Er stürzte hinaus, und die Männer blickten einander an.

Siebentes Kapitel

Es war am nächsten Tag auf demselben Hof in der Scheune; Arne hatte sich zum erstenmal in seinem Leben betrunken, war krank davon geworden und hatte nun bald vierundzwanzig Stunden in der Scheune gelegen. Jetzt richtete er sich empor, stützte sich auf die Ellbogen und hielt ein Selbstgespräch: "——Alles, was ich anfasse, wird Feigheit. Daß ich als Junge nicht davonlief, war Feigheit; daß ich auf den Vater mehr hörte als auf die Mutter, war Feigheit; daß ich ihm die häßlichen Lieder vorsang, war Feigheit. Ich fing das Viehhüten an; aus Feigheit;—und das Lesen—nun ja, auch aus Feigheit: ich wollte mich nur vor mir selber verstecken. Als erwachsener Bursch stand ich der Mutter nicht gegen den Vater bei—Feigheit; daß ich ihn in jener Nacht nicht—hu!—Feigheit! Ich hätte wohl gewartet, bis sie tot gewesen wäre;——ich konnte es hinterher zu Hause nicht aushalten—Feigheit; ich zog aber auch nicht meiner Wege—Feigheit; ich tat nichts, ich hütete das Vieh,—Feigheit. Ich hatte freilich der Mutter versprochen, zu bleiben, aber ich wäre schon feig genug gewesen, den Schwur zu brechen, wenn ich nicht Angst gehabt hätte, unter fremde Menschen zu müssen. Denn ich habe Angst vor den Menschen, hauptsächlich wohl, weil ich glaube, sie sehen, wie garstig ich bin. Weil ich aber Angst vor ihnen habe, rede ich Böses von ihnen—verfluchte Feigheit! Ich mache Verse aus Feigheit. Ich wage nicht über meine eigenen Angelegenheiten nachzudenken und mische mich deshalb in die Sachen andrer Leute,—und das nennt man Dichten!—Ich hätte mich hinsetzen sollen und weinen, daß die Berge zu Wasser werden, ja, das hätte ich; aber ich sage nur: Seht, seht! und wiege mich in Nichtstun ein. Und selbst meine Lieder sind feig; denn wären sie mutig, so würden sie besser sein. Ich habe Angst vor starken Gedanken wie vor allem Starken überhaupt; schwinge ich mich einmal dazu auf, so ist es aus Wut, und Wut ist Feigheit. Ich bin klüger, tüchtiger, belesener, als ich aussehe; ich bin besser als mein Geschwätz; aber aus Feigheit wage ich mich nicht so zu geben wie ich bin. Pfui, sogar Schnaps habe ich aus Feigheit getrunken; ich wollte den Schmerz betäuben! Pfui, es schmeckte schrecklich, aber ich trank doch, trank doch; trank meines Vaters Herzblut, und doch trank ich! Meine Feigheit hat keine Grenzen; das allerfeigste aber ist doch, daß ich hier sitze und mir selbst das alles sagen kann.— … Mich töten? Prost Mahlzeit! Dazu bin ich zu feig. Und dann glaube ich doch auch an Gott,—ja, ich glaube an Gott. Ich möchte gern hin zu ihm; aber die Feigheit hält mich von ihm zurück. Eine große Veränderung, die scheut ein Feigling. Aber wenn ich's versuchte, so gut ich's vermag? Allmächtiger Gott! Wenn ich's versuchte? Müßte mich kurieren, so gut mein Milchsuppenleben es vertrüge; denn Knochen habe ich ja nicht mehr im Leibe, nicht mal Knorpeln, bloß etwas Flüssiges, Weichliches.—Wenn ich es versuchte—mit guten, milden Büchern,—hab' Angst vor den starken—; mit schönen Märchen und Sagen und allem, was sanft ist,—und dann jeden Sonntag eine Predigt und jeden Abend ein Gebet. Und tüchtige Arbeit, damit die Religion Ackerland hat; in die Trägheit kann man nichts säen. Wenn ich's versuchte; Du lieber, guter Gott meiner Kindheit, wenn ich's versuchte!"

