Sie sahen sich an, sie mußten aufeinander zu, an einander vorübergehen; er lächelte, indem er an die schwarze Pelzmütze griff, und sie — blieb stehen und knixte wie ein Schulmädchen im kurzen Kleidchen!

Seit zwei Jahren war sie nicht stehen geblieben, hatte nicht anders, als mit dem Kopfe gegrüßt, ja, wie jede erwachsene Dame; wer klein ist, hält mehr als andere auf dieses Vorrecht. Aber vor ihm, vor dem sie am liebsten erwachsen sein wollte, vor ihm blieb sie stehen und knixte, wie damals, als er sie zuletzt gesehen! Noch von diesem Unglück verwirrt, stürzte sie in ein zweites hinein. Sie sagte sich: „Sieh dich nicht um! Halt dich stramm, sieh dich nicht um, hörst du!“ — Aber an der Ecke, als sie gerade umbiegen mußte, kehrte sie sich doch um — und sah ihn dasselbe tun! Von diesem Augenblick an gab es keine Menschen, keine Häuser, nicht Zeit, nicht Ort mehr. Sie wußte nicht, wie sie sich nach Hause fand, oder weshalb sie auf ihrem Bette lag, das Gesicht ins Kissen vergrub und weinte.

Vierzehn Tage darauf große Jugend-Gesellschaft im Klub. Axel Aarö zu Ehren. Alle wollten dabei sein, alle wollten ihren beliebten Kameraden zu Hause willkommen heißen. Von Hull hatten sie auch gehört, wie unentbehrlich er nach und nach dort drüben in der Gesellschaft geworden war. Wenn seine Stimme größeren Umfang gehabt hätte, — sie umfaßte nämlich nicht viele Töne — so wäre er jetzt an „Her Majesty’s Theatre“. So wurde erzählt. Auf dem Balle sollte der Gesangverein — sein alter Gesangverein wieder mit ihm zusammen singen.

Ella war mit dabei! Sie kam zu früh, — vor ihr waren nur vier da. Sie fror vor Erwartung in den leeren Zimmern und halb offenen Gängen, meist aber im Saal, in dem sie sich einst „bloßgestellt“ hatte! Sie trug ein rotes Ballkleid ohne irgend welchen Schmuck, ohne Blume; die Mutter wünschte es so. Sie fürchtete, sich verraten zu haben, indem sie so früh kam; sie hielt sich allein in einem Nebenzimmer auf und kroch nicht eher hervor, als bis mehr Licht angezündet war und Duft und Geplauder und das Stimmen der Instrumente dazu einlud. Mit den Bällen jetzt und früher ist es der Unterschied, daß es jetzt sofort lebhaft zugeht; das hat der Sport bewirkt; er hat größere Vertraulichkeit zwischen den Geschlechtern geschaffen. Klein, wie Ella war, verschwand sie in der Menge und sah Axel Aarö nicht eher, als bis sie mehrere flüstern hörte: „Da ist er!“ und jemand hinzufügte: „Er kommt hierher zu uns!“ Frau Holmbo war es, die er suchte und begrüßte; aber dicht hinter dieser stand Ella. Als sie sich entdeckt sah, wurde die Knospe noch roter als die Deckblätter. Sofort verließ er Frau Holmbo. „Guten Abend!“ sagte er ganz leise und streckte die Hand aus, die sie annahm ohne aufzusehen. „Guten Abend!“ sagte er noch einmal, noch leiser und noch näher. Sie spürte einen leichten Druck und mußte aufblicken; es geschah mit einer schüchternen Botschaft von Treuherzigkeit und Angst, die hastete an allen vorüber, erklärte nichts und gab niemandem Ärgernis. Er sah auf sie hinab und strich sich den Bart dabei; aber ob er nun nichts zu sagen hatte (er war ja wortkarg) oder ob er nicht sagen konnte, was er wollte, — alle schwiegen mit ihm. Mit der ihm eigenen milden Art wandte er sich und ging, wurde von Kameraden aufgefangen, und später sah sie ihn nur dann und wann in der Ferne; er tanzte nicht.

