Ivar Bye hat uns in Wahrheit gelehrt, gut zu sein, und viele, viele außer uns.
Als Beweis dafür, wie sicher er sich seiner Freunde fühlte, muß ich einen kleinen Streich erzählen, über den seinerzeit halb Bergen lachte. Wir waren in Gesellschaft bei einer Dame, die für ihre ausgezeichneten Kuchen bekannt war. „O,“ sagte meine Frau, „besonders der da schmeckt köstlich!“ — „Den sollst du mit nach Hause nehmen,“ antwortete Bye. Alle Kuchen wurden aufgegessen, nur nicht diese Sorte; sie waren fast unberührt. „Ich begreif’ es nicht,“ sagte die Wirtin, als die andern Gäste fort waren und wir noch allein da waren. „Ich glaubte, die Kuchen seien die Besten.“ — „Ich begreif’ es gut,“ sagte Bye, „ich bin nämlich zu allen Leuten gegangen und habe ihnen gesagt, daß in den Kuchen da faule Eier seien!“ —
Der reichste Teil aber seiner Menschenkenntnis, seiner Wärme und Güte sammelte sich in seinem Beruf als Ratgeber und Vertrauter. Er war dazu geboren. Keine Instinkte sind im Menschen feiner entwickelt, als die, die Verständnis ahnen! Und andrerseits gibt es kein sichereres Zeugnis moralischer Macht, als das, Bekenntnisse zu erzwingen einfach dadurch, daß man ist, der man ist! Und diese Macht hatte er.
Unsre Literatur hat ein Denkzeichen für seine Art und Weise, Vertrauen entgegen zu nehmen. Es ist niedergelegt in dem Gedicht:
Ich hab’ einen Freund — In schlafloser Nacht — —
Ich schrieb es fern von ihm — nicht, damit er es bekommen sollte, sein Name ist nicht genannt und er hat es nie erhalten; sondern weil das Leben damals schwer für mich war.
— — Als meine Frau und ich mit unsrem kleinen Jungen vom Auslande heimkehrten, vier Jahre nach meinem Abschied von ihm und vom Theater, sehnten wir uns tiefinnerlichst nach Bergen und ich ganz besonders nach ihm. Das Theater war aufgehoben. Natürlich. Aber Bye hatte sich Vertrauen erworben, er blieb zurück als Aufseher über Haus und Habe, und die kleine Einnahme genügte für ihn.
Wir hatten uns darauf gefreut, ihm unsern Jungen zu zeigen, — und wir mußten hören, daß Bye gefährlich krank sei. Trotzdem war viel Freude bei der Rührung des Wiedersehens, denn er war ja auf, er hob unsern Jungen hoch; wir wollten viel zusammen sein, sagte er.
Darin aber täuschten wir uns. Den Tag darauf mußte er zu Bett, um nicht mehr aufzustehen. Es war, als hätten die Kräfte ausgehalten, bis wir kamen; jetzt ging es rasch bergab.
Daß es schnell zu Ende ging, begriff ich zum erstenmal bei einem Vorfall, einige Tage später; ich will ihn nicht verschweigen. Ich kam zu ihm — „kam“ ist nicht das Wort, denn ich war wütend und stürmte die Treppen hinauf. Ich war mit einer Sache beschäftigt, die mich erregte und ich vergaß, — wie junge gesunde Leute nur allzu oft tun, — wie es Schwachen und Kranken zumute ist. Nach alter Gewohnheit wollte ich mich vor allem vor ihm austoben, und das tat ich auch. Da traf mich auf einmal ein hilfloser Blick und ich hörte die Worte: „Ach nein — ich kann nicht fassen, was du sagst!“ ... Wie ich erschrak, wie ich mich schämte und unglücklich war! Und wie das sich verschärfte, als er ein paar Tage darauf starb! So nahe war er dem Tod, und wir ahnten es nicht!