Sie kamen am Rauchzimmer vorbei, das ihr im Vorübergehen voll erschien — jedenfalls voll Rauch und Gelächter. Die Tür zu einem kleinen Zimmer daneben wurde geöffnet; dort lag Axel Aarö auf dem Bette; er mußte sich dort hinein geschlichen haben — vielleicht um noch mehr zu trinken. Er hatte nämlich eine kleine, dicke Flasche mit hineingenommen, die auf einem Tische neben dem Bette stand. Auf diesem lag er selbst, vollständig angezogen mit erloschenen Augen, ohne Kraft oder Empfindung; er sagte zu ihr: „Tip, tip, Peté!“ Er wiederholte es mit ausgestrecktem Finger: „Tip, tip, Peté!“ Beidemal in der Fistel. Sollte das Peter heißen? Glaubte er, sie sei ein Mann? Hinter ihm auf dem Kopfkissen lag etwas Haariges; es war ein Toupet; jetzt sah sie’s, er hatte eine Glatze. „Tip, tip, Peté!“ hörte sie hinter sich, als sie hinausstürzte.
Armseliger als jetzt Ella in ihren Pelzschuhen und Winterkleidern so schnell, wie ihre kurzen Beine sie tragen konnten, nach der Stadt zurücktrabte, ist wohl selten jemand über einen Landweg gelaufen. Der schwere Mantel, den sie auf der Fahrt gehabt, war aufgeknöpft, das Kopftuch trug sie in der Hand, und doch schwitzte sie, daß es herab tropfte; die Vorstellung beherrschte sie, daß es die Träume seien, die von ihr abfielen!
Anfangs dachte sie nur an Axel Aarö, den unglückselig Verlorenen! Morgen oder übermorgen hatte er das Land verlassen, sie wußte es bereits, und diesmal für alle Zeiten!
Aber wenn sie es sich so recht entsetzlich ausmalen wollte, wie es war, dann lag das Toupet auf dem Kopfkissen und sagte: „Es war doch wohl nicht alles so echt mit Axel Aarö?“ Doch, doch, — was konnte er dafür, daß er so früh kahl geworden war? Hm, erwiderte das Toupet, er hätte es eingestehen können.
Ella arbeitete sich vorwärts. Glücklicherweise begegnete sie niemand, auch kam niemand von all denen, die jetzt auf Baadshaug waren, hinter ihr her; sie mußte ja komisch aussehen, schwitzend und weinend mit aufgeknöpftem Mantel, in Pelzschuhen mit dem Tuch in der Hand. Sie versuchte ein paarmal, langsamer zu gehen, aber der Aufruhr in ihr war zu stark, und dann lag es in ihrer Natur, sich vorwärts zu arbeiten.
Aber in ihrem gejagten Blut meldete sich die kräftige Frage: Möchtest du, Ella, nun all deine Träume entbehren, da es jedesmal so jämmerlich damit gegangen ist? Da flennte Ella laut auf und erwiderte: nicht, wenn es mein Leben gälte! Nein, denn die Träume sind das Beste, was ich gehabt habe; sie haben mich gelehrt auszuhalten, sie haben mir gegeben, womit ich all das andere messen kann, so daß ich niemals etwas für hoch halte, was niedrig ist. Nein, meine Träume, die habe ich auch um meine Kinder gewebt, so daß ich jetzt tausendmal mehr Vergnügen an ihnen habe. Die, und dann die Blumen, das ist alles, was ich habe. Und sie flennte und arbeitete sich vorwärts.
Aber nun sind dir ja keine Träume mehr geblieben, Ella!
Anfangs wußte sie nicht, was sie darauf antworten sollte; es schien ja allzu wahr, allzu entsetzlich wahr, — und das Toupet zeigte sich wieder.
Gerade hier hatte Aarö das Winterlied gesungen. Wie das Zwitschern der Schellen die Weise begleitet hatte, so begleitete jetzt das „Mama, Mama!“ der zarten Stimmen ihre Tränen. Es war nicht wunderlich, denn sie lief ja zu ihren Knaben, aber jetzt meldeten sie sich, als wären sie’s, von denen sie träumen sollte. Nein, nein, „da haben Sie doch etwas Reelles,“ antwortete es mit Aarös Stimme; sie erinnerte sich, wie er es gesagt, sie erinnerte sich seiner Wehmut dabei. Hatte er wirklich an sie und sich gedacht und an die Knaben und sie? Hatte er seine eigene Schwäche mit ihrer Gesundheit und Zukunft gemessen? Sie kam wieder weit von den Knaben ab; sie war wieder bei all seinen Worten und Blicken, um das Rätsel zu deuten; aber darunter brach das Sehnen und der Schmerz wieder auf, wie nie zuvor; das ganze Leben war vorbei, der Traum zu alt in ihr, zu stark, zu lieb, die Wurzeln konnten nicht ausgerissen werden, unmöglich! Sie waren ja ungefähr alles, was sie den nächsten Tag sehen würde, berühren, vornehmen würde! — — Zu aller Verzweiflung kam noch, daß die Knaben nicht zu Hause waren; sie kam an ein leeres Haus.
Aber Kräfte waren in ihr. Denn als sie nach Hause kam und gebadet und sich schlafen gelegt hatte, und der Mondschein von gestern abend ins Zimmer sah und erwähnte, was sie mit einander gehabt hatten, da warf sie sich im Bett umher und weinte laut wie ein Kind; hier konnte niemand sie hören, niemand hereinkommen. Ihr Herz war jung, wie damals, als sie siebzehn Jahre alt war; es konnte und wollte nicht aufgeben!