Liebe Bergliot, nein, ich bin nicht dafür, daß Du mit Brandes zusammentriffst. Ich meine, schütze nur Krankheit vor, wenn Du in dieser Zeit zu Schandorphs oder Cavlings eingeladen wirst; es ist ja auch die Zeit, in der Du am meisten zu tun hast, — falls Du durchaus den Juni über draußen bleiben willst.

Schandorphs Urteil über Literatur und Kunst ist sehr saftig, wie sein Naturell — kognak-getränkt. Das Urteil der Menschen ist in der Regel wie ihr Leben, immer wie ihre Natur. — Was Strindbergs „Julie“ uns zeigt, ist das Experiment eines begabten, aber ungesunden Burschen, der dasitzt und konstruiert — und ganz und gar nicht dem Leben folgt. Folgen wir dem Leben (womit sie sich immer nur brüsten), so ist alles viel weniger überraschend; Aufsehen wollen sie machen; das ist für sie Nummer eins. — Du kannst ganz ruhig sein: so wird die Literatur nicht werden; aber sie ist voll Verschrobenheit und Ziererei so lang auf Abwegen gewandelt, daß sich mit Recht ein brutaler Protest erhoben hat. Weißt Du noch, daß Arnljot Gellines Lied, wie er seine Liebste als Beute in den Wald trägt, seinerzeit als unanständig ausgemustert wurde; Magnhild war ein Buch über — freie Liebe; auch Leonarda war das! Ja, sogar „Es flaggen Stadt und Hafen“ ist unanständig. Da mußte die Natur ihr Recht wieder geltend machen, und das hat sie durch diese Menschen getan, — aber so getan, daß nun wieder protestiert wird. Es gibt nicht viele unter uns, die ihren gesunden Gang gehen! — Ja, jetzt macht der Schnee Ernst, zu schmelzen. Auf den Höhen ist schon alles kahl, hier durch den Hof geht ein Fluß; aber das Moor liegt noch unterm Schnee. Auf dem Altan den ganzen Tag alle, die nicht arbeiten. — Griegs trafst Du also nicht. Ich hatte einen Brief von Werenskjold, den ich so auffaßte, als wolle er diesen Sommer nach Bergen und Griegs malen, und erst den nächsten nach Aulestad. Ich werde ihm antworten; aber frag’ ihn, ob ich ihn recht verstanden habe. Ich werde diesen Sommer ein Lustspiel mit Gesang schreiben, und ich denke so halbwegs, Grieg zu bitten, daß er hierher kommt und zusammen mit mir arbeitet. Aber das hat noch gute Weile. Das Lustspiel ist nur ein einziger langer, sehr langer Akt, psychologisch ungemein interessant und heißt „Der König kommt“! Es steckt mir schon mehrere Jahre im Kopf. Davon sollst Du nächsten Winter in Paris leben. Ich möchte aber nicht, daß Cavling etwas hierüber in irgendeine Zeitung bringt; vergiß das nicht! Ach, ist das hier ein Wetter! Von morgens bis abends, Tag für Tag, Woche für Woche wundervoll! Ach, wie ich mich in Norwegen wohl fühle! Meine süße, liebe Bergliot, alles, was Du von Deinem Gesang schreibst, freut mich unbändig. Du sollst auch auf Solbakken ein Klavier haben!

