Auf der Diele fiel hinter ihm ein Wort,—bestimmt wußte er es nicht, aber er glaubte es gehört zu haben, und jeder Blutstropfen siedete in ihm, wenn er daran dachte.
Dem Mann, der es gesagt hatte, ging er nun unaufhörlich nach und schließlich setzte er sich neben ihn. Aber als er an den Tisch trat, schien es ihm, als nehme das Gespräch schnell eine andere Wendung.
"Na, jetzt will ich mal 'ne Geschichte erzählen, an der man sieht, daß nichts so fein gesponnen ist, es kommt schließlich doch an die Sonnen", sagte der Mann, und Arne hatte das Gefühl, er sehe ihn dabei an. Es war ein häßlicher Mensch mit dünnem roten Haar über einer hohen runden Stirn. Darunter lagen ein Paar sehr kleine Augen und eine kleine Kartoffelnase; der Mund aber war sehr groß und hatte wulstige Lippen von weißlicher Farbe. Wenn er lachte, sah man die beiden Gaumen. Seine Hände lagen auf dem Tisch: sie waren sehr grob und plump, das Handgelenk aber war dünn. Er hatte einen stechenden Blick und sprach schnell, aber es kostete ihn Anstrengung. Man nannte ihn den Maulhelden, und Arne wußte, daß Schneider Nils ihm in alten Tagen übel mitgespielt hatte.
"Ja, es gibt viel Sünde in dieser Welt; sie ist uns näher, als wir glauben——. Aber das ist gleich. Jetzt sollt Ihr etwas sehr Häßliches hören. Die Älteren unter Euch werden sich wohl noch an Alf, an den Ranzen-Alf erinnern. 'Werd' schon wiederkommen!' sagt Alf; die Redensart stammt von ihm; denn wenn er einen Handel abgeschlossen hatte—und handeln konnte der Kerl!—dann schwang er seinen Ranzen auf den Rücken; 'werd' schon wiederkommen!' sagt Alf. Teufel, war das ein Kerl, ein Prachtkerl, ein Hauptkerl war der Alf, der Ranzen-Alf!——Ja, und dann kam die Sache mit ihm und dem großen Faulpelz. Der Faulpelz,—ja, Ihr kennt den Faulpelz doch?—groß war er, und faul war er auch. Er vergaffte sich in ein rabenschwarzes Pferd, mit dem der Ranzen-Alf einherkam und das wie ein Frosch hüpfte. Und eh' es dem Faulpelz noch recht zum Bewußtsein kam, hatte er fünfzig Taler für die Mähre bezahlt. Der Faulpelz, so lang wie er war, auf einen Wagen 'rauf, um mit dem Fünfzigtalerpferd Parade zu fahren; aber er mochte peitschen und fluchen, daß der Hof in einer Staubwolke lag,—das Pferd lief seelenruhig auf jede Tür und jede Mauer los, die irgend da war;—denn es hatte den Star.—Von Stund an lagen sich diese beiden überall in den Haaren wie zwei Kampfhähne. Der Faulpelz wollte sein Geld wieder haben; aber keinen roten Heller bekam er. Der Ranzen-Alf prügelte ihn durch, daß die Borsten stoben. 'Werd' schon wiederkommen', sagte Alf. Teufel, war das ein Kerl, ein Prachtkerl, ein Hauptkerl war der Alf, der Ranzen-Alf.—Na, dann gingen ein paar Jahre hin, wo er sich nicht mehr sehen ließ.—Es mochte wohl so zehn Jahre später sein, als er auf dem Kirchberg ausgerufen wurde, weil ihm eine große Erbschaft zugefallen war. Der Faulpelz hörte es mit an. 'Das konnte ich mir denken,' sagte er, 'daß das Geld den Ranzen-Alf suche und nicht die Leute.'—Nun sprach man hin und her über Alf; und soviel wurde geschwatzt, daß man schließlich heraus hatte, er wäre zuletzt diesseits des Rörenbergs gewesen, aber nicht drüben. Ja, Ihr kennt doch den Weg über den Rören noch, den alten Weg?
