Dieser Brief ist eben so sehr für Dagny wie für Dich. Ich sehne mich so nach ihrem klaren, offenen Charakter, dem alles Kleine klein ist. Und so schrecklich nach ihren Jungens. Ich habe die feste Überzeugung, daß wir uns bald sehen werden. Aber es freut mich, daß die Jungens Aulestad wieder lieb gewonnen haben dank ihrem Winteraufenthalt. Es wird ihnen unvergeßlich bleiben, was sie jetzt erlebt haben.
Eine große, schwere Arbeit habe ich jetzt vor. Gelingt sie, dann wird sie einem großen Gedanken, einem gewaltigen Gegensatz Gehör schaffen. Aber ich kann nicht sagen, daß es schnell vorwärts geht. — Mutter ist hier ganz flott und frisch geworden; gedeiht und schläft und schwatzt, als wäre sie wieder jung. Wir haben viele gute Freunde, und mir ist sogar der Rom-Geruch lieb wie Wein. Bald ist die Luft so mild, daß wir in ganzen Karawanen in die Kneipen vor die Stadt ziehen, Speckeierkuchen und Artischocken essen und Landwein trinken. Marias Makkaroni duften aus der Küche. Wir wollen essen.
Euer Freund Vater.
Roma, via Gregoriana,
26. Oktober 1904.
Liebe Bergliot, mit dem Buche habe ich Euch nicht vergessen, sondern die Sache verhielt sich so: Collin und Naerup, besonders der erstere, teilweise auch Björn, wollten nicht, daß ich es herausgeben solle, „ehe es fertig sei“. So war es zu schlecht. Besonders Collin war rein verzweifelt. Nun wußte ich ja, daß sie falsch sahen; aber ich bekam es doch so satt, daß ich es lange Zeit niemandem schickte. Auch habe ich nicht ein einziges Wort in einer Zeitung darüber gelesen. So ist es zugegangen.
Nach und nach habe ich dann so viele Telegramme und Briefe darüber bekommen, daß ich meine gute Laune wiedergewonnen habe; aber ganz überwunden habe ich es noch nicht. Ich habe seitdem nicht wieder an Collin schreiben können, und bringe es gewiß auch noch lange nicht fertig. In diesem Augenblick sind 9000 Exemplare von dem Buche verkauft. Bis zu Weihnachten werde ich also über 10000 verkauft haben, und damit ist unsre ganze Reise nach Italien bezahlt.
Wir sorgen uns so um Irenes Operation, ja wir sorgen uns so seit Deinem heutigen Brief, der die Nachricht brachte, so daß ich nicht arbeiten kann. Schreib, schreib!
Via Gregoriana 38,
3. November 1904.
Du unsre liebe Bergliot, niemals hast Du uns einen Brief geschrieben, der uns weher getan hat. Es ist ja zu dumm, denn jetzt ist es vorüber. Aber der Gedanke, wie fürchterlich es gewesen ist, reibt uns ganz auf. Wir sind eben alt geworden, und wir haben nicht mehr die Spannkraft, die uns nach diesem Eindruck wieder aufrichtet. Wir konnten nicht davon los. Oh, wie grauenvoll ist das gewesen! Ich erlebe das Ganze immer wieder von neuem. Ich komme nicht wieder heraus aus diesem Zimmer. Und der Tag im Bett und die Nacht, und die nächste: ja, Du bist schwer geprüft, bei all Deiner Jugend. Du, die eigentlich immer fröhlich sein müßte! Grüße und küsse Irene von uns! —
Was Du von Boström erzählst, kam überaus unerwartet. In dem Brief von Michelsen, den ich kürzlich erhielt, war eine Andeutung; aber ich ahnte nicht, daß sie auf Boström ging.