Ihr Baden nahm viel Zeit in Anspruch, die Pflege ihres Haars fast sogar noch mehr. Aus ihrer Kommode, dieselbe auf demselben Platz, die sie von Kind auf benützt hatte, — aus dem untersten Schubfach nahm sie das allerfeinste Unterzeug hervor, das sie getragen hatte. Getragen nur ein einziges Mal, nämlich an ihrem Hochzeitstage — vor der Entweihung. Nachher nie wieder. Aber heute — jetzt, jetzt, jetzt! Jedes Stück, daß sie außerdem noch anzog, war etwas, das kein anderer berührt hatte. Sie wollte sein wie die, die sie in ihren Träumen gewesen.
Sie ging zu den Knaben hinein, die wach, aber noch nicht angezogen waren: „Wißt Ihr was, Kinder, heute soll Tea Euch zur Großmutter bringen!“ Große Zustimmung — auch von Tea, denn das bedeutete einen freien Tag. „Mama, Mama!“ hörte sie hinter sich her rufen, als sie in die Küche hinunter lief, um eine Tasse Kaffee zu trinken, und dann fort. Zuerst wollte sie Blumen holen, dann wollte sie ihre Stunden absagen. Denn jetzt, jetzt, jetzt —!
Auf der Straße fiel ihr ein, daß es zu früh sei, um jemand aufzusuchen. Darum machte sie einen Spaziergang vor die Stadt, den frischesten, fröhlichsten, den sie je gemacht. Sie kam gerade zurück, als Frau Holme aufmachte. Als Ella eintrat, hielt die „Blumenfrau“ ein kostbares Bouquet in der Hand, das gerade fortgeschickt werden sollte. „Das will ich haben!“ rief Ella, sie schloß die Thür hinter sich. „Sie?“ entgegnete Frau Holme, etwas mißtrauisch; das Bouquet war sehr teuer. „Ja, ich! Ich muß es durchaus haben!“ Ella’s kleine grüne Börse war schon heraus. Das Bouquet war vom reichsten Hause der Stadt bestellt, und Frau Holme sagte das. „Das macht nichts!“ antwortete Ella. So viel ehrliche Anbetung für ein Bouquet hatte die andere nie gesehen — und Ella bekam es.
Von da zu Andresens an der Ecke; einer von den Kommis nahm bei Ella Unterricht in Handelsrechnung; sie wollte ihm absagen und ihn ersuchen, dem ganzen großen Kreis Bescheid zu sagen. Sie bat ihn darum mit zündenden Augen, und er versprach es mit Feuer. Das appetitlichste rote Tuch hing gerade vor ihr. Das mußte sie heute um den Kopf binden, wenn sie ausfuhr, denn daß sie heute ausfahren würde, daran war kein Zweifel! Andresen selbst kam dazu, als sie gerade nach dem Preis des Tuches fragte; er sah ein Paar Blumen aus der Papierhülle hervorkommen; „das sind ja herrliche Rosen,“ sagte er. Sofort brach sie eine ab und gab sie ihm. Von der Rose sah er zu ihr hin; sie lachte und fragte, ob er ein wenig von dem Tuche ablassen würde; sie habe nicht ganz soviel Geld bei sich. „Wieviel haben Sie?“ fragte er. „Genau eine halbe Krone zu wenig.“ Er selbst packte ihr das Tuch ein. — Auf der Straße traf sie Cäcilie Monrad; Ella gab einer ihrer Schwestern Klavierunterricht und sparte es sich nun, bis ans andere Ende der Stadt zu traben. Heute glückt mir alles. „Haben Sie von den beiden gelesen; die sich in Kopenhagen zusammen umgebracht haben?“ fragte Cäcilie. Ja, Ella hatte es gelesen; Fräulein Monrad fand es grauenhaft. „Weshalb?“ — Der Mann war ja verheiratet. — „Allerdings,“ erwiderte Ella, „aber nun liebten sie sich!“ Ihre Augen waren ein Glutmeer; Cäcilie schlug die ihren nieder und wurde rot. Da nahm Ella ihre Hand und drückte sie. — Da bin ich in eine Liebesgeschichte hineingekommen, dachte sie und flog mehr als sie ging durchs Villenviertel; der größte Teil ihrer Eleven wohnte dort oben. Auf einem Dache sah sie zwei Staare, die ersten vom Jahr; das Tauwetter vor einigen Tagen hatte sie wohl verlockt. Aber nicht, daß die Staare etwa verzagt gewesen wären; keineswegs, sie liebten! „Mama, Mama!“ hörte sie im selben Augenblick. Das waren doch deutlich ihre Jungen! Sie hatte wohl an sie gedacht, als sie die Staare sah. So sehr hatte es sie in Anspruch genommen, daß sie zu weit an den Straßenrand kam; dabei trat sie auf ein Brettende, das ins Schwanken kam; sie wäre beinahe gefallen. Aber unter dem Brett war es Frühling! Von der Tauwetterzeit übrig geblieben stand da — ja freilich war es Löwenzahn! So langweilig wie er weiter in den Sommer hinein wird — als erster Mann ist er willkommen! Sie beugte sich nieder und nahm die Blumen. Sie steckte sie zwischen die Rosen; der Löwenzahn nahm sich dort dürftig aus; aber der erste im Jahr, und heute gefunden!
