Es war sehr still; nur manchmal inzwischen kreischte und heulte es in langgezogenen klagenden Lauten. "Was ist das?" fragte Arne.—"Das ist die Wetterfahne", sagte Eli, und dann fügte sie leise wie für sich selbst hinzu: "Sie muß losgegangen sein." Arne aber war wie einer, der etwas sagen wollte und es doch nicht konnte. Jetzt sagte er: "Weißt Du noch das Märchen von den Drosseln, die sangen?"—"Ja."—"Ach, richtig—Du hast es ja selbst erzählt.——Es war ein schönes Märchen."—Sie sagte mit so sanfter Stimme, daß er sie gewissermaßen zum erstenmal zu hören meinte: "Mir ist so oft, als singt etwas, wenn es ganz still ist."—"Das ist das Gute in uns." Sie blickte ihn an, als liege ein Zuviel in der Antwort; sie schwiegen hinterher auch beide. Dann fragte sie, während sie mit dem Finger auf den Scheiben malte: "Hast Du kürzlich ein Gedicht gemacht?" Da wurde er rot, das sah sie aber nicht. Deshalb fragte sie noch einmal: "Wie machst Du es, wenn Du dichtest?"—"Möchtest Du es gern wissen?"—"O ja."—"Ich achte auf die Gedanken, die die andern sich entschlüpfen lassen", antwortete er ausweichend.—Sie schwieg lange, denn sie machte wohl die Probe auf dieses Lied oder jenes, ob sie den Gedanken gehabt und sich hatte entschlüpfen lassen.—"Das ist doch seltsam", sagte sie wie zu sich selbst und fing wieder an, auf den Scheiben zu malen.—"Ich habe ein Gedicht gemacht, als ich Dich zum erstenmal sah".—"Wo war das?"—"Drüben beim Pfarrhof an dem Abend, als Du den Hof verließest;—ich hab' Dich im Wasser gesehen."—Sie lachte und stand eine Weile still: "Laß mich das Lied hören."—Arne hatte nie zuvor so etwas getan; jetzt aber versuchte er, ihr das Lied vorzusingen.

"Jung Venevil hüpfte auf leichtem Schuh
Ihrem Liebsten zu" usw.

Eli war ganz Ohr; sie stand noch so, als es schon lange zu Ende war. Schließlich rief sie: "Nein, wie schade um sie!"—"Mir ist beinahe, als hätt' ich es gar nicht selbst gemacht", sagte er: denn er war nun verlegen, weil er es hergesagt hatte. Er konnte auch nicht begreifen, wie er auf den Gedanken gekommen war. Er stand und sann dem Liede nach. Da sagte sie: "Aber mir soll's doch wohl nicht so gehen?"—"Nein, nein, nein;—ich habe eigentlich an mich selbst dabei gedacht."—"Soll es Dir denn so ergehen?"—"Ich weiß nicht;—aber damals empfand ich so;—ja, ich begreife es gar nicht; aber mir war damals so schwer ums Herz."—"Das ist doch seltsam"; sie malte wieder auf den Scheiben.

Das nächste Mal, als Arne zum Mittagessen erschien, ging er zuerst ans Fenster. Draußen war es grau und trüb, drinnen warm und gut; an die Scheibe aber war mit dem Finger geschrieben: "Arne, Arne, Arne" und immerzu "Arne"; das war das Fenster, wo Eli am Abend vorher gestanden hatte.

Am Tage darauf aber kam Eli nicht hinunter; sie war krank. Sie war überhaupt die ganze Zeit über nicht recht munter; sie sagte es selbst, und man konnte es ihr auch ansehen.

Elftes Kapitel

Den nächsten Tag kam Arne herein und erzählte, was er eben auf dem Hof erfahren hatte: nämlich daß Mathilde, die Tochter des Pfarrers, in die Stadt gefahren sei; sie selbst glaube, nur für ein paar Tage,—tatsächlich aber solle sie ein Jahr oder zwei dort bleiben. Eli hatte bis jetzt keine Ahnung davon; sie wurde ohnmächtig und sank um.

