Viele Bücher will ich Dir zu lesen geben, damit Du sehen kannst, wie viele Widerwärtigkeiten die hatten, die einander wahrhaft liebten, so daß sie lieber vor Gram gestorben wären, als daß sie einander aufgegeben hätten. Und so wollen auch wir es machen, und wollen es mit großer Freude tun. Wohl werden fast zwei Jahre darüber vergehn, bis wir uns wiedersehen, und noch länger, bis wir uns haben werden; aber mit jedem Tage, der vergeht, wird es doch einen Tag weniger; so wollen wir denken, während wir arbeiten.

Mein nächster Brief soll von so vielerlei Dingen handeln, aber heute abend habe ich kein Papier mehr, und die andern schlafen. So will ich mich denn hinlegen und an Dich denken, und das will ich tun, bis ich einschlafe.

Dein Freund
Öyvind Pladsen.

9

An einem Sonnabend im Hochsommer ruderte Thore Pladsen über das Wasser, um seinen Sohn zu holen, der am Nachmittag von der Ackerbauschule heimkehren sollte, wo er sein Studium beendet hatte. Die Mutter hatte mehrere Tage vorher Arbeitsfrauen gehabt, alles war rein und blank, die Kammer war schon vor langer Zeit instand gesetzt, ein Ofen war hineingestellt, und dort sollte Öyvind wohnen. Heute trug die Mutter frisches Laub hinein, legte reines Leinenzeug zurecht und sah von Zeit zu Zeit hinaus, ob wohl ein Boot über das Wasser gerudert käme. Drinnen war ein festlicher Tisch gedeckt, aber immer fehlte noch dies und jenes, oder es waren Fliegen wegzujagen, und in der Kammer lag Staub, immer wieder Staub. Noch kam kein Boot. Sie stützte sich auf das Fensterbrett und schaute hinüber. Da vernahm sie Schritte dicht über sich oben auf dem Wege und wandte den Kopf; es war der Schulmeister, der langsam herunterkam, auf einen Stock gestützt, denn er hatte eine kranke Hüfte. Die klugen Augen blickten ruhig umher; er blieb stehn und ruhte sich aus und nickte ihr zu: „Noch nicht gekommen?“ — „Nein, ich erwarte sie jeden Augenblick.“ — „Gutes Heuwetter heute.“ — „Aber heiß zum Gehen für alte Leute!“ Der Schulmeister sah sie lächelnd an: „Sind junge Leute heute ausgewesen?“ — „Freilich, sind aber wieder gegangen.“ — „Natürlich, ja, werden sich wohl heute abend irgendwo treffen.“ — „Das werden sie wohl, ja; Thore sagt, sie dürften sich in seinem Hause nicht treffen, ehe sie die Einwilligung des Alten haben.“ — „Ganz recht, ganz recht!“ — Nach einer Weile rief die Mutter: „Ich glaube fast, da kommen sie.“ — Der Schulmeister sah lange über den Fjord hinaus. — „Ja, das sind sie!“ — Sie trat vom Fenster zurück, und er kam herein. Als er etwas geruht und ein wenig getrunken hatte, gingen sie an die See hinab, während das Boot mit schneller Fahrt auf sie zuschoß, denn sowohl der Vater wie der Sohn ruderten. Die Rudernden hatten die Jacken abgeworfen, der Schaum spritzte weiß unter den Rudern auf, deshalb war das Boot bald bei ihnen angelangt. Öyvind wandte den Kopf um und sah auf, er gewahrte die beiden am Anlegeplatz, ließ die Arme auf den Rudern ruhen und rief: „Guten Tag, Mutter! Guten Tag, Schulmeister!“ — „Was für eine männliche Stimme er bekommen hat!