Liebe Bergliot! Ich schrieb gerade an Graf Prozor: daß der Phantast Lugné-Poë und die ganze französische Komödie mit norwegischen Stücken zu uns kommen, ist eigentlich zum Lachen. Ich ahnte, daß sie nicht einmal gut spielen. — Eine Affektation ist das, die mir so zuwider ist, daß ich mich einfach abwende. Und nun folgt eine Reaktion, daß es in allen Fugen kracht. — Aber das Ärgerlichste ist, daß wir eine Rolle dabei spielen sollen; das müßte schon eine ganz andere sein! Nun ja, ich will nicht weiter darüber reden; es wird genug geredet. Ich verfolge das in allen Literaturen und sehe den Umschlag kommen. Die Geschäftigkeit der Juden und ihre Begeisterung bei all dem hätte uns mißtrauisch machen müssen. Nun — die Abrechnung wird schon kommen. —

Wir ziehen also südwärts — zum letztenmal. Noch einmal mag ich nicht. Aber solange wollen wir draußen leben, als die Verhältnisse daheim keine Gefahr bergen, oder klar sind. Es würde mich nur stören; ich habe Hemmungen genug. Mit meiner Arbeit geht es gut.

Unsere innigsten Glückwünsche zu Eurem Hochzeitstage! Möge es Euch alles in allem so wohl ergehen, wie es doch Summa Summarum uns gegangen ist! Es ist eine fruchtbare Lebensreise, die hinter uns liegt; etwas lebt nach uns — und mehr wird noch kommen.

Ja, das ist wahr, immer habe ich vergessen, von dem Ringe zu erzählen. Ich entdeckte ihn durch einen Zufall unter Mutters merkwürdigem Krimskrams und war ganz erschrocken, daß sie ihn mitgenommen hatte. Denn ein solcher Gegenstand war zu verlockend zum Stehlen; ich bat sie, entweder ihn nach Hause zu schicken oder ihn zu tragen. Sie wollte beides nicht, und so nahm ich ihn an mich, lediglich, um ihn aufzubewahren. Freude hatte ich keine daran; ich kann ja nicht sehen, daß er leuchtet; das können bloß die anderen. Allmählich ist er mir vertraut geworden einfach dadurch, daß ich morgens und abends an ihn denke, so daß er ein Teil meines täglichen Lebens geworden ist. Aber Du kannst ihn wiederhaben, sobald Du willst. Es ist buchstäblich nur Vergeßlichkeit, daß ich nicht eher davon geschrieben habe. — Mildes, herrliches Herbstwetter, wie der Spätsommer bei uns daheim. Grüße Sörensen!

Dein Freund Vater.

Roma, Quattro Fontane 155,
11. Dezember 1894.

Liebe Bergliot, so oft schon wollte ich Dir von Deinem alten Freund Dr. N. N. erzählen.

Äußerlich gänzlich unverändert. Nur kann man jetzt überhaupt nicht mehr mit ihm reden, ohne daß er wie zufällig hinwirft, er sei neulich nach S.... zur Königin berufen worden, die ihn nicht habe wieder weglassen wollen; er mußte den Vorwand gebrauchen, daß er nach London zu einer Konsultation müsse, und merkwürdig genug, als er abreisen wollte, bekam er wirklich ein Telegramm von Lord Dufferin. Dieser Lord Dufferin segelte mit ihm den Sommer über im Golf von Neapel; aber N. N. mußte ihn auf Capri absetzen, weil er zur Fürstin Ruspoli nach Rom berufen wurde. Als ich wieder einmal mit N. N. sprach, war gerade einer von Amerikas jungen Milliardärsöhnen zum erstenmal nach Rom gekommen, lediglich, um Dr. N. N. zu konsultieren; er litt an Trunksucht und wollte keinem andern folgen als Dr. N. N., und jetzt folgt er sogar seiner Mutter, weil Dr. N. N. ihm das befohlen hat; N. N. erwartet 10000 Dollars Honorar.

Er wohnt an der spanischen Treppe „in der Wohnung, in der der englische Dichter Keats starb; obendrüber wohnte Shelley“. Wenn man zu N. N. kommt, liegen Keats und Shelleys Gedichte ganz zufällig aufgeschlagen da; beides Prachtbände von höchster Eleganz. Eine ungeheure Schale mit Visitenkarten begrüßt einen im Vorzimmer; zu oberst die Gladstones, — man sollte glauben, er sei erst gestern bei N. N. gewesen. Dr. N. N. fährt entweder mit zwei Staatspferden oder mit zwei Ponys aus. Neben ihm sitzen entweder die Kronprinzessin von X. oder seine zwei Hunde, ein kleiner und ein großer von Englands edelstem Blut, der kleine auf dem Rücksitz, der große auf dem Vordersitz. Ein Groom sitzt auf dem Bock beim Kutscher, beide in Livree. N. N. selbst dagegen so einfach gekleidet wie Napoleon. Nie sieht man ihn einen Orden tragen, selten Handschuhe. Ganz zufällig, man kann sagen unversehens, erwähnt er, was er der Königin, der Kronprinzessin, der Fürstin Ruspoli, dem amerikanischen Milliardärsohn gewesen ist, oder er streift die Konsultation, die dem Tode des englischen Gesandten voriges Jahr hier vorausging, bei der Dr. N. N. Recht behielt und alle die anderen im Unrecht waren. So was kommt eben ganz ungewollt heraus, wie wir mitunter etwa erzählen, daß wir schon Mittag gegessen oder schon Kaffee getrunken haben. Für einen Besuch erhält er 50-100 Lire oder mehr. Das Geld liegt im ganzen Zimmer herum, zum Teil zusammengeknüllt. Oft nimmt er auch kein Honorar. Was hat er denn weiter getan als seine Pflicht?! —

Er hat drei Mädchen, die alle einer Familie in A. angehören, deren sämtliche Mitglieder er gerettet hat. Der übrige Teil der Familie wohnt jetzt in seiner Villa dort. In A. kennt man nur einen Namen, und das ist der seine. (Neulich war ein Norweger dort und konnte niemand finden, der wußte, wo Dr. N. N.s Villa läge.) —