Arne hatte so etwas nie vorher gesehen, und geriet in große Angst; er rannte nach den Mägden, die nach den Eltern, und die aus dem Hause; der ganze Hof geriet in Aufregung; der Schäferhund kläffte auf der Scheunenbrücke. Als Arne später wieder hineinkam, lag die Mutter vorm Bett auf den Knien; der Vater stützte der Kranken den Kopf. Die Mägde liefen hin und her, eine nach Wasser, eine andere nach Tropfen, die im Schrank standen, eine dritte knöpfte der Kranken die Jacke am Hals auf. "Gott sei Dir gnädig!" sagte die Mutter; "es war doch nicht richtig, daß wir nichts gesagt haben Du wolltest es ja so haben, Baard. O, Gott sei Dir gnädig!" Baard antwortete nicht. "Ich hab' es ja gleich gesagt, aber nichts geschieht nach meinem Willen. Gott helfe Dir! Immer bist Du so häßlich zu ihr, Baard. Du weißt eben nicht, wie ihr zumut ist; Du weißt ja nicht, wie's ist, wenn man einen lieb hat!" Baard antwortete nicht. "Sie ist nicht so wie die andern, die einen Kummer schon vertragen können; sie wirft er um, die Ärmste, so schmächtig wie sie ist. Und überhaupt jetzt, da sie sowieso schon nicht ganz gesund ist. Wach' doch auf, mein Kind, wir wollen auch immer gut zu Dir sein! Wach' doch auf, Eli, mein Kind und mach uns nicht solche Sorge!" Da sagte Baard: "Entweder schweigst Du zuviel oder Du redest zuviel"; er sah zu Arne hin, als möchte er nicht, daß der alles mitanhöre, und als solle er lieber gehen. Weil aber die Mägde in der Stube blieben, so blieb Arne auch da, doch er ging ans Fenster. Jetzt kam die Kranke soweit zu sich, daß sie um sich schauen konnte und die Anwesenden erkannte; aber da kam ihr auch die Erinnerung wieder, und sie schrie auf: "Mathilde!" und brach in ein krampfhaftes Weinen und Schluchzen aus, daß es schrecklich mitanzuhören war. Da suchte die Mutter sie zu beruhigen; der Vater stellte sich so, daß sie ihn sehen konnte, aber die Kranke stieß sie weg. "Weg!" rief sie; "ich habe Euch nicht lieb, weg!"—"Jesus Christus, Du hast Deine Eltern nicht lieb?" sagte die Mutter.—"Nein! Ihr seid hart gegen mich und nehmt mir die einzige Freude, die ich habe!"—"Eli, Eli! sei nicht so heftig", bat die Mutter herzlich.—"Doch, Mutter!" schrie sie, "einmal muß ich es sagen! Doch, Mutter! Ihr wollt mich mit dem schrecklichen Menschen verheiraten, und ich will ihn nicht. Ihr sperrt mich hier ein, wo ich jedes Mal froh bin, wenn ich herauskann. Und Ihr nehmt mir Mathilde, die einzige auf der Welt, die ich lieb habe, und nach der ich mich sehne. O Gott, was soll aus mir werden, wenn Mathilde nicht mehr hier ist,—besonders jetzt, da ich soviel, soviel auf dem Herzen habe, daß ich mir keinen Rat weiß, wenn ich nicht mit einem darüber reden kann!"—"Aber Du warst ja doch jetzt seltner bei ihr", sagte Baard.—"Was tut das, wenn ich sie drüben am Fenster weiß!" erwiderte die Kranke und weinte wie ein Kind, so daß es Arne war, als habe er bis zu diesem Tage noch keinen Menschen weinen hören.—"Du konntest sie aber doch von hier aus nicht sehen", sagte Baard.—"Ich sah aber das Haus", sagte sie, und die Mutter fügte erregt hinzu: "So was verstehst Du eben nicht." Da sagte Baard nichts mehr. "Jetzt kann ich nie mehr ans Fenster!" sagte Eli. "Morgens, wenn ich aufstand, ging ich hin; abends saß ich da im Mondschein, und dahin ging ich, wenn ich weiter keinen hatte, zu dem ich gehen konnte. Mathilde, Mathilde!" Sie wand sich im Bett und bekam wieder einen Weinkrampf. Baard setzte sich auf einen Schemel und blickte sie an.

Eli wurde aber nicht so schnell besser, wie man wohl angenommen hatte. Gegen Abend gewahrten sie erst, daß eine langwierige Krankheit im Anzug war, die ihr sicher schon lange in den Gliedern gelegen hatte, und Arne wurde hereingerufen, um sie in ihre Kammer tragen zu helfen. Sie war ohne Bewußtsein, war sehr bleich und lag ganz still; die Mutter setzte sich zu ihr, der Vater stand am Fußende des Bettes und sah sie lange an; nachher ging er hinunter an seine Arbeit. Arne ging auch; aber abends beim Schlafengehen betete er für sie, betete, daß sie, die so jung und schön war, es gut im Leben haben, und daß keiner sie um ihr Glück bringen möge.

Tags drauf saßen die Eltern beisammen und besprachen etwas, als Arne hineinkam; die Mutter hatte geweint. Arne fragte, wie es gehe; beide dachten, der andere werde antworten, und deshalb dauerte es eine ganze Zeit, bis Antwort kam; schließlich aber sagte der Vater: "Es geht recht schlecht."—Später erfuhr Arne, Eli sei die ganze Nacht ohne Bewußtsein gewesen oder habe dummes Zeug geredet, wie der Vater sagte. Jetzt lag sie in heftigem Fieber, erkannte niemand, wollte keine Speise zu sich nehmen und die Eltern saßen eben und berieten, ob sie den Doktor holen sollten. Als sie nachher nach oben gingen und bei der Kranken blieben und Arne wieder allein war, hatte er die Empfindung, da oben sei Leben und Tod zugleich; er aber sei ausgeschlossen.