Da öffnete jemand die Scheunentür, stürzte auf die Diele mit leichenblassem Gesicht, obwohl ihr der Schweiß heruntertropfte,—es war seine Mutter. Schon den zweiten Tag suchte sie ihren Sohn. Sie rief seinen Namen, stand aber nicht still um zu lauschen, sondern rief nur und lief in alle Ecken, bis er hinten von dem Heuschober her, wo er lag, Antwort gab. Da stieß sie einen lauten Schrei aus, sprang leichtfüßiger als ein Junge in den Heuhaufen hinein und beugte sich über ihn:—"Arne, Arne, bist Du hier! So hab' ich Dich doch gefunden; ich hab' seit gestern gesucht; ich hab' die ganze Nacht durch gesucht! Armer lieber Arne! Ich hab' gesehen, daß sie Dir weh getan haben! Ich hätte so gern mit Dir gesprochen und Dich getröstet; aber ich darf ja nie mit Dir sprechen!——Arne, ich sah, daß Du trankst! Ach, Du allmächtiger Gott! Laß mich das nie wieder sehen!"—Es dauerte eine ganze Weile, bis sie weiterreden konnte. "Gott schütze Dich, mein Kind, ich habe gesehen, daß Du getrunken hast!—Plötzlich warst Du mir weg, betrunken und so vernichtet vom Schmerz,—und ich rannte in alle Häuser; ich war weit draußen auf dem Felde; ich fand Dich nicht; ich habe in jedem Gebüsch gesucht; ich habe alle Leute gefragt; hier bin ich auch gewesen, aber Du hast mir nicht geantwortet——Arne, Arne! Ich ging am Fluß entlang, aber er schien mir nirgends tief genug—" sie schmiegte sich enger an ihn.—"Da wurde es mir so leicht ums Herz: Du wärest sicher nach Hause gegangen, und ich brauchte kaum eine Viertelstunde zu dem Weg; ich machte die Tür auf und suchte in jedem Raum, und dann erst fiel mir ein, daß ich ja selbst den Schlüssel hatte; Du konntest ja nicht hineingeschlüpft sein.—Arne! heut nacht habe ich den ganzen Weg an beiden Seiten abgesucht; bis zur Kampenschlucht wagte ich gar nicht zu gehen!—Wie ich hierhergekommen bin, weiß ich nicht; keiner hat mir's gesagt, aber der liebe Gott hat mir eingegeben, Du müßtest hier sein!"

Er versuchte sie zu beruhigen. "Arne, Du wirst doch nie wieder Schnaps trinken?"—"Nein, da kannst Du ganz ruhig sein."—"Sie sind wohl schlecht zu Dir gewesen? Waren sie schlecht zu Dir?"—"Ach nein, nur—ich war so feig." Er legte einen Nachdruck auf dies Wort.—"Ich kann das gar nicht verstehen, daß sie schlecht zu Dir waren. Aber was haben sie Dir denn getan? Du sagst mir nie etwas", und sie fing wieder zu weinen an.—"Du sagst mir ja auch nie etwas", sagte Arne sanft.—"Daran bist Du schuld, Arne. Ich bin von Deinem Vater das Stillschweigen so gewohnt gewesen,—Du hättest mir ein bißchen auf den Weg helfen müssen!—Herrgott, wir haben doch weiter nichts als uns; und wir haben soviel zusammen ausgestanden."—"Wir wollen versuchen, ob es nicht besser werden kann", flüsterte der Bursch.———"Nächsten Sonntag will ich Dir die Predigt vorlesen."—"Da segne Dich Gott für!"

"Du, Arne!"—"Ja?"—"Ich muß Dir etwas sagen."—"Sag' es, Mutter."—"Ich habe gesündigt an Dir; ich habe etwas Unrechtes getan."—"Du, Mutter?" und es rührte ihn so, daß seine seelensgute, geduldige Mutter sich anklagte, sie habe gesündigt an ihm, der nie etwas wirklich Gutes für sie getan hatte, daß er den Arm um sie legte, sie streichelte und in Tränen ausbrach.—"Ja, ganz bestimmt, aber ich konnte eben nicht anders."—"Ach, Du hast mir nie ein Unrecht getan."—"O doch;—aber Gott weiß: ich tat es nur aus Liebe zu Dir. Aber Du wirst es mir verzeihen, ja?"—"Ja, ich werde es Dir verzeihen."—"So will ich es Dir ein andermal erzählen;—aber Du mußt es mir verzeihen!"—"Ja, ja, Mutter!"—"Siehst Du, daher kam es wohl, daß es mir so schwer wurde, mit Dir zu reden; ich hatte gesündigt an Dir."—"Herrgott, sprich nicht so, Mutter!"—"Ich bin froh, daß ich wenigstens soviel gesagt habe."—"Wir beiden wollen mehr zusammen reden, Mutter!"—"Ja, das wollen wir,—und dann liest Du mir doch auch die Predigt vor?"—"Ja, das tue ich."—"Armer Arne! Gott segne Dich!"—"Ich glaube, das beste ist, wir gehen nach Hause."—"Ja, gehen wir nach Hause."—"Du siehst Dich ja so um, Mutter."—"Ja, in dieser selben Scheune hat Dein Vater auch gelegen und hat geweint."—"Der Vater?" fragte Arne und wurde ganz blaß.—"Der arme Nils! Es war an dem Tage, als Deine Taufe war.——

Du siehst Dich ja so um, Arne."

Achtes Kapitel

Von dem Tag an, da Arne sich aufrichtigen Herzens bemühte, inniger mit seiner Mutter zu verkehren, wurde auch sein Verhältnis zu den andern Menschen besser. Er sah sie mehr mit den sanften Augen seiner Mutter an. Aber es wurde ihm oft schwer, seinem Vorsatz treu zu bleiben; denn seine tiefsten Gedanken verstand die Mutter nicht immer,—hier ist ein Lied aus jener Zeit:

"Es war ein so schöner, sonniger Tag,
Es litt mich nicht länger drinnen;
Ich schlenderte waldwärts und lag und lag
Und ließ die Gedanken spinnen.
Doch die Emse kroch und die Mücke stach
Und die Brems' und die Wespe taten's ihr nach."