„Hab Dank für alle deine Briefe,“ war das erste, was er sagte, und als sie nun ein wenig aufsah und lachte, fühlte er, daß sie der schelmischste Kobold sei, dem er jemals in einem Walde begegnen könnte; aber er war befangen, und sie war es offenbar nicht minder.

„Wie groß du geworden bist!“ sagte sie, meinte aber etwas ganz andres. Sie betrachtete ihn mehr und mehr, lachte mehr und mehr, und da lachte er auch; aber sie sagten nichts. Der Hund hatte sich an den Felsrand gesetzt und sah in den Hof hinab. Thore bemerkte diesen Hundekopf unten vom Strande her und konnte bei dem besten Willen nicht begreifen, was es war, das sich da oben auf dem Berge zeigte.

Aber die beiden hatten einander jetzt losgelassen und fingen allmählich an miteinander zu reden. Und als er erst einmal angefangen hatte, wurde er bald so beredt, daß sie über ihn lachen mußte. „Ja, siehst du, das geht mir so, wenn ich fröhlich bin, so recht von Herzen fröhlich, siehst du; und als zwischen uns beiden alles wieder gut geworden war, da war es, als spränge ein Schloß in mir auf, siehst du!“ — Sie lachte. Dann sagte sie: „Alle die Briefe, die du mir geschickt hast, die kann ich beinahe auswendig.“ — „Und ich erst die deinen! Aber du schriebst immer so kurz!“ — „Weil du die Briefe immer so lang haben wolltest.“ — „Und wenn ich wollte, daß wir mehr von einer gewissen Sache schreiben sollten, dann entschlüpftest du mir.“ — „Ich nehme mich am besten aus, wenn du mich von hinten siehst,“ sagte die Waldfrau. — „Aber das ist wahr, du hast mir noch nie gesagt, wie du Jon Hatlen losgeworden bist!“ — „Ich lachte!“ — „Wie?“ — „Ich lachte! Weißt du nicht, was Lachen ist?“ — „Ja, lachen kann ich!“ — „Laß einmal sehen!“ — „Hat man je so etwas gehört! Ich muß doch etwas zum Lachen haben!“ — „Das habe ich nicht nötig, wenn ich fröhlich bin.“ — „Bist du jetzt fröhlich, Marit?“ — „Lache ich jetzt etwa?“ — „Ja, das tust du!“ Er nahm ihre beiden Hände und schlug sie wieder und wieder zusammen, so daß es klatschte, während er sie dabei ansah. Plötzlich fing der Hund an zu knurren, dann sträubte er das Haar und setzte sich hin, um in die Tiefe hinabzubellen, er wurde immer aufgeregter und war zuletzt ganz wütend. Marit sprang erschreckt zurück, Öyvind aber eilte an den Abhang und sah hinab. Es war sein Vater, den der Hund anbellte; er stand mit beiden Händen in der Tasche dicht unter dem Berge und sah zu dem Hunde hinauf. — „Bist du da, du auch? Was ist das für ein toller Hund, den du da oben hast?“ — „Es ist ein Hund aus den Heidehöfen,“ sagte Öyvind ein wenig verlegen. — „Wie zum Kuckuck ist denn der da hinaufgekommen?“ — Aber die Mutter hatte aus der Küche herausgeguckt, denn sie hatte den schrecklichen Lärm gehört; sie begriff alles, lachte und sagte: „Der Hund läuft hier jeden Tag herum; das ist doch nichts Sonderbares!“ — „Es ist aber ein bissiger Köter.“ — „Er beruhigt sich, wenn man ihn streichelt,“ meinte Öyvind und tat es; der Hund schwieg, knurrte aber. Der Vater ging arglos ins Haus, und die beiden waren vor der Entdeckung gerettet.

„Ja, diesmal ging es gut,“ sagte Marit, als sie wieder nebeneinander standen. — „Meinst du, daß es später schlimmer wird?“ — „Ich kenne einen, ich, der uns aufpassen wird.“ — „Dein Großvater?“ — „Ja, er!“ — „Aber er soll uns nichts tun.“ — „Niemals!“ — „Und das gelobst du?“ — „Ja, das gelobe ich, Öyvind!“ — „Wie schön du bist, Marit!“ — „So sagte der Fuchs zum Raben und bekam den Käse.“ — „Du kannst mir glauben, ich möchte auch gern den Käse haben.“ — „Aber du bekommst ihn nicht!“ — „Dann nehme ich ihn mir!“ — Sie wandte den Kopf ab, und er — nahm ihn nicht. — „Ich will dir etwas sagen, ich, Öyvind“ — sie sah ihn von der Seite an. — „Nun?“ — „Wie häßlich du geworden bist!“ — „Du willst mir den Käse doch wohl geben!“ — „Nein, das will ich nicht!“ — sie wandte sich von neuem ab.

„Jetzt muß ich gehn, Öyvind.“ — „Ich will dich begleiten.“ — „Aber nicht aus dem Wald hinaus, da kann Großvater dich sehen. — Nein, nicht aus dem Walde hinaus!“ — „Du läufst ja so, Liebe!“ — „Wir können hier doch nicht nebeneinander gehn.“ — „Aber das nennt man doch nicht begleiten!“ — „So greife mich!“ — Sie lief, er hinterdrein, und sie blieb hängen, so daß er sie fangen konnte. — „Hab ich dich nun für immer gefangen, Marit?“ — er hatte die Hand um ihre Taille. — „Ich glaube es,“ sagte sie leise und lachte, errötete aber gleich darauf und wurde wieder ernsthaft. — Nein, jetzt muß es geschehen, dachte er, umfaßte sie und wollte sie küssen; sie aber bog den Kopf unter seinem Arm durch, lachte und lief davon. Bei den letzten Bäumen blieb sie jedoch stehn. „Wann werden wir uns wiedersehen?“ fragte sie leise. — „Morgen, morgen,“ flüsterte er zurück. — „Ja, morgen!“ — „Leb wohl!“ Sie lief davon. — „Marit!“ — Er blieb stehn. — „Du, es war sonderbar, daß wir uns zuerst oben auf dem Berge getroffen haben.“ — „Ja, das war es auch!“ Sie lief weiter.

Lange sah er ihr nach, der Hund sprang vor ihr her und bellte, sie lief hinter ihm her und beschwichtigte ihn. Er wandte sich um, nahm seine Mütze, warf sie in die Höhe, fing sie wieder auf und warf sie nochmals in die Höhe. — „Jetzt glaub ich wirklich, daß ich anfange fröhlich zu werden, ich,“ sagte der Bursche und ging singend heim.

10

Eines Nachmittags, als die Mutter und ein Mädchen Heu zusammenharkten, das der Vater und Öyvind hineintrugen, kam ein kleiner, barfüßiger, barhäuptiger Junge über Hügel und Felder dahergesprungen und gab Öyvind einen Zettel. — „Du kannst aber laufen!“ sagte Öyvind. — „Ich bin dafür bezahlt!“ sagte der Junge. Auf die Frage, ob er Antwort bringen solle, sagte er nein, und er nahm den Weg nach Hause über den Berg, denn auf dem Wege käme jemand hinter ihm her, sagte er. Öyvind öffnete mühsam den Zettel, denn er war erst zu einem Streifen zusammengelegt, dann verschlungen und dann versiegelt, und auf dem Zettel stand:

„Jetzt ist er auf dem Wege, aber es geht langsam. Lauf in den Wald und verstecke Dich.

Die Bewußte.“