Als sie sie aus dem Glase nahm, fielen ihr die Worte ein: „Da haben Sie doch etwas Reelles.“ Die Worte waren allerdings nicht vom Löwenzahn gesagt: aber sie waren ihr oft wieder eingefallen; es war nicht wunderlich, daß sie ihr jetzt einfielen. Sie ließ den Löwenzahn stehen.

Aarö blieb lange fort, länger als eine Stunde. Als er aber kam, war er außerordentlich munter. Er saß hinten auf einem flotten Damenschlitten in dem eleganten Pelz von gestern, dem kostbarsten, den sie je gesehen; grüßte mit der Peitsche hinein und sprach und lachte mit den Kindern sowohl wie mit den Erwachsenen, die sich um ihn sammelten, während sie sich ankleidete. Das war bald geschehen; sie hatte nicht viel anzuziehen, brauchte es auch nicht.

Er stand sofort auf, grüßte, packte sie ein, und fort ging es im Trabe. Unterwegs beugte er sich zu ihr und flüsterte: „Wie gütig von Ihnen, daß Sie mitkommen!“ Seine Stimme war so warm, aber sein Atemhauch war anders als vorhin. Sobald der prächtige Hengst im Laufe nachließ, beugte er sich wieder vor: „Ich habe per Telephon ein Lunch in Baadshaug bestellt. Es ist bereit, wenn wir kommen. Sie haben doch wohl nichts dagegen?“ Sie drehte sich um damit sie ihm den Kopf zuwenden konnte; sie stießen beinahe zusammen: „Ich habe vergessen, Ihnen für die Karte von gestern zu danken.“ — Er wurde rot: „Ich habe es nachher bereut,“ sagte er; „aber in dem Augenblick, wo ich die Karte sah, mußte ich an Sie denken. Wie Sie hier heraus passen!“ Jetzt wurde sie rot und zog sich zurück. Da hörte sie dicht neben sich: „Sie dürfen nicht böse werden. Es pflegt so zu gehen; wenn man eine Dummheit wieder gutmachen will, so macht man eine zweite.“ Gern hätte sie seine Augen gesehen während er das sagte; aber sie wagte es nicht. Jedenfalls war es mehr, als was er bis jetzt gesagt hatte. Die Worte fielen weich wie Flaum! Bis heute hatte sie seine Zurückhaltung beinahe mißdeutet, — aber wie schön sie doch alles machte; sie betete sie an. „In einer Weile sind wir im Walde; dort werden wir anhalten und uns umsehen,“ sagte er. Dort dachte sie! Er fuhr im raschen Trabe dahin; sie freute sich, freute sich. Die Sonne funkelte auf dem Schnee, die Luft war warm, sie mußte das Kopftuch lösen, und dabei half er ihr. Wieder fühlte sie seinen Atem; es war etwas — nicht wie Tabak, feiner, angenehmer, aber was war es? Es entsprach ihm selbst gleichsam. Ihr war so wohl, mit solchem Überfluß von Glück in der Landschaft, durch die sie nun fuhren, und die beständig schöner wurde. Auf der einen Seite des Weges die Berge, die weißen Berge, denen die Sonne einen rötlichen Glanz gab! vor den Bergen Anhöhen, zum Teil mit Wald bewachsen, und zwischen den Anhöhen lagen Höfe. Auf der anderen Seite des Weges hatten sie die ganze Zeit das Meer; aber zwischen ihnen und dem Meer flache Strecken, vielleicht Moore. Das Meer selbst grauschwarz gegen die Schneegrenze; das sprach herein von anderen Seiten des Lebens. Von ewiger Unruhe, salzigem Ernst, nur Protest auf Protest gegen das Schnee-Idyll.

Während des Tauwetters waren Zweige, Stämme, Zäune feucht gewesen; der erste Schnee der dann kam, war ebenfalls feucht an sich und klebte gut fest. Als dies dann zusammenfror, und das Schneegestöber immer gleichmäßig überwältigend blieb, da bildeten sich Figuren über den ersten erstarrten Formen, wie man selten etwas Ähnliches sieht. Die Schwere des ersten feuchten Schnees machte, daß er hinabsickerte, an irgend einer Unebenheit haften blieb und sich dort sammelte; oder unter die Zweige hinabglitt oder zu beiden Seiten der Zaunpfähle. Als dies sich nun in Ruhe fügte und vermehrte, kamen die schnurrigsten Tiere zum Vorschein, — weiße Katzen, weiße Hasen, die mit krummem Rücken und gestrecktem Vorderleib an den Baumstämmen in die Höhe kletterten, oder unter den Zweigen manövrierten, oder oben auf den Hürdenstangen einen Buckel machten. Zottige, weiße Tiere, oft so groß wie der Marder, aber sogar auch groß wie der Luchs, ja, wie der Tiger. Demnächst allerhand kleines Getier, weiße Mäuse, Hermeline, oben und unten und drüben. Und alle möglichen Raritäten, Kobolde, die an den Beinen hingen, Pierrots, Gnomen auf den äußersten Spitzen der Hürdenpfähle, Heinzelmännchen mit Rucksäcken; oder eine hingeworfene Kappe, eine Nachtmütze, ein Tier ohne Kopf, ein anderes mit einem Schweif von ungeheurer Länge, ein großer Fausthandschuh, eine umgestülpte Wasserkanne. An einigen Stellen bloßes, schwarzes Laubwerk als Verzierung an der weißen Wand, an andern große Schneelasten in den Nadelbäumen mit Grün drüber und drunter, mächtige Farbenmengen gegeneinander.