Hiernach war sie ganz ausgelassen. Hüpfte die Anhöhen hinunter, als sie fertig war; grüßte gleichmäßig Bekannte und Halbbekannte, und als sie dann Cäcilie wiedersah, legte sie die Blumen aus der Hand, machte einen Schneeball und warf ihr den in den Rücken.
Zu Hause angekommen, ließ sie die Knaben zusammen mit Tea in den Schlitten packen. „Mama, Mama!“ riefen sie und zeigten nach dem Hotel hinauf; Axel Aarö stand dort und grüßte.
Gleich darauf kam er herüber. „Sie sind wohl ganz allein?“ er trat zu ihr. — „Ja;“ — sie machte sich mit den Blumen zu schaffen und blickte nicht auf, denn sie zitterte. „Ist heute Geburtstag im Hause?“ — „Sie meinen wegen der Blumen —?“ — „Ja. Das sind ja herrliche Rosen! Und die da im Glase? Löwenzahn!“ — — „Die ersten im Jahr.“ Er sah sie nicht an. Er stand so unentschlossen da, als überlege er etwas. „Darf ich Ihnen etwas vorsingen?“ sagte er endlich. — „Ja, bester —!“ sie ließ die Blumen, um das Klavier zu öffnen und den Stuhl herunter zu schrauben — und zog sich dann bescheiden zurück. Nach einem längeren, gedämpften Vorspiel, begann er Ole Olsen’s „Sonnenuntergang“ ganz ruhig, ja, so wie er gesprochen und gewesen war, seit er bei ihr eingetreten. Nie hatte er schöner gesungen; seine Gesangskunst war so viel größer geworden. Aber in der Stimme lag derselbe, nein, ein noch trostloserer Schmerz als der, den sie das erste Mal vernommen. „Trauer, Trauer, — ach, ich bin verloren!“ — sie hörte es wieder so deutlich. Als er den ersten Vers zu Ende gesungen hatte, saß sie vorübergebeugt und weinte; sie hatte nicht einmal versucht, sich Zwang aufzulegen. Er hörte es und drehte sich um; gleich darauf fühlte sie daß er ihren Zopf berührte, ja, ihr war, als küsse er ihn; jedenfalls hatte er sich ganz über sie niedergebeugt, denn sie fühlte seinen Atemzug. Aber sie hob den Kopf nicht, sie hatte nicht den Mut.
Er ging durchs Zimmer. Kam zurück, ging wieder. Da wurde es still in ihr, sie saß unbeweglich und wartete.
„Darf ich Sie heute spazieren fahren?“ vernahm sie. Den ganzen Tag wußte sie schon, daß sie zusammen ausfahren würden, sie wunderte sich daher nicht. Gleichwie dies nun in Erfüllung gegangen war, würde das andere kommen. Alles. Sie blickte durch Tränen auf und lächelte. Er lächelte ebenfalls! „Ich gehe und bestelle das Pferd.“ Und als sie nicht antwortete, tat er’s.
Wieder zu den Blumen. Sie hatte sie ihm also nicht geben dürfen. Die paar Blüten Löwenzahn wollte sie fortwerfen.