Nach einigen Tagen wurde es etwas besser. Als der Vater einmal bei ihr wachte, hatte sie den Einfall: Narrifas, der Vogel, den Mathilde ihr geschenkt hatte, solle bei ihr vorm Bett stehen. Da sagte Baard der Wahrheit gemäß, in all dem Wirrwarr habe man den Vogel vergessen, und er sei gestorben. Die Mutter kam gerade in die Tür, als Baard das erzählte, und sie schrie auf: "Herrjeh, was bist Du für ein rücksichtsloser Mensch, Baard, dem kranken Kind so was zu erzählen! Siehst Du, da wird sie uns wieder ohnmächtig; Gott verzeih Dir die Sünde!" Immer, wenn die Kranke zu sich kam, rief sie nach dem Vogel, sagte, es könne Mathilde unmöglich gut gehen, da der Vogel gestorben sei, wollte hin zu ihr und fiel von neuem in Ohnmacht. Baard stand da und sah es mit an, bis es ihm zu bunt wurde. Da wollte er auch helfen; die Mutter aber schob ihn beiseite und sagte, sie werde schon allein auf die Kranke acht geben. Da sah Baard sie beide lang an, schob dann mit beiden Händen seine Mütze zurecht, drehte sich um und ging.
Später kamen der Pfarrer und seine Frau herüber, denn die Krankheit hatte Eli mit neuer Macht gepackt, und es wurde so schlimm, daß keiner wußte, ob es zum Leben oder zum Tode gehe.
Der Pfarrer wie auch seine Frau machten Baard Vorwürfe, er sei zu hart gegen das Kind; sie erfuhren die Geschichte mit dem Vogel, und da sagte ihm der Pfarrer rund heraus, das sei eine Roheit; er wolle das Kind zu sich ins Haus nehmen, sagte er, sobald sie hinübergeschafft werden könne; die Frau Pfarrer wollte ihn zuletzt gar nicht mehr sehen, sie weinte und saß bei der Kranken, ließ den Doktor holen, nahm selbst seine Anordnungen entgegen und kam dann täglich einigemal herüber, um Eli vorschriftsgemäß zu pflegen. Baard ging draußen auf dem Hof von einer Stelle zur andern, am liebsten so, daß er allein war, stand oft lange, lange auf einem Fleck, schob dann mit beiden Händen seine Mütze zurecht und nahm irgend eine Arbeit vor.
Die Mutter sprach nicht mehr mit ihm. Sie sahen sich kaum. Ein paarmal am Tage ging er zu der Kranken hinauf; dann zog er unten auf der Treppe die Schuhe aus, legte die Mütze draußen hin und öffnete behutsam die Tür. Sowie er hereinkam, drehte Birgit sich um, als habe sie ihn nicht gesehen, saß zusammengekauert da, den Kopf in die Hände gestützt und starrte vor sich hin auf die Kranke. Die lag still und bleich und wußte nicht, was um sie her vorging. Baard stand eine Weile am Fußende des Bettes, sah sie beide an und sagte nichts. Wenn die Kranke sich einmal bewegte, als wolle sie aufwachen, dann stahl er sich ebenso leise, wieder aus der Stube, wie er gekommen war.
Oft dachte Arne, wie jetzt zwischen Mann und Frau und zwischen Kind und Eltern Worte gefallen seien, die lange sich angesammelt hatten und schwer wieder vergessen werden konnten. Er sehnte sich fort von hier, obwohl er gern vorher gewußt hätte, wie es Eli gehe. Das werde er ja aber auch wohl erfahren, dachte er, ging also zu Baard und sagte, er wolle nach Hause. Die Arbeit, um derentwillen er gekommen war, sei fertig. Baard saß draußen auf dem Hauklotz, als Arne kam und ihm das sagte. Er saß da, ganz gebückt, und scharrte mit einem Pflock im Schnee; den Pflock kannte Arne; es war derselbe, der die Wetterfahne gehemmt hatte. Baard blickte nicht auf; er sagte: "Es ist hier wohl augenblicklich nicht gut sein,—aber mir ist, als möcht' ich Dich nicht fortlassen." Weiter sagte Baard nichts, und Arne auch nicht. Er blieb eine Weile stehen, ging dann weg und nahm eine Arbeit vor, als sei es abgemacht, daß er bleiben solle.
