Dein B. B.
Roma, via Gregoriana 38,
1. Dezember 1904.
Liebe Bergliot, Mutters Geburtstag; sie liegt noch im Bett mit einer großen goldenen Kette um den Hals und eine Uhr daran. Mein Geschenk.
Wir sind beide so unglücklich über die kleine Irene. Das einzige, was ich mir zum Troste sagen kann, ist, daß bei einem energischen und begabten Menschen ein Schönheitsfehler die Folge haben kann, daß sein Wille stärker und sein Dünkel geringer wird. Vielleicht ist es eine Gabe für ihre Zukunft — und ein Schutz. Einer vollendeten und bewußten Schönheit drohen viele Gefahren, vor allem in ihrem eigenen Seelenleben; ich sitze gerade über der Schilderung einer solchen. Denkt darüber nach, Ihr beide.
Dein Freund Vater.
Aulestad, 28. Juni 1908.
Mein lieber, lieber Singvogel, am elften September kommen alle Kinder hierher, auch Björn. Aber nicht Du, die mehr Fest mitbringt, als alle die anderen zusammen.
Hier ist es so wundervoll jetzt, daß ich mich einer ähnlichen Fruchtbarkeit nicht entsinnen kann, oder einer Reihe von so gleichmäßigen, leuchtenden Tagen. Hier ist neu gestrichen und aufgefrischt außen und innen. Es mag ein Selbstbetrug sein, aber nirgends findet sich herzlichere, traulichere Gemütlichkeit. Unten bei Thekla ist auch alles wie neu, und jedem, der dort eintritt jetzt, macht der Besuch reiche Freude. Sie ist so fröhlich, gleichmäßig, gut, klug, daß Erling imstande ist, der Mann zu werden, den das Beste in ihm ahnen ließ, ohne daß er früher vermocht hätte, es zu entwickeln.
Dann Dagny! In ihrem Salon mußte ich mich sofort hinsetzen und schreiben; ich habe nie Ähnliches gesehen. Entworfen von dem großen Maler Ingres zu Beginn des vorigen Jahrhunderts und eingerichtet mit Dagnys Möbeln und mit ihrem Farbensinn. Ein Balkon die ganze Front entlang, auf den Hauptweg auf Longchamps zu, mit seinen baumreichen Alleen, und die Festungswälle und das Boulogner Wäldchen ganz nahe, so daß sie eigentlich in einem Walde wohnt und auf dem Lande. — Bei Thöres in Hamburg hatten wir es großartig. So gesunde, klare Menschen in üppigen Verhältnissen. (Vier Automobile!) Hegels waren ganz besonders liebenswürdig. Wir waren ihre Gäste im Hotel. Am letzten Tag Schriftstellerdiner bei Vilh. Andersen. Alle auf dem Bahnhof mit Hurra. Dasselbe Hurrawesen mit Musik dazu in Fredriksstad. Dort hielt ich eine meiner besten Reden, gut aufgelegt und vorbereitet. Bei Dikka diesmal über alle Maßen herzlich und warm, und das Zusammensein mit der Verwandtschaft das denkbar Beste für uns beide. Die Rede auf sie wurde mit einer Dankbarkeit aufgenommen, die echt war. Sie war auch selbst echt, innig und scherzhaft, so daß wir alle durcheinander weinten und lachten. Ejnars Kinder sind hier. Prachtkinder. Gott, wie ist es hier schön und beseligend! Karoline schläft und kommandiert und legt Patiencen, aber ißt kein Fleisch. Heute abend Doktors und die Böleute.
Dein Freund Vater.