Er hat mir später erzählt, daß er vor Erregung zitterte und sich krank melden mußte; er konnte seine Gedanken nicht zur Arbeit sammeln. All die Jahre hindurch hatte er, oft ohne es sich selbst zu gestehen, auf ihn gewartet. Das Letzte, was er aus dem Mund des Freundes, in dem ihm eigenen, selbstherrlichen Ton gehört hatte, war ja: „Du sollst es nicht bereuen!“ Eine runde, volle Anweisung, ausgestellt von einem Mann, der die Ritterlichkeit selbst war. Bye hatte ihn in all diesen Jahren nicht belästigt; zu der Schuldsumme hatten sich also Zinsen gehäuft. Der Freund war nun auch im Auslande ein reicher Mann geworden, wenn das Gerücht nicht trog; Bye würde auch ins Ausland kommen, das fühlte er! Nun galt es also, ihm zu sagen, daß er hier war. Aber es mußte so geschehen, daß andre es nicht hörten oder sahen; das hätte den Nichtsahnenden in Verlegenheit bringen können! Er erkundigte sich deshalb im Hotel, wo der Fremde abends hinginge; und Nacht für Nacht ging er selbst vor sein Hotel; er wollte ihm begegnen, wenn er heimkam. Aber es traf sich nie günstig. Da faßte er Mut und schrieb. Erzählte ihm, daß er in der Stadt sei, und erbat sich eine Unterredung, gestattete sich, die Zeit und den Ort ihres Zusammentreffens, des Freundes Zimmer im Hotel, vorzuschlagen.
Zur bestimmten Zeit fand er sich vor der bestimmten Tür ein. Er stand und lauschte, eh er anklopfte; es war Licht darin — aber kein Geräusch. Endlich klopfte er. Ein kräftiges „Herein!“ antwortete ihm. Als Bye nicht sogleich zu öffnen vermochte, wurde es wiederholt — noch kräftiger — vom besten Gewissen der Welt.
Ivar Bye stand vor einem hohen, stattlichen Mann in eleganter Gesellschaftstoilette, der eben Parfüm auf sein Taschentuch goß.
Sie sahen einander an; und die erste Folge davon war, daß keiner von ihnen grüßte. „Ich habe Ihren Brief erhalten; aber ich bedaure, daß die Zeit, die Sie vorgeschlagen haben, nicht günstig ist; ich bin im Begriff auszugehen. Bitte, nehmen Sie Platz!“
Bye blieb stehen.
„Ich sehe, es geht Ihnen gut. Was treiben Sie?“ — „Ich bin im Handelsfach.“ — „So, wirklich? Sind Sie schon lange hier?“ — „Ein Jahr oder so.“ — Er wußte nicht mehr, was er redete, das Zimmer fing an, sich im Kreis zu drehen. „Ja, Sie müssen wirklich entschuldigen, aber ich höre eben den Schlitten vorfahren.“ Er wandte sich um und legte ein großes seidnes Halstuch um, eh er den Pelz umnahm. Es klopfte. Ein Diener meldete, daß der Schlitten da war, eilte herbei und half dem Herrn in den Pelz. Bye stand noch immer unbeweglich, als der Herr mit einem höflichen Adieu an ihm vorbei in den Gang hinaus und die Treppe hinab ging.
Bye war über dreißig Jahre alt, als er mir dies erzählte, und mehrere Jahre waren vergangen, seit es geschehen war. Aber er weinte wie ein betrogenes Weib.
Nach dieser Begegnung wurde er langsam ein anderer. Wie ich es später begriff, müssen die ersten äußeren Anzeichen davon gewesen sein, daß er seine Lieder nicht mehr sang, es kaum ertrug, sie von andern singen zu hören; die Guitarre rührte er nicht mehr an. Es ist dies nicht so zu verstehen, daß das Leben der Erwartung, das er bisher geführt hatte, von dem energischen Bestreben abgelöst wurde, sich eine Zukunft zu schaffen. Das lag ihm gar nicht mehr, wenn er das je getan hatte. Sondern so, daß die Schwärmerei, die er im Innersten genährt hatte, ihre sentimentalen Erinnerungen fahren ließ und statt dessen ihre Dichtung um die zu spinnen begann, in deren Kreis er gerade stand; wenigstens um Einzelne von ihnen. Es begann damit, daß er bei guten Menschen Trost und Zuflucht suchte für das Beste in ihm; aber auf die Dauer ward es zu einer Lebenskette, welche die Geschichte des einen Freundes oder der einen Freundin an die der andern schloß, und alle zusammen bildeten sein Glück. Nach und nach lebte er ausschließlich für Andere.
Wie andre junge Leute nach Enttäuschungen und Wunden in einem Kloster eindämmern, so er in guten Werken.
Als das norwegische Theater in Christiania errichtet werden sollte, war der ehemalige sentimentale Sänger und Guitarreklimperer der erste, der sich meldete. Viele Moldenser erschraken, als sie seinen Namen hörten. Daß er es wagte, auf einer Bühne aufzutreten! Kurz darauf lernte ich ihn kennen und begriff sofort, wie natürlich es für diesen Träumer war, nach Aladdins Schloß zu suchen. Da würde er leben — nicht in den Prachtgemächern, nicht an den Fenstern und auf den Balkons paradierend, bereit, Huldigungen zu empfangen; sondern in den weinlaubumschatteten Bogengängen, in den Alkoven, in den heimlichen Plätzchen rund um die Kaskaden draußen im großen Park. Der Mitwisser aller Geheimnisse, der Vertraute und Helfer aller. Immer im Hintergrund mit kleinen Diensten und guten Ratschlägen bereit; immer bereit, die Jüngsten zu loben, die Unglücklichen zu trösten, sich mit den Glücklichen zu freuen. Er selber hatte keinen Ehrgeiz; sein Trontheimer Dialekt (welchen die Bühnenleiter nicht zu brechen verstanden, solange es noch Zeit war), und seine Dilettanten-Furcht vor dem Unnatürlichen, die ihn verhinderte, ordentlich loszulegen, waren ihm überall im Wege. Aber wenn wir fragen, so wird uns jeder Einzelne von denen, die noch vom ersten Personal des norwegischen Theaters leben, erzählen, was er für die war, die er gern hatte, denn er war ein verwöhnter Menschenkenner! Sie werden uns erzählen, was sie seinem Geschmack, seiner Erfindungsgabe, wo es ihr Wohl galt, seiner taktvollen Aufrichtigkeit, seiner Treue und Diskretion verdanken. Heiter und warmherzig, phantasievoll und vertrauenerweckend, ihre kleinen Fehler verspottend und züchtigend; das, was er liebte, hervorlockend.