Margit schluchzte und wischte sich die Tränen ab, sie fing aber wieder zu weinen an, als sie sprechen wollte, und so geschah es noch ein paarmal. Der Pfarrer tröstete sie und sagte, es könne doch gewiß keine so große Schuld sein, sie sei wohl zu streng gegen sich usw. Margit aber weinte und hatte nicht den Mut, zu beginnen, bis der Pfarrer sich neben sie setzte und ihr gut zuredete. Da kam es denn allmählich aus ihr heraus: "Der Junge hat es als Kind schlecht gehabt, und da hat er die Wanderlust bekommen. Dann kam er mit Kristian zusammen, mit dem, der jetzt drüben beim Goldgraben schwer reich geworden ist. Kristian gab Arne so viele Bücher, daß er anders wurde als wir; sie saßen nächtelang zusammen, und als Kristian fortging, wollte der Junge ihm nach. Zu der Zeit aber kam sein Vater ums Leben, und der Junge versprach, mich nie zu verlassen. Mir war zumut wie einer Henne, die ein Entenei ausgebrütet hat; als das Junge Luft gekriegt hatte, wollte es fort aufs große Wasser, und ich lief schreiend am Ufer hin und her. Konnte er auch selbst nicht fort, so konnten es doch seine Lieder, so daß ich jeden Morgen glaubte, sein Bett müsse leer sein.

Da geschah es, daß ein Brief aus sehr weiter Ferne für ihn eintraf, und der mußte von Kristian sein. Gott verzeihe mir, daß ich ihn an mich nahm und ihn versteckte. Ich dachte, hiermit habe es sein Bewenden, aber da kam noch einer, und hatte ich den ersten versteckt, so mußte ich auch den andern verstecken. Aber war es nicht, als wollten die Briefe ein Loch in die Truhe brennen, in der sie lagen,—denn denken mußte ich dran, sowie ich die Augen aufschlug, bis ich sie wieder zumachte. Was Verkehrteres gab es auf der Welt nicht wieder,—es kam noch ein dritter! Den habe ich wohl eine Viertelstunde in der Hand gehalten; ich trug ihn drei Tage lang auf der Brust und überlegte hin und her, ob ich ihm wohl den Brief geben oder ob ich ihn zu den andern legen solle; aber vielleicht war er mächtig genug, den Jungen von mir fortzulocken,——ich konnte nichts dafür, aber ich legte ihn zu den andern. Jetzt ging ich täglich angstvoll um die Truhe herum und dachte an die Briefe, die noch kommen konnten. Vor jedem Menschen, der auf den Hof kam, hatte ich Angst; saßen wir in der Stube, und einer faßte an die Türklinke, dann zitterte ich; denn es konnte doch ein Brief sein, und dann würde er ihn bekommen. Wenn er im Dorf war, lief ich zu Hause herum und dachte, jetzt kriegt er da draußen vielleicht einen Brief, und darin steht von denen, die schon vorher angelangt sind! Wenn er nach Hause kam, forschte ich schon von weitem in seinem Gesicht, und Herrgott, wie war ich froh, wenn er lächelte, weil er ja dann nichts bekommen hatte! Er war jetzt auch so hübsch geworden wie sein Vater, nur blonder und sanfter. Und dann hatte er eine so schöne Stimme;—wenn er draußen vor der Tür in der Abendsonne saß, zu den Halden hinaufsang und auf die Antwort lauschte, dann fühlte ich, daß ich ihn nicht entbehren konnte!—Wenn ich ihn bloß sah oder doch wußte, er war irgendwo in der Nähe und freute sich über irgend etwas, und er hatte nur manchmal inzwischen ein gutes Wort für mich, dann wünschte ich mir nichts mehr auf der Welt und ich bereute keine Träne, die ich geweint hatte.

Aber gerade als es schien, er fühlte sich wohler und ginge lieber unter Menschen, da kam ein Bote von der Posthalterei, jetzt sei der vierte Brief gekommen, und darin seien zweihundert Taler!—Ich dachte, ich sollte auf der Stelle umsinken: Was sollte ich jetzt tun? Den Brief konnte ich ja beiseite schaffen, aber das Geld? Ich fand ein paar Nächte keinen Schlaf wegen dieses Geldes; ich hatte es manchmal auf dem Boden, manchmal im Keller hinter einer Tonne, und einmal war ich so verzweifelt, daß ich es vors Fenster legte, wo er es finden konnte. Als ich ihn kommen hörte, nahm ich es doch wieder fort. Schließlich aber fand ich einen Ausweg: ich gab ihm das Geld und sagte, es habe von Mutters Lebzeiten her noch ausgestanden. Er vergrub es in die Erde, wie ich mir gedacht hatte, und da kam es nicht weg. Aber dann mußte es geschehen, daß er gerade in dem Herbst eines Abends dasaß und sich wunderte, daß Kristian ihn so ganz vergessen habe!