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, gestern hatten wir einen Brief von Ejnar; es scheint ihm in jeder Hinsicht ausgezeichnet zu gehen; er schickt eine Photographie von sich selbst mit fünf anderen zusammen, bis auf einen alles Zollmenschen; es scheinen brave, gutmütige Leute zu sein; aber aus den Gesichtern zu schließen, scheint Ejnar ihnen überlegen; er hat sich überhaupt sehr herausgemacht. Es hat auch den Anschein, als würden ihm schwierige Arbeiten zugewiesen, bei denen eine Verantwortung ist, und er ist stolz darauf. Von seinen Geldverhältnissen schreibt er, sie stünden gut. — Wir haben jetzt „Fräulein Julie“ gelesen. Ob wirklich in der Welt ein Mensch glaubt, daß das wahrscheinlich ist? Hat es jemals irgendwo zwei Menschen gegeben, die dieses Zwiegespräch gehabt und sich in einer einzigen Nacht so aufgeführt haben? Oder hat es irgendwelches Interesse, es sei denn, Sensation zu machen mit etwas, was sonst nicht die Regel zu sein pflegt? Auch Ibsens Poesie fällt meines Erachtens allzu stark unter das Ungewöhnliche und rein Unmögliche, um auf die Dauer, d. h. wenn die Sensation verflogen ist, das allgemeine Interesse bewahren zu können. Aber mag es damit sein, wie es will, — Strindbergs Poesie ist obendrein schmutzig. Er ist selbst ein bedenklicher Kerl, und das spiegelt seine Dichtung wieder. Es gibt zwei Arten von Büchern, — solche, die in den Menschen die Freude am Leben, die Sehnsucht nach dem Guten steigern, und solche, die das nicht tun; die ersten sind gut, die anderen sind schlecht, so ausgezeichnet und genial sie auch in Einzelheiten sein mögen. — Es hat mich rasend gefreut zu hören, daß es „brillant“ geht mit Deinem Gesang. Ja, das hat mich gefreut wie nichts anderes augenblicklich. Mein lieber Schatz, wie sich das ganze Haus darüber gefreut hat! Das muß ich Dir sagen: — Du kannst Dir nicht vorstellen, wie gespannt ich bin, was daraus werden wird. Nicht auf die äußerliche Entwickelung, die es nehmen wird, ob Du Opernsängerin wirst usw.; das mag seinen natürlichen Lauf haben; nein, ob Du die Gabe erringst, die ich mir für einen Norweger ersehnt habe — die Gabe, uns hinzureißen, uns in einen Schönheitstaumel zu versetzen. Uns regelrecht zu verzaubern. Noch hat keiner sie gehabt. Erringst Du die, so werde ich wieder jung und froh, — froher, als über irgend etwas, was ich selbst oder ein anderer geleistet hat. Mutter sitzt und schreibt für mich ab in diesen Tagen, daß ihr die Finger steif werden und der Körper krumm und lahm; aber es ist doch ihre liebste Arbeit. Es ist ein Jammer mit meinem Buch, daß es zu lang wird; aber das läßt sich diesmal nicht ändern; es soll auch nie mehr vorkommen. Ich will fortan fünf Jahre lang nichts anderes tun als schreiben, schreiben, schreiben. Und dann punktum finale! — Du hättest die Materna hören sollen; um jeden Preis. Sie war Richard Wagners Liebling. — Es ist wieder Schnee gekommen; also werden wir das Fest der Schmelze noch einmal haben, vielleicht sogar noch zweimal. Nett!

Dein Freund Vater.

Aulestad, April 1888.

Ich finde, liebe Bergliot, es wäre eine wahre Sünde, wenn ich Dir nicht ein paar Zeilen schriebe. —

Mir ist nicht recht klar, weshalb ich an Jonas Lie schreiben soll, nein, ich tue es nicht. Mir liegt nichts daran, daß Du mit ihnen verkehrst; Du wirst keine ungetrübte Freude daran haben. Aber wenn Du es durchaus willst, so würde ich schon eine Form finden können; z. B. jetzt bei meinem neuen Buch.

Ich sehe, Bräkstad ist in Paris gewesen, um sein Geld loszuwerden, das leichtsinnige Huhn. Aber er war wohl gemütlich? — Meine liebe, süße Bergliot, hörst Du auch genug Musik? Du schreibst nichts darüber; und es macht mir Sorge, daß Du vielleicht die Maschine nicht mit dem Verständnis und dem Geschmack ölst, die wir immer aus der Arbeit anderer gewinnen. — Du sagst, wir sollen Cavlings danken. Ja, was ist ein Brief für ein merkwürdig armselig Ding; weder er noch sie zweifeln an unsrer Dankbarkeit. Wir müssen bei Gelegenheit etwas anderes für sie aushecken. Aber ich weiß noch nicht was. — Jetzt beginnt der große Schneeschmelzprozeß, und der ganze lange, kahle Frühling hinterher ohne Grün. Haben wir einen Winter ohnegleichen gehabt, so müssen wir jetzt für ihn büßen. — Ich glaube annehmen zu können, daß Du jetzt gut französisch sprichst. Ist das der Fall? Dann könntest Du vielleicht auch lernen, es korrekt zu schreiben? Ich sehe, Du schreibst immer noch „brilliant“ statt brillant. — Mutter wird entsetzlich taub, Du; aber prachtvoll sieht sie aus! Und so gesund ist sie! Sie behauptet, sie schlafe nicht gut, wenn sie nicht von halb zehn bis acht Uhr durchschläft! — Ich lese das 10. Heft von Darwin; hast Du es bekommen? Wenn nicht, so sag’ es mir oder schreibe an Husebye & Comp., Storgaten, Kristiania. Ich finde, es gehört zum besten, was man in der Welt lesen kann. Gibt es etwas Französisches, was sich lohnt, so kauf’ es, lies es und schick’ es mir! Dann werd’ ich es Ejnar schicken. Nichts geht über einen gemütlichen Schwatz; aber gleich danach kommt ein gutes Buch.

Heute habe ich nichts zu schreiben, ich sitze da mit leerem Kopf, weil das, was ich drin habe, bei der Erzählung ist und fürs erste nicht heimkommt.