Es geht uns ja nun gut insofern, als wir Geld für eine Menge kleinere und größere Bedürfnisse haben, die wir früher nicht befriedigen konnten, und dazu die Aussicht, in Zukunft sorgloser leben zu können; aber wir verdienen doch nicht so viel, wie es den Anschein hat. Und all die Menschen, die wir kennen lernen, und all die Freude, die wir erleben! Sind wir erst einmal damit durch, so wird es ergötzlich sein, das Erlebte und Gesehene zu sammeln.
Innig geliebte Bergliot, ich sehne mich so danach, Dich wieder so gesund und fröhlich zu sehen, wie damals, als Du aus Dänemark kamst. Hoffentlich wird es auf Aulestad so gemütlich, wie wir es uns für den Sommer wünschen; ich freue mich von Herzen darauf; aber am meisten auf die Arbeit, selber mit Steine zu brechen und dadurch mehr Erdreich zu gewinnen. Irgendeinen Sammelpunkt muß die Familie auch nach unsern Tagen haben, und das wird wohl Aulestad sein; wir werden versuchen, es so gut in Stand zu setzen, daß es dem, der den Hof besitzt, auch etwas abwirft. Erling ist begeistert für die Landwirtschaft, so daß es den Anschein hat, als müsse er die Aufgabe lösen können.
Wir sitzen nun hier bei Hedlunds, die uns lieben und die wir wieder lieben. Wir haben an vielen Ecken und Enden der Welt Familien, die uns geistig verschwistert sind, und ohne die wir uns unser Leben nicht mehr denken können; wir müssen sie ab und zu besuchen. Wir denken, es soll auch einmal für Euch ein gutes Erbe sein, die treue Anhänglichkeit all dieser warmen Menschen. Die Liebsten sind und bleiben uns Hedlunds.
Ich habe eine ganz mächtige Sehnsucht, wieder an meinen Roman zu gehen! Aber alles läßt sich nicht zu gleicher Zeit tun. Wenn ich doch so gut verdiente, daß ich den Kauf von Solbakken verantworten könnte; dann hätten wir eine Behausung für Sommergäste und auch für Erling, wenn er eine Frau nach seinem Geschmack findet. Wir legten dann Telephon zwischen den Häusern an, und auch hinüber zu anderen, die mit uns in Verkehr stehen. Ich will zusammen mit mehreren in der Gemeinde und im Sanatorium eine Station für Telephon bis nach Lillehammer errichten lassen. Heutzutage meint man ohne Telephon nicht mehr auskommen zu können. — Alle Deine Freundinnen hier lassen Dich grüßen; sie erkundigen sich sehr nach Deinem Gesang; aber ich kann ja nicht viel antworten; ich weiß so wenig davon, und im Grunde wirst Du wohl selbst nicht mehr wissen. So viel scheint mir sicher, daß Du vier Jahre statt drei wirst studieren müssen, und ich hoffe, ich kann es durchführen. Meine Ansicht ist: werde vollkommen darin; was für einen Gebrauch Du später davon machst, ist weniger wichtig; die Hauptsache ist das Talent, und das Bewußtsein, das Meistmögliche daraus gemacht zu haben.
Dein Freund Vater.
Liebe Bergliot, Mutter ist ein paar Tage unwohl gewesen; aber nun ist es wieder vorüber. Dank für Deinen letzten Brief. Hier machte in den Zeitungen ein Brief Cavlings an „Politiken“ über Dich die Runde, an dem kein wahres Wort war. Das ist doch ein Satanskerl! Pack’ ihn und hau’ ihn durch! Haben sich Bräkstad und Thommessen in Paris entzweit? Warum? Sag’ es mir! Ferner, erzähl’ uns umgehend, was Du mit Mad. Viardot-Garcia anfängst!
Ich bin in diesen Tagen besonders guter Laune. Ich will so viel und ich glaube, ich vermag auch noch viel. Und dann glaube ich, wir stehen wieder dicht vor einem Aufschwung; ich glaube es. Seltsame, starke ethische Kräfte dringen von allen Seiten herein, strengere Forderungen, ehrlicherer Wille. — Was einen angewidert und dabei gepeinigt hat, die Verräterei im großen und kleinen, hat seinen Hexensabbat gehabt; jetzt sollst Du sehen, es wird bald Tag. Jedenfalls kann der Mensch nicht arbeiten, wenn er nicht diesen Glauben hat. Und ich habe ihn! — —
Dein guter Freund Vater.
Deine Briefe machen uns viel Spaß, liebe Bergliot, und Deine ganze Natur tritt in jedem einzelnen klar zutage. Du bist die wiedererstandene Jugend Deiner Mutter mit dem Mehr, das Dir die Gelegenheit zu zeitiger Entwicklung gegeben hat, die ihr fehlte, die sie aber später nachzuholen wußte; also für mich bist Du etwas von der Wonne, die ich in den Tagen meiner Verliebtheit empfand. — Karl Konow war hier mit seinen Geschwistern; wie der sich herausgemacht hat! Nie ist er so hübsch gewesen, so gesund, so unterhaltend. Er hat alle Herzen erobert, Mutters, meins, Erlings und Keilhaus, der gute Karl. — Wie entzückend doch so ein norwegischer Winter ist; für mein Gefühl übertrifft er den Sommer. Bald sollst Du von Hegel die norwegischen Bücher bekommen, die zu Weihnachten erscheinen. Ich wollte, ich wäre mit darunter; aber ich werde bei weitem nicht fertig. Ich schreibe diesmal was Feines. Bitte keinen Schritt, um mit Lies zusammenzukommen! Ergibt es sich von selbst, ja; sonst auf keinen Fall. Vergiß ja nicht, Tschernings zu grüßen! — Sverdrup ist ja jetzt bald erledigt, soviel ich höre. Die Rechte nimmt nun wohl selbst das Heft in die Hand?! — Erling ist tüchtig in der Wirtschaft. Aber Ejnars Brief verrät, daß er in Footchou in zu große Geselligkeit geraten ist, die gefährlich für Gesundheit und Charakter werden kann.
Dein Freund Vater.