Da brach die Wunde wieder auf, und das Geld brannte mir auf der Seele;
Sünde war es, und genützt hatte die Sünde nichts!

Eine Mutter, die sich an ihrem Kind versündigt, ist die unglücklichste aller Mütter;—und doch hab' ich es nur aus Liebe getan.—So soll ich wohl auch damit gestraft werden, daß ich mein Liebstes verliere. Denn seit dem Mittwinter hat er die Weise wiedergefunden, die er singt, wenn er sich hinaussehnt; die hat er von Kind an gesungen, und ich kann sie nicht hören, ohne zu erbleichen. Dann bin ich zu allem möglichen imstande, und hier sollst Du sehen,"—sie holte ein Stück Papier aus ihrem Mieder, faltete es auseinander und gab es dem Pfarrer, "hier ist etwas, woran er zuweilen schreibt; das geht gewiß nach der Melodie. Ich habe es mitgebracht, weil ich solch feine Schrift nicht lesen kann; sieh doch zu, ob da etwas vom Wandern drin steht.—"

Es stand nur eine Strophe auf dem Papier. Von der zweiten Strophe hier eine ganze und dort eine halbe Zeile, als sei es eine Weise, die er vergessen hatte, und die ihm jetzt Vers für Vers wieder einfiel. Der erste Vers aber lautete:

Könnt', o könnt' ich hinüber schaun
Über die hohen Berge!
Seh' nur immer den Gletscher blaun,
Rings die Wälder empor sich baun.
Ob sie die Gipfel stürmen,
Die sich wie Burgen türmen?

"Steht was vom Wandern drin?" fragte Margit und hing an den Augen des Pfarrers. "Ja, vom Wandern ist es", antwortete er und ließ das Blatt sinken. "Wußt' ich's doch! O Gott, ich kannte die Melodie ja!" Mit gefalteten Händen saß sie da und schaute den Pfarrer an, bang und gespannt, während eine Träne nach der andern ihr über die Backen lief.

