Er war noch nicht lange da, als er zum ersten Mal in seinem Leben festen Boden unter den Füßen zu fühlen begann; es schwankte nicht mehr alles. Aber just da erhielt er einen anonymen Brief von „einem Moldenser“. Darin wurde er gefragt, „wie er es wagen könne —?“
Und hier war’s, wo ich dazu kam.
Eins von den ersten Dingen, die ich erzählen hörte, als ich Zögling der höheren Schule zu Molde wurde, war, wie dieser gutherzige, schöne Junge von älteren, „vornehmeren“ Kameraden mißbraucht und dann schmählich verlassen worden war. Darüber herrschte in Molde sowohl damals als später nur eine Stimme. Als es nun mit Schlangenzungen zu zischen begann, schien es mir deshalb, wir Moldenser müßten die Ersten sein, sie in ihre Löcher zurückzupeitschen. Ich habe ein Talent für Organisation; in aller Eile veranlaßte ich die Moldenser Studenten, eine Leibwache um ihn zu schließen, eine Wache des Schweigens und der Freundschaft. Und zu äußerer Sicherheit nahmen wir ihn in die Studentenkolonie auf, die ein paar von uns gegründet hatten. Er zog mit seiner langen Pfeife, seinem kleinen Hausrat — vor allem seiner kleinen Beefsteakpfanne, an der so viele von uns sich erfreut haben! — bei uns ein; seine Bude oben wurde bald unser Lieblingsaufenthalt.
Als Theaterkritiker konnte ich ihm auch indirekt eine Stütze sein, wenn die Leute uns überall zusammen sahen. Ich stutzte einen französischen Lustspiel-Einakter für ihn und noch einen andern Notleidenden, Kapitän David Thrane, zurecht; letzterer hatte Walzer- und Operettenmelodien komponiert, die er darin angebracht haben wollte. Bye erhielt eine kleine erotische Rolle; ich wollte sehen, ob er vielleicht am Ende doch einmal mit etwas von dem, was er besaß, herauskommen könnte. Er wagte sich jedoch kaum zu rühren, so daß das Stück glänzend Fiasko machte. Wir tranken unter großem Gelächter auf seinen Tod.
Für das norwegische Theater kamen bald böse Tage. Wir Norweger haben nämlich die Gewohnheit, jedes nationale Unternehmen dreimal an unsrer Gleichgiltigkeit oder Uneinigkeit zugrunde gehen zu lassen. Erst beim viertenmal ist es lebensfähig. Bye ging mit einer schlechten Truppe auf die Wanderschaft. Aber eben damals war ich Direktor am Bergenser Theater geworden und schickte ihm Reisegeld.
Ich seh ihn noch, wie er am ersten Tag meine Garderobe musterte und sich daraus ein paar Hosen mit Seidenstickerei an den Säumen herunter auswählte; ich seh ihn mit einem Taschenmesser sitzen und diese Verzierungen austrennen; denn grade diese Hosen hatte er sich nun einmal ausgesucht. Er war bettelarm. Er hatte nämlich alles, was er hatte, weggegeben, solchen, die es nötiger brauchten, als er. „Für mich war ja noch immer Rat,“ sagte Bye, „ich wußte ja, ich hatte dich in der Hinterhand.“ Ich möchte wissen, ob ich jemals in meinem Leben stolzer auf etwas gewesen bin, das er mir gesagt hat. Es war auch das Einzige dieser Sorte, was er mir zu spendieren für zuträglich hielt.
Er nannte mich — wie alle Kameraden — „Björnen“ (Bär) oder „Bjö’en“ und behandelte mich wie ein Kind, oder wie einen hellen Toren — insonderheit wie das letztere, indem er mich vollständig entmündigte. Ich bekam mein eignes Geld nicht in die Hand, — wobei ich mich ausgezeichnet stand, — sondern mußte ab und zu etwas von ihm „leihen“. Er umgarnte mich geradezu mit den abscheulichsten Schlichen und stiftete Verschwörungen gegen mich unter meinen Freunden an. Obschon es immer zu meinem eignen Besten geschah, — wenn ich dahinter kam, oder wenn es zu stark gegen meine Passionen ging, so kriegte er Prügel; aber in der Regel ging’s nach seinem Willen. Wenn alles vorüber war, hielt er mich unbarmherzig zum Narren, und dann lachten wir alle beide.
Im Frühling zogen wir nach Trontheim, um wieder vor den Trontheimern zu spielen — ich darf wohl sagen, ein gut einstudiertes Repertoire. Die Trontheimer wollten uns erst das Theater nicht vermieten; „es sollte repariert werden“. Ich mußte hinauf und es erobern, und die andern kamen nach. Bye war mit dabei. Eine lustige Gesellschaft waren wir — lauter junge Leute, der Direktor der zweitjüngste von allen! Eine Sommerreise, wie sie kaum ihresgleichen gehabt hat in Norwegen! Sie hätte ihren Dichter haben müssen; — der aber starb mit Georg Krohn.
Proben und Vorstellungen, Gesellschaften, Ausflüge, Tollheiten und Reden, — ich hielt zu jener Zeit beständig Reden! ... man kann sich eine Vorstellung davon machen, wie wir mit den Trontheimern umsprangen, wenn ich erzähle, daß wir jeden Abend bei gutem Wetter damit endeten, daß Rektor Müller — man denke, der Rektor der Stadt! — auf der Feuerleiter in den Stiftsgarten stieg, ohne sich festzuhalten, und weiter über die Dachrinne und wieder zurück!
Ich wohnte im ersten Hotel der Stadt.[3] Ivar Bye wohnte natürlich bei mir. Er sagte nichts und ich sagte nichts; aber wir waren im voraus darüber einig, so und nicht anders mußte er Trontheim wiedersehen.