Später, als Arne zum Essen hineingerufen wurde, saß Baard noch immer auf dem Hauklotz. Da ging Arne zu ihm und fragte, wie es Eli heut gehe. "Es ist wohl heute sehr schlimm," sagte Baard, "ich sah, daß ihre Mutter weint." Arne war's, als heiße ihn einer sich hinsetzen, und er setzte sich Baard gegenüber auf einen Baumstamm. "Ich habe in diesen Tagen viel an Deinen Vater gedacht", sagte Baard so unvermittelt, daß Arne nichts darauf erwidern konnte. "Du weißt wohl, was zwischen uns vorgefallen ist?"—"Ich weiß es."—"Ja, Du weißt aber vermutlich nur die eine Hälfte und schreibst mir die ganze Schuld zu." Arne antwortete nach einer Weile: "Du hast doch gewiß Deinem Gott Rechenschaft darüber gegeben, wie mein Vater jetzt auch."—"Ach ja, wie man's nehmen will", versetzte Baard. "Als ich vorhin diesen Pflock wiederfand, kam es mir so merkwürdig vor, daß Du hierherkommen mußtest und die Fahne losmachen. Je eher, je besser, dachte ich." Er hatte die Mütze abgenommen und saß und sah in sie hinein.
Arne begriff noch nicht, daß er hiermit meinte, er wolle jetzt mit ihm über seinen Vater reden. Ja, er begriff es auch noch nicht, als Baard schon im besten Zuge war, so wenig sah das Baard ähnlich. Aber was in seinem Herzen voraufgegangen sein mochte, merkte er, je weiter die Erzählung vorschritt, und hatte er vorher vor diesem schwerfälligen, aber grundehrlichen Menschen Achtung gehabt, so wurde sie nicht kleiner hierdurch.
"Ich mochte wohl so vierzehn Jahr sein", sagte Baard und hielt inne, wie bei der ganzen Erzählung ab und zu, sagte ein paar Worte, hielt wieder inne, aber so, daß seine Erzählung ein Gepräge bekam, als sei jedes Wort wohlerwogen. "Ich mochte wohl so vierzehn Jahr sein, als ich Deinen Vater, der im selben Alter war, kennen lernte.—Er war sehr wild und duldete keinen über sich. Und er hat es mir nie vergessen können, daß ich bei der Konfirmation der erste war und er der zweite.—Oft wollte er mit mir anbinden, aber es kam nie soweit, wahrscheinlich war keiner von uns seiner selbst sicher.—Aber merkwürdig ist, daß er jeden Tag eine Prügelei hatte und nie ein Unglück daraus entstand; nur das eine Mal, wo ich dazwischen kommen mußte, ging es so schlimm ab, wie es nur gehen konnte;—aber freilich: ich hatte auch sehr lange gewartet.——
Nils lief allen Mädchen nach und sie ihm. Eine bloß wollte ich haben, aber die nahm er mir bei jedem Tanz weg, bei jeder Hochzeit, bei jedem Fest; das war die, mit der ich jetzt verheiratet bin.———Mich packte oft die Lust, wenn ich so dasaß, mich um dieser Sache willen mit ihm zu messen; aber ich hatte Angst, ich könne verlieren, und wußte, daß ich damit auch sie verlieren würde. Wenn alle andern fort waren, machte ich dieselben Kraftproben, die er gemacht hatte, schnellte gegen den Balken, gegen den er geschnellt war; aber wenn er das nächste Mal mir das Mädchen wieder vor der Nase wegschnappte, wagte ich mich doch nicht mit ihm einzulassen,—obgleich—einmal geschah es doch, als er nämlich gerade vor meinen Augen mit dem Mädchen schön tat—da nahm ich einen ausgewachsenen Burschen und legte ihn, als sei's Kinderspiel, über den Dachbalken. Damals ist er auch ganz blaß geworden———
Wenn er noch gut zu ihr gewesen wäre; aber er betrog sie, und das Abend für Abend. Ich glaube, sie hatte ihn nach jedem Mal bloß noch lieber.—So stand es, als das letzte geschah. Ich dachte, jetzt mag es biegen oder brechen. Unser Herrgott hat wohl nicht gewollt, daß er es so weitertreiben sollte, deshalb fiel er härter, als ich gewollt hatte.—Ich habe ihn nachher nie wiedergesehen."