"Der Faulpelz aber war seit einiger Zeit zu großer Macht und Herrlichkeit gelangt sowohl was seinen Hof betraf, wie überhaupt. Außerdem hatte er sich auf die Frömmigkeit verlegt, und alle waren überzeugt, er werde nicht auf einmal um nichts und wieder nichts fromm,—frommer als die andern. Man fing an, allerlei über ihn zu munkeln.—Es war zu der Zeit, als die Straße über den Rören verlegt werden sollte; die Alten hatten immer geradeaus gewollt, deshalb führte der Weg direkt über den Rören; wir dagegen wollen alles hübsch eben haben, und deshalb geht jetzt der Weg unten am Fluß entlang. Da gab es eine Sprengerei und eine Wirtschaft, daß man meinte, der ganze Rören fiele herunter. Allerhand Wegebaumeister kamen, am häufigsten aber der Amtmann, weil er ja doppelte Freifahrt hat. Und als sie nun eines Tages da in dem Geröll schaufelten, wollte einer einen Stein wegnehmen, bekam aber statt dessen eine Hand zu fassen, die aus dem Steinhaufen heraussah, und so stark war diese Hand, daß der, der sie gefaßt hatte, mit ihr zurücktaumelte. Der sie aber gefaßt hatte, war der Faulpelz.—Der Amtsvorsteher war in der Nähe; er wurde geholt, und dann grub man die ganzen Gebeine eines Menschen aus. Ein Arzt wurde auch geholt! Der setzte alles so kunstgerecht zusammen, daß bloß noch das Fleisch fehlte. Die Leute behaupteten aber, das Gerippe müsse genau so groß sein wie der Ranzen-Alf. 'Ich werd' schon wiederkommen', sagt Alf. Jedwedem einzelnen kam es merkwürdig vor, daß eine tote Hand einen Kerl wie den Faulpelz so einfach umwerfen konnte, wo sie gar nicht einmal ausschlug. Der Amts Vorsteher sagte ihm das auf den Kopf zu,—natürlich daß keiner es hörte. Da fing aber der Faulpelz zu fluchen an, daß es dem Amtsvorsteher ganz schwarz vor den Augen wurde. 'Ja, ja', sagte der Amtsvorsteher, 'wenn Du es nicht gewesen bist, so bist Du wohl der rechte Mann, heute nacht bei dem Gerippe zu schlafen, ja?'—'Das will ich meinen', antwortete der Faulpelz. Und nun band der Doktor das Gerippe in den Gelenken zusammen und legte es auf das eine Bett in der Baracke. In das andere sollte sich der Faulpelz legen; der Amtsvorsteher aber lag, in seinen Mantel gehüllt, draußen dicht an der Wand.—Als es dunkel wurde und der Faulpelz zu seinem Schlafkameraden hineinmußte, war es gerade, als wenn die Tür sich von selbst hinter ihm schlösse, und er stand im Dunkeln. Da fing der Faulpelz an, Choräle zu singen, denn er hatte eine mächtige Stimme. 'Warum singst Du Choräle?' fragte der Amtsvorsteher draußen an der Wand. 'Wer weiß, ob für ihn geläutet worden ist, antwortete der Faulpelz. Dann fing er zu beten an, so laut er konnte. 'Warum betest Du?' fragte der Amtsvorsteher draußen an der Wand. 'Er ist doch sicher ein großer Sünder gewesen', antwortete der Faulpelz. Dann blieb es eine lange Zeit still, und der Amtsvorsteher war nahe am Einschlafen. Da brüllte es drinnen, daß die Hütte bebte: 'Ich werd' schon wiederkommen!'—Ein Höllenlärm erhob sich; 'her mit meinen fünfzig Talern', brüllte der Faulpelz, dann ein Aufschrei und ein Gekrach; der Amtsvorsteher hin zur Tür, die Leute kamen mit Stangen und Fackeln, und da lag der Faulpelz mitten auf dem Boden, und das Gerippe lag über ihm—."
Es war totenstill am Tisch. Schließlich sagte einer, indem er sich seine Wasserpfeife ansteckte: "Er ist ja wohl an dem Tage verrückt geworden."—"Ja, das stimmt."
Arne fühlte, daß alle ihn ansahen, und deshalb konnte er die Augen nicht aufschlagen. "Wie ich gesagt habe," warf der erste hin, "es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen."—"Na, jetzt will ich mal von einem erzählen, der seinen eignen Vater schlug", sagte ein blonder, dicker Mann mit einem runden Gesicht. Arne wußte kaum noch, wo er hinsollte.