Aber hier wußte der Pfarrer ebensowenig Rat wie sie. "Das muß der Bursch mit sich allein abmachen", sagte er. "Das Leben wird um seinetwillen nicht anders; es kommt nur darauf an, ob er selbst einmal mehr darin sehen kann. Jetzt scheint er es draußen erjagen zu wollen."—"Aber, Herr Pfarrer, das ist ja gerade wie mit der Frau", sagte Margit.—"Mit welcher Frau?" fragte der Pfarrer.—"Ja, die sich den Sonnenschein einfangen wollte, statt sich ein Fenster in die Wand zu machen."—Der Pfarrer war erstaunt über ihren Scharfsinn; aber es war nicht das erstemal, wenn sie auf diesen Gegenstand kam. Margit hatte ja sieben, acht Jahre lang an weiter nichts gedacht. "Meinst Du, daß er fortgeht? Was soll ich tun? Und das Geld? Und die Briefe?" Das alles stürmte zu gleicher Zeit auf sie ein. "Ja, die Sache mit den Briefen war nicht recht. Daß Du ihm etwas vorenthalten hast, was ihm gehört, ist schwer zu entschuldigen. Schlimmer aber ist noch, daß Du einen Mitchristen Deinem Sohn gegenüber in ein schlechtes Licht gesetzt hast, einen, der es nicht verdient hat, und besonders einen, den er sehr lieb hatte, und der ihm auch herzlich zugetan war. Wir wollen Gott bitten, daß er Dir verzeiht; wir wollen ihn beide bitten." Margit senkte den Kopf; sie hatte noch immer die Hände gefaltet: "Wie wollte ich ihn um Verzeihung bitten, wenn ich nur erst wüßte, ob er bleibt!"—Sie verwechselte wohl den lieben Gott mit Arne. Der Pfarrer tat, als merke er es nicht. "Möchtest Du es ihm jetzt gleich eingestehen?" fragte er. Sie schaute unverwandt zu Boden und sagte leise: "Wenn ich noch ein wenig warten könnte, täte ich es gern." Sie sah nicht, wie der Pfarrer lächelte; er fragte: "Glaubst Du nicht, Deine Sünde wird größer, je länger Du mit dem Eingeständnis zögerst?"—Sie hatte mit beiden Händen an ihrem Taschentuch zu tun, legte es in ein ganz kleines Viereck zusammen und versuchte, es noch kleiner zu machen; aber es wollte nicht gehen: "Ich habe Angst, wenn ich die Geschichte mit den Briefen eingestehe, dann zieht er fort."—"Du vertraust also nicht auf Gott?"—"Doch, natürlich", sagte sie schnell; dann fügte sie leise hinzu: "Aber wenn er mich nun doch verließe?"—"Du hast also mehr Angst davor, daß er fortgeht, als davor, in Deiner Sünde zu verharren?" Margit hatte ihr Taschentuch wieder auseinandergenommen; sie führte es jetzt an die Augen, denn ihr kamen die Tränen. Der Pfarrer aber saß eine Weile und betrachtete sie; dann sprach er weiter: "Warum hast Du mir denn die ganze Geschichte erzählt, wenn Du nicht irgendeinen Zweck damit verbinden wolltest?" Er wartete eine ziemliche Weile, aber sie antwortete nicht. "Hattest Du vielleicht geglaubt, Deine Sünde würde kleiner, nachdem Du sie gebeichtet?"—"Das glaubte ich", sagte sie leise, den Kopf noch tiefer auf die Brust gesenkt. Der Pfarrer lächelte und stand auf. "Ja, ja, meine gute Margit, Du mußt so handeln, daß Du auf Deine alten Tage Freude davon hast."—"Könnte ich nur die Freude behalten, die ich habe", sagte sie, und der Pfarrer dachte, sie könne sich kein größeres Glück denken, als in dieser beständigen Angst zu leben. Er lächelte, während er sich seine Pfeife stopfte. "Wenn hier doch ein kleines Mädchen wäre, das sich ihn eroberte; dann solltest Du sehen, er bliebe!"—Sie sah rasch auf und folgte dem Pfarrer mit den Augen, bis er vor ihr stehen blieb: "Eli Böen—? Was?" Sie wurde rot und blickte wieder zu Boden; aber sie antwortete nicht. Der Pfarrer stand da und wartete und sagte schließlich, diesmal aber ganz leise: "Wenn wir es so einrichteten, daß sie öfter hier im Pfarrhaus zusammenkämen?" Sie blinzelte zu dem Pfarrer hinauf, um zu sehen, ob es ihm auch voller Ernst sei. Aber sie wagte nicht so recht, daran zu glauben. Der Pfarrer setzte sich wieder in Bewegung, stand dann aber still: "Hör' mal, Margit! Wenn man's bei Licht besieht, war das am Ende Dein ganzes Anliegen heute?"—Sie sah zu Boden, steckte ein paar Finger in das zusammengefaltete Taschentuch und holte einen Zipfel hervor: "Nun ja, Gott verzeih mir's: das wollte ich ja gerade."—Der Pfarrer brach in ein herzliches Lachen aus und rieb sich die Hände: "Vielleicht wolltest Du das schon, als Du das letztemal hier warst?"—Sie zog den Zipfel weiter heraus, zerrte und zupfte daran: "Da Du es nun doch mal sagst,—ja, das war es."—"Haha, haha! O Margit, Margit!——Na, wir wollen sehen, was sich machen läßt; denn, daß ich's nur gestehe, meine Frau und meine Tochter haben schon längst denselben Gedanken gehabt wie Du."—"Ist es möglich?" Sie blickte so glücklich und so verschämt zugleich auf, daß der Pfarrer so recht seine Freude an ihrem offnen, hübschen Gesicht hatte, auf dem sich in allem Leid und aller Angst das Kind erhalten hatte. "Ja, ja, Margit, Dir, die soviel Liebe in sich hat, wird auch von Deinem Gott und Deinem Sohn um Deiner Liebe willen vergeben werden, was Du getan hast. Du bist ja auch genug gestraft durch die ständige große Angst, in der Du gelebt hast; wir werden jetzt sehen, ob Gott ihr ein schnelles Ende bereiten will, denn will er das, dann hilft er uns jetzt auch ein wenig." Sie stieß einen langen Seufzer aus und noch einen und noch einen, bedankte sich, knixte und ging und knixte an der Tür noch einmal. Aber sie war kaum draußen, als sie ganz verändert war. Sie sah mit einem schnellen, vor Dankbarkeit strahlenden Blick zum Himmel auf und stieg eilig die Treppe hinunter; immer mehr beeilte sie sich, je weiter sie sich von den Menschen entfernte, und so leichtfüßig, wie sie an diesem Tage auf Kampen zuschritt, war sie seit vielen, vielen Jahren den Weg nicht mehr gegangen. Als sie so nahe gekommen war, daß sie sehen konnte, wie der Rauch dicht und lustig aus dem Schornstein aufstieg, segnete sie das Haus und den ganzen Hof und den Pfarrer und Arne, und dann fiel ihr ein, daß es ja Rauchfleisch zu Mittag gab, ihr Lieblingsessen.

Vierzehntes Kapitel