"Das sag' ich Dir um keinen Preis der Welt!"—lachte sie.—"Ich habe Dir doch was vorgesungen, als Du mich drum batest."—"Das ist wahr;—aber nein, nein!"—"Eli, glaubst Du, ich mache mich über den kleinen Vers lustig, den Du gedichtet hast?"—"Nein, das glaube ich nicht, Arne; aber ich hab' ihn nicht selbst gemacht."—"Ist er von einem andern?"—"Ja, es ist mir so zugeweht."—"So kannst Du es mir doch sagen."—"Nein, nein, so ist es ja auch nicht, Arne; quäl' mich nicht länger." Sie barg wohl den Kopf im Kissen, denn das letzte war kaum zu hören. "Eli, jetzt bist Du nicht so nett zu mir, wie ich zu Dir gewesen bin!" er stand auf. "Arne, das ist doch etwas ganz anderes!—Du verstehst mich nicht!—aber es war—ich weiß selbst nicht—ein andermal—sei mir nicht böse, Arne! geh nicht fort!" sie fing zu weinen an.

"Eli, was ist Dir?" er lauschte. "Bist Du krank?" das glaubte er selbst nicht. Sie weinte noch immer; ihm war, er müsse jetzt entweder vorwärts oder zurück. "Eli!"—"Ja"; sie flüsterten beide. "Gib mir die Hand!" Sie antwortete nicht; er lauschte angestrengt, gespannt,—tastete über die Decke und faßte eine kleine, warme Hand, die frei lag.

Da knarrte die Treppe, und sie ließen sich los. Es war die Mutter mit Licht. "Ihr sitzt auch zu lange im Dunkeln", sagte sie und stellte den Leuchter auf den Tisch. Aber weder Eli noch er konnten das Licht vertragen; sie vergrub das Gesicht in den Kissen, er hielt sich die Hand vor die Augen. "Ach ja, es tut zuerst ein bißchen weh", sagte die Mutter, "aber das geht vorüber."

Arne suchte auf dem Fußboden nach seiner Mütze, die er gar nicht bei sich gehabt hatte, und dann ging er.

Tags darauf hörte er, Eli werde am Nachmittag ein bißchen herunterkommen. Er packte sein Handwerkszeug zusammen und verabschiedete sich. Als sie nach unten kam, war er fort.

Dreizehntes Kapitel

Spät kommt der Frühling in die Berge. Die Post, die den Winter dreimal in der Woche den Königsweg entlang fährt, geht schon im April nur noch einmal, und dann fühlen die Bergbewohner, daß draußen der Schnee fort und das Eis gebrochen ist, daß die Dampfer verkehren und der Pflug die Erde aufwühlt. Hier liegt der Schnee noch drei Ellen hoch; das Vieh brüllt in den Ställen, und die Vögel kommen geflogen, verkriechen sich aber und frieren. Ab und zu erzählt ein Wanderer, er habe seinen Wagen unten im Tal gelassen, und er hat Blumen mit und zeigt sie; die hat er am Wegrand gepflückt. Da fährt eine Unruhe in die Leute dort oben; sie gehen umher und plaudern, schauen nach der Sonne aus und über das Land hin, wieviel sie wohl täglich schaffe. Sie streuen Asche auf den Schnee und denken an die Menschen, die jetzt Blumen pflücken.

In solcher Zeit war's, als die alte Margit Kampen zur Pfarre gegangen kam und den Herrn Pfarrer sprechen wollte. Und sie wurde in sein Arbeitszimmer hinaufgeführt, wo der Pfarrer, ein schmächtiger, hellblonder Mann, die großen Augen hinter einer Brille, sie freundlich empfing, sie gleich erkannte und sie bat, Platz zu nehmen. "Ist es wieder was mit Arne?" fragte er, als hätten sie schon häufiger über diesen Fall gesprochen. "Ja, Gott helfe mir," sagte Margit, "ich kann ja nie was andres als gutes von ihm sagen, und doch ist es so schwer"; sie sah sehr sorgenvoll aus. "Ist denn wieder die alte Sehnsucht über ihn gekommen?" fragte der Pfarrer. "Schlimmer als je", sagte die Mutter. "Ich glaube nimmer, daß er bei mir bleibt, wenn der Frühling kommt."—"Er hat doch versprochen, Dich nie zu verlassen."—"Freilich; aber Herrgott,—er weiß sich ja selbst keinen Rat; wenn ihm der Sinn in die Welt steht, muß er eben gehen. Was soll dann aber aus mir werden?"

"Ich glaube, schließlich wird er Dich doch nicht allein lassen", sagte der Pfarrer. "Nein, natürlich; aber wenn er es nun zu Hause nicht aushalten kann? Soll ich es da auf mein Gewissen laden, ihm im Wege zu stehen; manchmal denke ich, ich müsse ihn selbst bitten zu reisen."

"Woher weißt Du, daß er jetzt noch größere Sehnsucht hat als früher?"—"Ach,—aus vielen Dingen. Seit dem Mittwinter hat er keinen einzigen Tag mehr im Dorf gearbeitet. Dagegen ist er dreimal nach der Stadt gefahren und jedesmal lange weggeblieben. Er spricht fast nie, wenn er arbeitet, und das hat er doch sonst oft getan. Er kann stundenlang allein oben an dem kleinen Bodenfenster sitzen und nach den Bergen schauen, dorthin, wo die Kampenschlucht ist; da kann er Sonntags den ganzen Nachmittag sitzen, und oft, wenn es mondhell ist, bleibt er dort bis tief in die Nacht hinein."—"Liest er Dir nie etwas vor?"—"Natürlich, jeden Sonntag liest er mir vor und singt, aber immer so ein bißchen in Eile, außer wenn er beinahe zu viel des Guten tut."—"Spricht er dann nie mit Dir?"—"Oft macht er so lange Pausen, daß ich heimlich vor mich hinweine. Das sieht er dann und fängt zu reden an, aber immer von den leichten Dingen, nie von den schwereren." Der Pfarrer ging auf und ab, dann blieb er stehen und fragte: "Warum sagst Du ihm das nicht?"—Es dauerte lange, bis sie hierauf etwas antwortete; sie seufzte ein paarmal, schaute zu Boden und zur Seite und faltete ihr Taschentuch zusammen. "Ich bin heute hergekommen, um mit dem Herrn Pfarrer über etwas zu reden, was mir schwer auf der Seele liegt."—"Sprich frei heraus; es wird Dich erleichtern."—"Ja, es wird mich erleichtern; denn ich habe es jetzt viele Jahre lang allein mit mir herumgeschleppt, und es wird mit jedem Jahre schwerer."—"Was ist es, liebe Frau?"—Sie zögerte eine Weile, dann sagte sie: "Ich habe eine große Sünde an meinem Sohn begangen", sie fing zu weinen an. Der Pfarrer trat dicht vor sie hin: "Gesteh' sie mir, dann wollen wir zusammen zu Gott beten, daß sie Dir vergeben werde."