"Es war einmal in einer angesehenen Familie in Hardanger ein Raufbold; der hatte schon manchen untergekriegt. Sein Vater und er waren uneins über das Altenteil, und es kam so weit, daß der Mann in seinem Hause und außerhalb keinen Frieden mehr hatte.—Dadurch wurde er immer schlimmer, und sein Vater überwachte ihn. 'Ich lasse mir von keinem was sagen', sagte der Sohn. 'Aber von mir, so lange ich lebe', sagte der Vater.—'Bist Du nicht gleich still, dann schlag' ich Dich', sagte der Sohn und stand auf.—'Ja, wag' es nur, und es wird Dir nie gut gehen in der Welt', antwortete der Vater und stand auch auf.—'Meinst Du?'—und der Sohn drang auf ihn ein und schlug ihn nieder. Der Vater aber wehrte sich nicht, verschränkte die Arme und ließ ihn machen, was er wollte.—Der Sohn mißhandelte ihn, packte ihn und schleppte ihn zur Tür: 'Ich will Frieden im Hause haben!'—Aber als sie an die Tür kamen, richtete der Vater sich auf. 'Nicht weiter als bis zur Tür,' sagte er, 'so weit habe ich meinen Vater auch geschleppt.' Der Sohn achtete nicht darauf, sondern zerrte den Kopf über die Türschwelle. 'Nicht weiter als bis zur Tür, sag' ich!' Der Alte sprang auf, warf den Sohn vor seine Füße und züchtigte ihn wie ein Kind."—"Das war häßlich", sagten Verschiedene. "Seinen eignen Vater schlägt man doch nicht!" glaubte Arne einen sagen zu hören, aber er wußte es nicht genau.
"Jetzt will ich Euch etwas erzählen", sagte Arne; er stand mit leichenblassem Gesicht auf und wußte noch nicht, was er sagen wollte. Er sah nur die Worte wie große Schneeflocken um sich herum stieben; "es geht aufs Geratewohl!" und er fing an.
"Ein Zwerg begegnete einmal einem Burschen, der weinend seines Weges ging. 'Vor wem hast Du am meisten Angst,' fragte der Zwerg, 'vor Dir selbst oder vor andern?' Der Bursch aber weinte, weil ihm in der Nacht geträumt hatte, er habe seinen bösen Vater erschlagen müssen, und deshalb antwortete er: 'Ich habe am meisten Angst vor mir selbst.'—'So sollst Du vor Dir selbst Ruhe haben und nie mehr weinen, denn fortan sollst Du nur mit den andern im Krieg liegen.' Und der Zwerg ging seines Weges. Der erste aber, den der Bursch traf, lachte ihn aus, und deshalb mußte der Bursch ihn wieder auslachen. Der zweite, den er traf, schlug ihn; der Bursch mußte sich verteidigen und schlug ihn wieder. Der dritte, den er traf, wollte ihn töten, und deshalb mußte er ihn selbst umbringen. Alle Leute aber redeten Böses von ihm, darum konnte er von allen Menschen auch nur Böses reden. Sie riegelten Schränke und Türen vor ihm zu, so daß er sich stehlen mußte, was er brauchte, sogar seine Nachtruhe mußte er sich stehlen. Weil er nun nie etwas Gutes tun konnte, mußte er eben Böses tun. Da sagte das ganze Dorf: 'Den Burschen müssen wir uns vom Halse schaffen; er ist zu schlecht', und eines schönen Tags schafften sie ihn aus dem Wege. Der Bursch wußte aber gar nicht, daß er etwas Böses getan hatte; deshalb kam er nach seinem Tode geradenwegs zum lieben Gott. Da saß auf einer Bank sein Vater, den er gar nicht totgeschlagen hatte, und gegenüber auf einer andern Bank saßen alle, die ihn gezwungen hatten, Böses zu tun. 'Vor welcher Bank hast Du Angst?' fragte der liebe Gott, und der Bursch zeigte auf die lange. 'So setz' Dich neben Deinen Vater', sagte der liebe Gott, und der Bursch wollte es tun. Da stürzte sein Vater von der Bank herunter und hatte eine klaffende Wunde im Nacken. Auf seinem Platz aber stand ein Phantom des Burschen selbst, nur mit leichenblassem Gesicht und von Reue verzerrten Mienen; und ein anderes mit dem Gesicht eines Säufers und schlotternden Gliedern, und noch eins mit irren Augen, zerrissenen Kleidern und einem grauenvollen Lachen. 'So hätte es Dir auch gehen können', sagte der liebe Gott.—'Ja, wäre das möglich?' sagte der Bursch und griff nach dem Saum von Gottes Gewand. Da fielen beide Bänke vom Himmel hinunter, und der Bursch stand vor dem lieben Gott und lachte. 'Denke dran, wenn Du aufwachst', sagte der liebe Gott,—und im selben Augenblick wachte der Bursch auf. Der Bursch aber, der all das geträumt hat, bin ich, und die ihn in Versuchung führen, weil sie schlecht von ihm denken, seid Ihr. Vor mir selbst habe ich keine Angst mehr; aber ich habe vor Euch Angst. Hetzt nicht das Böse in meine Seele, denn ich weiß nicht, ob auch ich einst den Saum von Gottes Gewand fassen kann."