Briefe sterben aus Sehnsucht nach dem Menschen.

Ich habe eben ein Buch bekommen: „Pepitas Hochzeit“ von Heidenstam (einem Schweden), das völlig übereinstimmt mit meinem Aufsatz „Die neue Kunst“. Ich möchte wissen, was z. B. von Garborg übrigbliebe, wenn die poetische Kraft, mit der hier geschildert wird, ausschlaggebend würde? Da würden nicht viele von diesen Matt in Matt-Kopien bestehen können. — Ich bin durchaus einverstanden, wenn geschrieben wird, daß jeder, was die Kunstform anlangt, seine eigene Art haben dürfe; — seine poetische Fülle, das Wesen und der Reichtum seiner Persönlichkeit seien es, die über den Eindruck entscheiden. Bin ganz einverstanden — nur nicht mit der Leichtfertigkeit. Man darf nicht um den Augenblick die Zukunft verkaufen. Ich verstehe auch die nicht, die, um fröhlich zu sein, absolut Punsch brauchen. Ich antworte immer: ich kann genau so fröhlich sein wie ihr, ohne daß ich Punsch trinke. Auch verstehe ich nicht, daß nicht zwei Verschiedengeartete fröhlich sein und sich aneinander freuen können, ohne daß sie sich sofort in die Haare geraten müssen. Wird nicht gerade durch die Kraft der Selbstbeherrschung die Freude etwas, das unser Leben bereichert, das Wesen der Persönlichkeit stärkt und die Selbstachtung und die Achtung anderer in eins verwandelt? Gib Dich hin da, wo Dein Herz Heimat und Zukunft gewählt hat; sei fröhlich ohne diese letzte Hingebung überall da, wo Menschen für dasselbe leben wie Du. — Übrigens sind das Dinge, über die man nicht zu streiten braucht, das Blut entscheidet hier; die Starken (weil sie selbstbeherrschend gewesen sind) erzeugen Starke, die Schwachen (weil sie Schweine gewesen sind) erzeugen Schwache. Und die Welt gehört den Starken.

Hier ist das allerherrlichste Wetter, Du! Aber wirst Du Dich auch hier wohl fühlen können ohne irgendwelche Abwechslung vier Monate im Jahr? Ich hätte an Sansots schreiben sollen; na, ich hol’ es nach. Sag’ ihnen, daß Ernest Tissot mir soeben ein Buch geschickt, das er herausgegeben hat: „Les évolutions de la critique française“. Es ist ausgezeichnet. Die Librairie académique Didier hat es herausgegeben. Das ist der Tissot, über den ich Sansots geschrieben habe, weil er an mich schrieb; er wünschte eine Studie über meine Werke zu schreiben. Ich sagte ihm zu, schien es.

Meine geliebte Bergliot, wir sehnen uns zu hören, was Du beschlossen hast. Du freust Dich selbst so sehr, daß auch wir unsre Freude auf das Wiedersehen aussprechen dürfen.

Dein Freund Vater.

8. Mai 1890.

Sonntag, nachdem ich vormittags an Dich geschrieben hatte, fuhren wir zu Amtmann Nielsens. Frits Hansens Kinder sollten den ganzen Tag dort sein. Aber während wir gerade gemütlich bei Nielsens saßen, kamen plötzlich Frits Hansen, Ingeborg Hansen und der Hauslehrer! Sie wußten, daß wir da waren. Ich ging sofort in den Garten, der Amtmann hinterdrein, und nun waren also zwei Parteien, eine im Garten und eine drinnen, Amtmanns völlig verzweifelt. Und nun alle Menschen (und Mutter nicht als letzte) auf Frits Hansen los, der sagte, er wäre einzig gekommen, um es wieder gut zu machen. Aber erst müsse er mich um Entschuldigung bitten. Und so kam er denn heraus in den Garten und machte es sehr nett, indem er immer wieder und wieder versicherte, es sei niemals seine Meinung gewesen, ich wäre ein weniger ehrenwerter Mann, als irgend einer von ihnen. Und er war überhaupt so überströmend liebenswürdig, daß ich mit Herz, Seele und Sinn mich ergab; und am andern Tag kam er hierher, den Tag darauf waren sie beide hier zu Annas Geburtstag und gestern wir bei ihnen oben zusammen mit allen Vonhejmsleuten. Es ist ein altes Wort: alte Liebe rostet nicht, und das hat sich wieder auf beiden Seiten bewahrheitet. — Wir sind sehr froh darüber allerseits, sehr, sehr froh.

Kristofer Kristofersen und Frau sind hier; sie sind so sehr gemütlich, besonders er. Schlicht, klar, warm. Sie lassen Dich herzlich grüßen. Sie wollen den Sommer über auf Solhejm wohnen. Überhaupt werden eine Menge prächtige Menschen hier sein im Sommer. Und ich will im Sommer nur Gedichte machen. Jeder Mensch muß zugeben, ich bin so jung an Kraft und Saft, als wäre ich (aufs Haar) knapp über 40. Wenn das so fort geht, dann muß ich ja ein sehr alter Knabe werden. — Denk Dir, heute wollen wir nach Sönstevold, um zu beschließen, daß in Gausdal Telephon gelegt wird! Telephon in Gausdal! Telephon bis in unsern Flur, und da stehen und mit Kristiania sprechen, so wird es enden!

Ob Du heute einen Brief von Mutter bekommst? Jedenfalls ist sie bei Dir mit allen ihren Gedanken. Ich war so erfüllt von der Frage, wann Du nach Hause kommen würdest, und sie nicht minder, daß ich nun voll Betrübnis Deinen Brief ihr zugehen lasse, zugleich mit diesem.

Wir wollen alle hinüber zu Peter Sletterud, deshalb beeile ich mich so. Sie warten alle auf mich. Wenn Du es bloß lesen kannst!