Sie aber tanzte; alle waren sich einig darüber, daß sie „süß“ sei (das wurde mit Respekt gesagt), und dann lag an diesem Abend ein lieblicher Hauch von Freude auf ihr. Wo Axel Aarö auch im Saal stand, sie fühlte ihn und empfand einen stillen Jubel, an ihm vorüber schweben zu können. Seine Augen begegneten den ihren und folgten ihr; seine Nähe machte, daß sie alle und alles strahlend fand.

An den Türrahmen gelehnt, sah man einen großen, starken Mann „Aufsichtskomitee“ bilden. Er mochte zwischen dreißig und vierzig Jahren sein, letzterem näher; ein sturmfestes Gesicht, breitgeschnitten, aber kühn; schwarzes Haar, braungrüne Augen, die Gestalt eines Riesen. Jedermann im Saal kannte ihn, Hjalmar Olsen, den mutigen Führer des größten Dampfschiffes im Lande. Er musterte alle, die vorbeitanzten, fand aber, daß der Kleinen im roten Kleide der Preis gebühre; sie anzusehen bereitete am meisten Vergnügen. Einesteils war sie außerordentlich hübsch und dann sprang ihre unbefangene Glückseligkeit auf ihn selbst über. Als Axel Aarö ihm näher kam, bekam Hjalmar Olsen jedesmal auch ein klein wenig von der Verliebtheit ab, die ihr aus den Augen strahlte. Sie tanzte jeden einzigen Tanz. Hjalmar Olsen war groß genug, um durch den ganzen Saal einen Schimmer von ihr zu erhaschen. Auch sie bemerkte ihn; bald wurde er zum Leuchtturm in ihrem Fahrwasser. Aber ein Leuchtturm, der Herz für die Schiffe hatte, — so fühlte er beispielsweise jetzt, daß sie dort an Peter Klaussons Weste in Gefahr sei. Er kannte Peter Klausson.

Ihre winzig kleinen Füße trippelten Walzer, ihr Zopf hüpfte Polka, die Füße dreiviertel Takt, der Zopf vierviertel. Aber Peter Klausson drückte sie zu fest an die Weste!

Darum suchte er sie gleich auf, als der Walzer zu Ende war; aber es war nicht so leicht, sich einen Tanz zu erhandeln; erst der nächste Walzer war frei, und den bekam er. Im selben Augenblick, als dies abgemacht war, strömten alle nach der Tribüne; der Gesangverein zeigte sich da oben. Sie war hilflos klein, die Ella, wenn alle drauf los stürmten und sich zusammen packten; Hjalmar Olsen, der ihre unglücklichen Versuche, ein Guckloch zu erhaschen, sah, erbot sich, sie auf die Bank zu heben, die an der Wand entlang lief, an der sie standen. Sie wagte es nicht; aber im selben Augenblick sah er andere hinauf klettern, und eh sie’s noch hindern konnte, war sie selbst oben. Gerade da trat Axel Aarö zwischen seine Kameraden und wurde mit dem lebhaftesten Händeklatschen von allen anwesenden Freunden, Männern und Frauen begrüßt. Er verbeugte sich ehrerbietig und zurückhaltend; aber die Willkommgrüße wollten kein Ende nehmen, bevor die Kameraden sich nicht ein wenig zurückzogen und er ganz vortrat. Zuerst stimmte der Verein eins von den ältesten Liedern an; Aarö sang seine Stimme zwischen all den andern, was allgemein gefiel. Darauf trat der Dirigent an das Klavier, um ein Lied zu begleiten, das Aarö allein singen wollte. Das Lied war von Selmer und in der Hauptstadt schon in der Mode; es wurde von Männern wie von Frauen gesungen, das „sie“ der letzten Strophe wurde nur in „er“ umgeändert. Hier war es noch nie gehört worden.

Schon während der Verein sang, hatte Aarö im Saal umhergespäht, und von dem Augenblick an, wo er dort hin geblickt, wo Ella stand, hatte er kein Auge von da verwandt. Jetzt stellte er sich an jene Seite des Klaviers und während des Singens blickte er unverwandt dorthin. Je nachdem er hineinkam, wurden seine schwermütigen Augen durchleuchtet, seine Gestalt wurde plastisch.

Ich sing’ nur für die einzige,