“ sagte die Mutter; sie strahlte über das ganze Gesicht. — „Ach nein, ach nein, er ist noch ebenso hellblond,“ fügte sie hinzu. Der Schulmeister nahm das Boot in Empfang, der Vater zog die Ruder ein, Öyvind sprang an ihm vorüber und hinauf, gab zuerst der Mutter die Hand, dann dem Schulmeister; er lachte und lachte einmal über das andre, und ganz gegen die Sitte der Bauern erzählte er sofort in einem reißenden Strome von dem Examen, von der Reise, von dem Zeugnis des Direktors und den guten Anerbietungen. Er fragte nach dem Stande der Saaten, den Bekannten, mit Ausnahme einer Einzigen; der Vater war mit dem Gepäck beschäftigt und trug es aus dem Boot heraus, wollte aber auch gern alles hören, deswegen meinte er, es könne hier stehnbleiben, und ging mit ihnen. Und dann gings bergan, Öyvind lachte und erzählte, die Mutter lachte mit, denn sie wußte gar nicht, was sie sagen sollte. Der Schulmeister schleppte sich langsam neben ihnen her und sah ihn mit klugen Blicken an, der Vater folgte ehrerbietig in einer kleinen Entfernung. Und so gelangten sie heim. Er war erfreut über alles, was er sah, zuerst darüber, daß das Haus neu angestrichen war, dann darüber, daß die Mühlwerke erweitert worden waren, und darüber, daß man die Bleieinfassungen der Fenster in der Stube und in der Kammer entfernt hatte, daß das grüne Glas durch weißes ersetzt worden war und die Fensterrahmen größer gemacht worden waren. Als er hineinkam, war alles so wunderbar klein, wie er es gar nicht mehr in der Erinnerung gehabt hatte, aber so freundlich dabei. Die Uhr gackerte wie eine fette Henne, die Stühle waren so kunstvoll geschnitzt, als wollten sie mitreden, jede Tasse auf dem gedeckten Tische kannte er, der Herd lächelte ihm so weißgekalkt Willkommen zu; das Laub stand duftend an der Wand entlang, Wacholderzweige lagen am Fußboden und zeugten von der festlichen Stimmung. Sie setzten sich hin, um zu essen, aber es wurde doch nicht viel gegessen, denn er plauderte unaufhörlich. Jedes Einzelne betrachtete ihn jetzt mehr mit Ruhe, entdeckte Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten, betrachtete, was ganz neu an ihm war, bis auf den blauen Tuchanzug, den er trug. Einmal, als er eine lange Geschichte von einem seiner Kameraden erzählt hatte und endlich fertig war, worauf eine kleine Pause entstand, sagte der Vater: „Ich verstehe kaum ein Wort von dem, was du sagst, Junge, du sprichst so ungeheuer schnell“ — da brachen alle in lautes Gelächter aus, nicht am mindesten Öyvind; er wußte sehr wohl, daß es wahr war, aber es war ihm nicht möglich, langsamer zu sprechen. All das Neue, das er auf seinem großen Ausfluge gesehen und gelernt hatte, hatte seine Einbildungskraft und seine Auffassung dermaßen ergriffen und ihn so aus den gewohnten Geleisen herausgerissen, daß Kräfte, die lange geruht hatten, gleichsam aufschäumten und der Kopf unablässig arbeiten mußte. Ferner bemerkten sie, daß er sich angewöhnt hatte, hier und da zwei, drei Worte vor lauter Geschäftigkeit wieder und wieder zu wiederholen, es war, als stolpere er über sich selber. Bisweilen wirkte das lächerlich, aber dann lachte er selbst, und vergessen war es. Der Schulmeister und der Vater saßen da und gaben acht, ob er etwas von seiner frühern Besonnenheit eingebüßt hätte; aber das schien nicht so: er dachte an alles, erinnerte selber daran, daß das Boot ausgeladen werden müsse, packte sofort selber seine Sachen aus und hängte alles sorgfältig auf, zeigte seine Bücher, seine Uhr, all das Neue, und es sei gut erhalten, sagte die Mutter. Über sein kleines Zimmer war er überglücklich; er wolle fürs erste zu Hause bleiben, sagte er, und bei der Heuernte helfen und studieren. Wohin er später ginge, wisse er noch nicht; aber das sei ihm ganz allerlei. Er hatte eine Schnelligkeit und Kraft des Denkens, die erquickte, und eine Lebhaftigkeit im Ausdruck seiner Gefühle, das den so wohltuend berührt, der das ganze Jahr lang nur daran denkt, sich zurückzuhalten. Der Schulmeister wurde zehn Jahre jünger.

