Eli durfte nun schon zuweilen auf sein, und je mehr es mit ihr vorwärts ging, desto mehr Einfalle hatte sie. So auch eines Abends, als Arne in der Stube unter Elis Kammer saß und mit lauter Stimme sang: da kam die Mutter hinunter und bestellte von Eli, er möge doch hinauf kommen und singen, damit sie die Worte besser verstehen könne. Arne hatte vielleicht schon hier unten Eli zuliebe gesungen, denn als die Mutter dies sagte, wurde er rot und stand auf, als wolle er sein Tun ableugnen, wiewohl keiner es behauptet hatte. Er faßte sich aber schnell und sagte ausweichend, er könne nur so wenig singen. Die Mutter aber meinte, wenn er allein sei, schiene das gar nicht der Fall zu sein.
Arne gab nach und ging. Er hatte Eli seit dem Tage nicht gesehen, da er sie hatte hinauftragen helfen; er dachte, sie müsse sich jetzt sehr verändert haben, und das machte ihn ein bißchen ängstlich. Aber als er leise die Tür öffnete und eintrat, war es stockfinster im Zimmer, und er konnte nichts sehen. Er blieb an der Tür stehen. "Wer ist da?" fragte Eli leise und deutlich. "Arne Kampen", entgegnete er behutsam, damit die Worte recht weich klängen.—"Es ist nett, daß Du kommst."—"Wie geht es Dir, Eli?"—"Danke, jetzt geht es besser."
"Setz' Dich doch, Arne", sagte sie eine Weile drauf, und Arne tastete sich zu einem Stuhl hin, der am Fußende des Bettes stand. "Es tat mir wohl, Dich singen zu hören, Du mußt mir hier oben etwas vorsingen."—"Wenn ich nur etwas könnte, was hierherpaßte."—Es blieb eine Zeitlang still; dann sagte sie: "Sing einen Choral!" und das tat er, und zwar ein Stück aus einem Konfirmationslied. Als er zu Ende war, hörte er sie weinen, und deshalb wagte er nicht weiter zu singen; nach einer Weile aber sagte sie: "Sing' noch so eins", und er sang noch eins, diesmal ein sehr bekanntes Kirchenlied. "Über wievieles hab' ich nicht nachgedacht, als ich hier so lag", sagte Eli. Er wußte nicht, was er darauf sagen solle, und hörte ihr leises Weinen in der Dunkelheit. Eine Uhr tickte hinten an der Wand, holte zum Schlage aus und schlug dann. Eli atmete ein paarmal tief auf, als wolle sie ihre Brust erleichtern, und dann sagte sie: "Man weiß so wenig, kennt weder Vater noch Mutter.—Ich bin nicht lieb zu ihnen gewesen,—und deshalb war's mir so eigen, jetzt das Konfirmationslied zu hören."
Wenn man im Dunkeln miteinander redet, ist man viel aufrichtiger, als wenn einer des andern Gesicht sieht; man sagt auch wohl mehr.
"Das war ein gutes Wort", sagte Arne; er mußte daran denken, was sie damals gesagt hatte, als sie krank wurde. Das wußte sie, und deshalb sagte sie: "Wäre dies alles mir nun nicht geschehen, so hätt' es Gott weiß wie lange gedauert, bis ich mich zu Mutter hingefunden hätte."—"Sie hat jetzt mit Dir gesprochen?"—"Jeden Tag; weiter hat sie nichts getan."—"Da hast Du wohl manches gehört."—"Das kannst Du glauben."—"Sie hat wohl auch von meinem Vater gesprochen."—"Ja."——"Denkt sie noch an ihn?"—"Sie denkt an ihn."—"Er ist nicht gut zu ihr gewesen."—"Arme Mutter!"—"Aber am schlechtesten war er gegen sich selbst."
Jeder dachte etwas, was er dem andern nicht sagen mochte. Eli fand zuerst Worte: "Du sollst Deinem Vater gleichen."—"Man sagt es", antwortete er ausweichend; ihr fiel der Ton nicht auf, und deshalb fing sie nach einer Weile wieder an: "Konnte er auch dichten?"—"Nein."
"Sing mir ein Lied,——eins, das Du selbst gemacht hast." Aber Arne pflegte nicht gern zuzugeben, daß die Lieder, die er sang, von ihm selbst waren. "Ich habe keins", sagte er. "Doch hast Du das, und Du singst mir auch eins vor, wenn ich Dich drum bitte."—Was er für keinen andern je getan hätte, das tat er nun für sie. Er sang nämlich folgendes Lied:
Mit Blatt und Knospen stand fertig der Baum.
"Soll ich—?" blies der Frühfrost aus dem eisigen Raum.
"Nein, Liebster, sei lind,
Bis wir Blüten worden sind!"
So baten die Knospen tief in ihrem Traum.
Der Baum trug Blüten, die Nachtigall sang,
"Soll ich—?" rief der Wind und schüttelte sie lang'.
"Nein, laß, lieber Wind,
Bis wir Früchte worden sind!"
So baten all die Blüten und zitterten bang.
Und der Baum reifte Früchte in der Sommersonnenglut.
"Soll ich——?" fragte lächelnd das junge schöne Blut.
"Ja, du darfst, lieb Kind!
Nimm so viele, wie da sind!"
Sprach der Baum und beugte sein schwellendes Gut.