Aarö hielt an; sie stiegen beide ab.

Da stürmte eine Reihe ganz anderer Eindrücke hervor. Dicht neben ihnen lag ein alter Bursche von einem Stamm, halb umgestürzt im Spiel des Lebens. Aber träumte er nicht jetzt im Winter den schönsten Traum, nämlich daß er jung sei? Beim ausgelassenen Aufbauen schneeweißer Herrlichkeit hatte er alle Schmerzen und Hinfälligkeit vergessen; versteckt war das Moos auf seiner Haut, die Fäulnis der Wurzel war zugedeckt, die Narben von den verlorenen Zweigen unsichtbar. Eine gebrechliche Pforte war ausgehängt und an den Zaun gelehnt, sie war zerbrochen und unbrauchbar. Auch sie hatte des Winters Künstlerhand aufgesucht und erneuert; jetzt war sie ein architektonisches Meisterwerk. Die schiefstehenden, dunklen Zaunpfähle waren junge Stutzer mit schiefem Hut und munteren Mienen. Die alten, schmutziggrauen, moosbewachsenen Hürdenstangen — man kann sich das Paradies hinter keiner schöneren Einfriedung träumen! Ihre Schwäche war bei der Auferstehung ihre Stärke geworden, Sprünge und Äste im Holz der vorzüglichste Baugrund für den Schnee, jedes Loch mit einem Wisch himmlischer Krystalle zugestopft; entstellende Unebenheiten schon seit der Zeit, wo sie gespalten worden, waren nun zugedeckt und geküßt, beruhigt und geschmückt, alle Fehler mit aufgenommen in die weiße Gemeinschaft.

Eine verfallene Tenne unterhalb des Weges, ein wohlausgedienter Mutterarm für Laub und Torf, — ebenfalls aufgesucht und verschwenderischer übergossen, als die reichste Braut der Welt. Aus des Himmels reichstem Schoß mit solchem Überfluß beschüttet, daß der Schnee in weißen Fahnen einen halben Meter weit über das Dach hing, an einigen Stellen mit hoher Kunst wieder aufgefaltet. Die grauschwarze Wand unter den Fahnen sah dadurch aus wie ein altes persisches Gewebe; die ganze Tenne hätte fertig in einem Shakespeareschen Drama auf die Bühne gestellt werden können. Hinten die Berge, vorn die Höhen, alles glänzte in der Sonne wie einst im Hosianna der Juden.

Ella vernahm aus der Ferne fortwährend zwei zarte Stimmen „Mama, Mama!“ die in dies alles hineinklangen. Als sie sich nach ihrem Begleiter umsehen wollte, saß er tiefergriffen auf dem Schlitten, während die Tränen ihm über die Backen liefen.

Bald fuhren sie weiter, aber langsam. „Ich erinnere mich dieses schmutzigen Weges,“ sagte er; die Stimme klang so wehmütig, „die Bäume gaben so viel Schatten, so daß er selten trocken wurde; aber jetzt ist er doch sehr fein!“ Da drehte sie sich um und hob den Kopf empor: „Ach, singen Sie etwas!“ — Er antwortete nicht gleich; sie bereute, daß sie darum gebeten hatte; dann aber sagte er: „Ich wollte schon, aber da kam eine solche Erregung über mich. — Sprechen Sie jetzt eine Weile nichts, dann kann ich’s vielleicht. Das alte Winterlied nämlich.“ — Sie sah ein, daß er nicht eher singen konnte, als bis es für ihn selbst so recht zur Wahrheit wurde. Solche stillen Schwärmer dachte sie, sind wählerischer in Bezug auf das, was echt ist. Das meiste ist ihnen nicht echt genug. Deshalb berauschten sie sich auch so gern, sie wollten hinaus, mußten eine Welt für sich allein schaffen. Ja, nun sang er:

Müde schlummert der Sommer ein,