Den Tag, nachdem wir angekommen waren, gingen wir miteinander an dem langen, düstern Haus vorbei, in dem er einmal als Gefangener gesessen hatte. Nie vergeß’ ich, welche Stimmung in mir zitterte, meine Augen begegneten den seinen. Er sagte irgend etwas, wie: sie haben ein neues Tor; oder: das Tor ist neu angestrichen. Ich weiß nicht mehr, was. Ich sagte nichts; d. h. ich schwatzte unaufhörlich von ganz andern Dingen.

In Trontheim waren nur Wenige, die sein Geheimnis kannten, und diese Wenigen waren seine guten Freunde. Hier war er also sicher. Ich seh ihn noch draußen auf einem Stein mitten in dem großen Lerfoß, ein Stück weit von der Stadt; Gott weiß, wie er da hinaus gekommen war. Er hockte da — nackt. Da war er einmal ganz losgelassen! Eine solche Wildheit und ein solcher Übermut offenbarte sich da, daß man erwartete, er würde sich in den Strom werfen. Ich stand und dachte: Jetzt ist Bye froh!

Später sagte ich zu ihm: „Was hätte aus dir werden können, Bye, wenn du dich hättest frei entwickeln können.“

„Ja,“ antwortete er, „etwas zwischen Aschenputtel und Nöck. Auch wenn der Nöck weint.“

Und eine Weile darauf: „Aber für mich war von Anfang an die Schranke gezogen.“

Zwei Tage zuvor hatte ich mich verlobt, deshalb lebt der Tag in meinem Gedächtnis wie Sonnenschein; jedes Wort steht vor mir in gleicher Klarheit wie die Landschaft. Solange diese Verlobung sich vorbereitet hatte, schwieg er; nicht mit einem Hauch seines Mundes, so schwach, daß er die kleinste Feder bewegt hätte, versuchte er auf meinen Entschluß einzuwirken. Und doch sagte er mir, sogleich nachdem es geschehen war, daß es sein höchster Wunsch gewesen war! Herrliche Tage hatten wir drei! Und es blieb so, als ich mich verheiratete, obwohl er ausziehen mußte und meine Frau einzog; er kam beständig zu uns.

Jenes Jahr ist zweifellos das für meinen Charakter gefahrvollste gewesen. Ich hatte eine unbändige Arbeitskraft; ich leitete das Theater und das Oppositionsblatt der Stadt und damit die große Wahl, die erste in Norwegen auf ganz nationalem Grund. Gleichzeitig nahm ich in ausgedehntestem Grad am Vereinsleben und an Gesellschaften teil, schrieb an einer Erzählung und dichtete Lieder. Aber mir war nicht leicht eine Schranke zu setzen, wenn ich etwas erreichen wollte; ich hatte ja auch immer Glück.

Ihm und ihr verdanke ich es, und der Mithilfe meiner teuren Freunde Georg und Henrik Krohn, Dankert Roggen, Andreas Behrens, Henrichsen, Dahl u. a., daß ich so einigermaßen unversehrt daraus hervorgegangen bin.

Unter den warmen, unmittelbaren Menschen in Bergen fanden sich Freunde für Ivar Bye. Als Garderobier am Theater, wo man ihn seines guten Geschmacks willen angestellt hatte, kam er mit vielen verschiedenen Schichten der Bevölkerung zusammen, und er traf wie gewöhnlich, seine Auswahl. Durch uns andre lernte er noch mehr kennen, — so daß er nun endlich Menschen gefunden hatte, die er brandschatzen konnte für seine armen Freunde in allen Ecken und Winkeln des Landes! Nach und nach gewann er, — das war unausbleiblich — vollständige Herrschaft über die, die er gern hatte, und er erhielt sie sich auch, weil er genau wußte, wie er jeden Einzelnen zu nehmen hatte. Eine alte Verwandte meiner Frau liebte ihn so, daß sie den Tag für verloren hielt, an dem er nicht vorgesprochen hatte. Trotzdem wollte sie ihm das Kleid nicht geben, das sie eben an hatte; es war ja auch wirklich zu toll, um so etwas zu bitten. Bye hatte nämlich ein altes armes Fräulein, dem dies Kleid akkurat paßte; es war so hübsch warm, so recht ein gutes Winterkleid, und sie besaß mehrere, das alte Fräulein aber gar keines. Kaum war Bye gegangen, so fing das, was er gesagt hatte zu wirken an. Vielleicht mußte es eben grade solch ein Kleid sein? Sie zog es aus und packte es ein. Eh’ Bye von seinen vielen Besorgungen nach Hause kam, lag das Kleid auf seinem Zimmer. — Für andre hatte er eine andere Art des Vorgehens. Wenn sie mit einem ausgedienten Kleidungsstück nicht herausrücken wollten (es gibt ja liebenswürdige Menschen, die in diesem Punkt unglaubliche Gewohnheitstiere sind), so nahm er es ganz einfach und ließ uns andre dann arglos fragen: „Aber, Liebe, haben Sie denn das graue Kleid nicht mehr? Es stand Ihnen so gut!“

Was er sich und uns Spaß machte mit all seinen Schlichen, um uns Geld für seine alten Fräuleins abzulocken! Er hatte ein wahres Genie dafür, solche aufzustöbern und sie mit seinem Geplauder und seinen diskreten Gaben zu erfreuen.