„Jetzt wären wir so weit mit ihm gekommen,“ sagte er strahlend, als er sich erhob, um zu gehn.

Als die Mutter, die ihn ihrer Gewohnheit gemäß bis an die Schwelle des Hauses begleitet hatte, wieder hereinkam, bat sie Öyvind, ihr in die Kammer zu folgen. — „Da ist jemand, der dich um neun Uhr erwartet,“ flüsterte sie. — „Wo?“ — „Oben auf dem Berge.“

Öyvind sah nach der Uhr, sie ging auf neun, es war ihm nicht möglich, im Hause zu warten, er ging hinaus, erklomm den Berg, blieb oben stehn und sah um sich. Das Dach des Hauses lag dicht unter ihm, das Buschwerk auf dem Dache war groß geworden, alles junge Holz ringsumher, wo er stand, war auch gewachsen, und er kannte jeden einzelnen Baum. Er sah den Weg hinab, der am Berge entlang führte, und an dessen andrer Seite der Wald stand. Der Weg lag grau und ernsthaft da, aber der Wald prangte in allerlei Laub. Die Bäume waren hoch und schlank gewachsen; in der kleinen Bucht lag ein Fahrzeug mit schlaffen Segeln; es war mit Planken geladen und wartete auf Wind. Er schaute über das Wasser hinaus, das ihn fort und wieder zurückgetragen hatte; still und blank lag es da, einige Singvögel flogen darüberhin, aber ohne Geschrei, denn es war schon spät. Der Vater kam aus der Mühle, blieb auf der Schwelle des Hauses stehn, sah hinaus wie der Sohn, ging dann an die See hinab, um das Boot vor der Nacht festzumachen. Die Mutter kam auf der einen Seite aus dem Hause heraus, denn sie war in der Küche gewesen; sie sah zum Berge hinauf, als sie mit Futter für die Hühner zum Holzplatz ging, sah abermals hinauf und summte eine Melodie vor sich hin. Er setzte sich nieder, um zu warten; das Unterholz stand so dicht, daß er nicht weit sehen konnte, aber er lauschte auf das leiseste Geräusch. Lange waren es nur Vögel, die aufflogen und ihn täuschten, bald wieder ein Eichhörnchen, das in einen andern Baum hinüberhüpfte. Endlich aber knackt es in einiger Entfernung, verstummt einen Augenblick, knackt dann wieder; er springt auf, sein Herz pocht, das Blut steigt ihm zu Kopfe; da raschelt es in den Büschen dicht neben ihm, aber es ist ein großer, zottiger Hund, der kommt und ihn betrachtet, auf drei Beinen stehn bleibt und sich nicht rührt. Es war der Hund von den obern Heidehöfen, und dicht hinter ihm raschelt es abermals, der Hund wendet den Kopf und wedelt; jetzt kommt Marit.

Ein Busch hielt ihren Rock fest, sie wandte sich um, um ihn loszumachen, und so stand sie da, als er sie zum erstenmal wiedersah. Sie trug ihr Haar unbedeckt und aufgerollt, so wie die Mädchen an Alltagen zu gehn pflegen, sie hatte ein buntgewürfeltes Mieder ohne Ärmel an, nichts um den Hals außer dem herabfallenden Leinwandkragen; sie hatte sich von der Feldarbeit weggestohlen und hatte nicht gewagt, sich zu putzen. Jetzt sah sie ihn von der Seite an und lächelte; weiß schimmerten die Zähne, und weiß blitzte es unter den halbgeschlossenen Augenlidern; sie stand einen Augenblick da und zupfte an ihrem Rock, dann aber kam sie heran und wurde mit jedem Schritt röter. Er ging ihr entgegen und nahm ihre Hand zwischen seine beiden. Sie sah zu Boden, und so standen sie da.