Das Lied benahm ihr fast den Atem. Er saß nachher auch da, als habe er mehr gesungen, als er eigentlich wahr haben wollte.

Das Dunkel liegt schwer über denen, die beisammen sitzen und nicht sprechen mögen; sie sind sich niemals näher als gerade dann. Er hörte es, wenn sie sich nur regte, wenn sie nur mit der Hand über die Decke strich, wenn sie nur einmal etwas tiefer atmete als gewöhnlich.

"Arne—, könntest Du mich nicht dichten lehren?"—"Hast Du es nie versucht?"—"Doch, jetzt in den letzten Tagen; aber ich bringe kein Lied zustande."—"Was hast Du denn darin sagen wollen?"—"Etwas von Mutter, die Deinen Vater so lieb hatte."—"Das ist ein schwieriger Stoff."—"Mir sind auch darüber die Tränen gekommen."—"Du mußt nicht nach Stoffen suchen; sie kommen von selbst."—"Wie denn?"—"Wie alles Liebe: wenn Du es am wenigsten erwartest."—Sie schwiegen beide. "Mich wundert, Arne, daß Du Dich von hier fortsehnst, wo Du doch soviel Schönes in Dir hast."—"Weißt Du denn, daß ich mich fortsehne?"—Sie antwortete nicht; sie lag ganz still wie in Gedanken. "Arne, Du darfst nicht fort!" sagte sie, und das ging ihm warm zu Herzen.—"Manchmal hab' ich auch weniger Lust dazu."—"Deine Mutter muß Dich sehr lieb haben. Ich möchte Deine Mutter einmal sehen!"—"Komm doch mal nach Kampen, wenn Du erst wieder gesund bist." Und da stellte er sie sich auf einmal vor, wie sie in Kampen in der hellen Stube saß und auf die Berge schaute; sein Herz fing zu klopfen an, und das Blut schoß ihm ins Gesicht. "Es ist warm hier drinnen", sagte er und stand auf.

Sie hörte es. "Willst Du schon gehen?" sagte sie, und er setzte sich wieder.

"——Du mußt öfter zu uns kommen;—Mutter hat Dich so lieb."—"Ich selbst möchte auch gern;—aber ich muß doch ein Gewerbe treiben."—Eli schwieg eine Weile, als denke sie nach. "Ich glaube," sagte sie, "Mutter wollte Dich um etwas bitten——"

Er hörte, wie sie sich im Bett aufrichtete. Kein Laut war in der Kammer zu hören und auch unten nicht, außer der Uhr, die an der Wand tickte. Da stieß sie heraus:

"Wollte Gott, es wäre Sommer!"

"Es wäre Sommer!" Und vor seiner Phantasie erstanden Bilder von feuchtem Laub und Herdengeläut, von Jodeln auf Bergeshöhen und Gesang in den Tälern. Der Schwarze See lag und schimmerte in der Sonne und die Gehöfte wiegten sich drin. Eli kam heraus und setzte sich draußen hin wie an jenem Abend. "Wenn es Sommer wäre," sagte sie, "und ich auf dem Hügel säße, glaube ich ganz bestimmt, ich könnte ein Lied dichten!"

Er lachte und fragte: "Wovon sollte es denn handeln?"—"Von etwas
Leichtem, von—ja, ich weiß selbst nicht."

"Sag' es, Eli!" er stand vor Freude auf, überlegte aber und setzte sich wieder.